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»Eure Götter helfen euch jetzt nicht, oder?«, fragte eine Frau voller Bitterkeit. »Und sie helfen uns auch nicht. Ich wünschte, ihr wärt nie hierhergekommen!«

Andere Stimmen gesellten sich dem Streit bei. Gers Husten wurde lauter. Weitere Anklagen erklangen. Plötzlich riefen viele Menschen durcheinander. Aufgestaute Wut und Angst ließen die Luft vibrieren. Jemand sprang auf, und Lu zuckte zusammen, als der Mann wütend auf einen anderen eintrat, obwohl sie nicht sehen konnte, wer das Opfer war. Irgendjemand schrie vor Schmerz, dann rappelten sich plötzlich überall auf dem Feld Menschen auf - einige, um die Neuankömmlinge zu schlagen, andere, um sich in Sicherheit zu bringen.

Lu packte Ti und stand auf, dann drehte sie sich nach Dor um, aber er war fort. Mit vor Angst rasendem Herzen suchte sie nach ihm.

»AUFHÖREN!«

Ein Licht flammte auf, so hell, dass Lu nicht mehr richtig sehen konnte. Ti begann zu weinen.

»ES WIRD NICHT GEKÄMPFT!«

Die Stimme gehörte der Weißen. Langsam kehrte Lus Sehkraft zurück. Sie blinzelte heftig und hielt Ti dicht an sich gedrückt, während sie weiter nach ihrem Mann suchte. Etliche Krieger marschierten quer über das Feld und blafften Befehle.

»Die Pentadrianer nach links, die Zirkler nach rechts«, rief einer der Männer.

Sie trennen uns, schoss es ihr durch den Kopf. Wo ist…?

In diesem Moment löste sich Dor aus der Menge, das Gesicht dunkel von unterdrücktem Zorn. Sie eilte zu ihm hinüber und sah, wie seine Miene weicher wurde. Als er einen Arm um ihre Schultern legte, seufzte sie vor Erleichterung. Dann bemerkte sie das Blut auf seinen Knöcheln und sah ihn fragend an.

Er lächelte grimmig. »Ein Glückstreffer«, sagte er. »Danach bin ich nicht mehr nahe genug herangekommen. Die anderen hatten auch keinen Erfolg. Die meisten von ihnen sind Zauberer.«

»Zauberer?«, wiederholte sie.

»Ja.« Er seufzte. »Ich denke, die Weiße muss recht haben. Gewöhnliche Menschen mögen über einige wenige Gaben verfügen, aber doch nichts in dieser Art. Man hat uns überlistet, Lu.«

Lu blickte auf Ti hinab, deren kleines Gesicht sich zusammengezogen hatte, während sie mit Inbrunst weinte. Dann schaute sie zu der Menge der Neuankömmlinge hinüber - nein, der Pentadrianer -, die sich jetzt auf der anderen Seite des Felds niederließen. Sie spürte etwas in sich, das sie noch nie zuvor verspürt hatte.

Hass.

34

Fesseln wurden gelöst und ein Wasserschlauch sowie ein Päckchen mit Essen überreicht. Sreil drehte sich zu Auraya um. Seine Sorge um sie und um den Priester, der allein im Kerker zurückblieb, war so stark, dass sie sie körperlich spüren konnte. Sie hielt seinem Blick stand und beobachtete, wie seine Gedanken zu jenen wanderten, die vor ihm nach Hause geflogen waren. Er nickte knapp, dann wandte er sich wieder um und sprang von dem Gebäude.

Während sie ihm nachsah, schlug eine Welle der Erleichterung über ihr zusammen. Er musste immer noch die lange Heimreise überleben, aber die Chancen, dass sie Sprecherin Sirri ohne schreckliche Schuldgefühle und Trauer würde gegenübertreten können, hatten sich verbessert. Sie wusste nicht, wie sie eine solche Begegnung ertragen sollte, falls Sirris Sohn es nicht nach Hause schaffte.

Es ist nur noch ein Siyee übrig, der freigelassen werden muss, dachte sie, wobei sie den Mann an ihrer Seite überdeutlich wahrnahm. Wenn Nekaun etwas gegen mich unternehmen will, wird er es bald tun.

»Was wirst du mir heute zeigen?«, fragte sie und drehte sich zu ihm um.

Er hob die Schultern. »Nichts. Ich habe dir alles gezeigt, was man von der Stadt aus erreichen kann. Heute… ich dachte, wir könnten uns vielleicht einfach entspannen und reden.«

Auraya lächelte schief. Sie würde sich niemals entspannen, wenn sie mit ihm redete. Er führte sie in das Gebäude hinab und durch mehrere Flure. Einige Teile des Sanktuariums waren ihr inzwischen vertraut. Sie verlor kaum jemals die Orientierung. Als Nekaun sie nun in höhere Bereiche brachte, in die sie bisher nie vorgestoßen war, wuchs ihre Neugier.

Am Ende eines Flurs angekommen, führte Nekaun sie durch eine Doppeltür und in einen großen, luftigen Raum. Mehrere Domestiken standen dort bereit.

»Dies ist mein privates Quartier«, erklärte er ihr. Nach einigen knappen Worten auf Avvensch eilten die Domestiken davon. Nekaun öffnete eine Doppeltür, hinter der sich ein Balkon verbarg.

»Komm mit nach draußen«, sagte er. »Es ist angenehm, dort zu sitzen und zu reden, besonders an einem Tag wie diesem, wenn kühle Brisen die Sommerhitze ein wenig lindern. Ich habe etwas zu trinken und zu essen bestellt.«

Auraya folgte ihm zu den kunstvoll gewobenen Riedsesseln auf dem Balkon. Auf einem Tisch standen ein Krug aus geblasenem Glas und zwei reich verzierte Kelche. Nekaun goss Wasser in einen der Kelche und reichte ihn Auraya.

Sie setzte sich und nippte vorsichtig an dem Getränk. Nekaun nahm ihr gegenüber Platz.

Turaan hatte einen Stuhl ein wenig weiter entfernt gewählt. Der Gefährte sprach in letzter Zeit kaum einmal, und meistens vergaß sie, dass er da war. Während Nekaun normalerweise in seiner eigenen Sprache redete und Turaan übersetzen ließ, benutzte er jetzt das Hanianische. Trotzdem blieb der Gefährte bei ihnen. Bei den weniger alltäglichen Worten, die er noch nicht kannte, brauchte Nekaun nach wie vor seine Hilfe.

Auraya wartete stets, bis Hanianisch gesprochen wurde, obwohl sie wusste, dass ihre Fähigkeit, Gedanken zu lesen, entdeckt worden war. Solange die Stimmen so taten, als sei dies ein Geheimnis, würde sie sich genauso verhalten.

»Also, was hältst du von meiner Heimat, jetzt, nachdem du mehr davon gesehen hast?«, fragte Nekaun.

»Das Sanktuarium ist sehr schön«, antwortete sie.

Er lächelte. »Und die Stadt?«

»Wohlhabend. Ordentlich. Ich wünschte, Jarime wäre ebenfalls mit so viel Voraussicht geplant worden.«

»Man macht nur dann Pläne, wenn es notwendig ist. Hania ist nicht so trocken wie Avven. Was ist mit meinem Volk? Wie stehst du jetzt zu ihm?«

»So wie immer«, erwiderte sie. »Die Menschen sind überall gleich. Sie lieben und hassen. Sie folgen guten Traditionen und schlechten. Sie arbeiten, essen, schlafen, ziehen Familien groß und betrauern die Toten.«

Nekaun hob die Brauen. »Und doch stehst du anders zu ihnen als zu den Siyee?«

»Die Siyee hassen mich nicht. Dein Volk tut es.«

»Hmm.« Er nickte. »Aber das wusstest du nicht, bevor du hierhergekommen bist.«

»Nein, allerdings habe ich es vermutet. Ich wäre irregeleitet gewesen, hätte ich geglaubt, hier willkommen zu sein. Dein Volk hat reichlich Grund, mich zu hassen.«

Seine Augen leuchteten auf. »Das könntest du ändern«, sagte er leise. »Wenn du hierbleiben würdest. Du hast eine Gelegenheit, die Gunst der Menschen hier zu gewinnen.«

»Und mir den Hass meines eigenen Volkes zuzuziehen?«, fragte sie.

»Ah, aber würde es wirklich so kommen? Wenn du einen dauerhaften Frieden zwischen unseren Völkern stiften würdest, würden sie dich vielleicht beide lieben. Es würde zu Beginn nicht einfach sein, aber wenn du Erfolg hättest…«

Auraya wandte den Blick ab und schaute durch das Geländer des Balkons auf die Stadt unter ihr. Nekauns Vision war mächtig und verführerisch. Als Weiße war sie für ihre Fähigkeit bekannt gewesen, Völker zu einen. Ihre naiven Vorschläge hatten seinerzeit die Befreiung ihres Dorfes von den Dunwegern bewirkt, die die Menschen dort als Geiseln genommen hatten. Ihr Verständnis für die Traumweber hatte es ihr ermöglicht, ein Bündnis mit den Somreyanern zu stiften und Toleranz und Zusammenarbeit zwischen Traumwebern und Zirklern zu fördern. Ihre Liebe zu den Siyee hatte das Himmelsvolk mit den Zirklern vereint. Es schien beinahe der nächste logische Schritt zu sein, Frieden zwischen den Zirklern und den Pentadrianern zu stiften.