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Das Absteigen war schmerzhaft. Sie unterdrückte ein Stöhnen und rieb sich die Beine und das Gesäß, dann reckte sie sich vorsichtig. Schließlich goss sie ein wenig Wasser in eine Schale, die sie zwischen einige Felsen klemmte und für das Arem stehen ließ.

Sie verließ die Straße und ging langsam zu den Felsen hinüber, wobei sie versuchte, sich so lautlos wie möglich über den steinigen Boden zu bewegen. Der Felsvorsprung hatte die Ausmaße eines großen Hauses. Vorsichtig bewegte sie sich durch den Schatten des Felsens, dann blieb sie stehen und lächelte.

Ray lag auf einer Decke. Sein Arem stand mit hängendem Kopf da, den Zügel an Rays Taille gebunden. Das Tier trug noch immer Bündel und Sattel.

Eine Vorsichtsmaßnahme, dachte sie. Für den Fall, dass er in aller Eile fortmuss. Armes Ding. All diese Schätze müssen schwer sein.

Sie zog Magie in sich hinein, schuf einen einfachen Schutzschild und ging auf die beiden zu. Das Arem trat einige Schritte zurück, so dass der Zügel an Rays Taille sich zusammenzog. Emerahl lächelte, als Ray das Gesicht verzog, sich aufrichtete und die Augen rieb. Wenn man müde war, war es nicht besonders angenehm, geweckt zu werden.

»Sei mir gegrüßt, Raynora«, sagte sie und blieb einige Schritte entfernt von ihm stehen.

Er sah sie blinzelnd an, dann verschränkte er die Beine und seufzte. Sein Entsetzen war förmlich mit Händen zu greifen. Außerdem spürte sie auch Enttäuschung. Er wusste, dass sie eine Zauberin war und dass er nichts tun konnte, um sie aufzuhalten.

»Emmea. Das hätte ich mir denken können. Barmonia war so erpicht darauf, dich loszuwerden. Bist du hier, um mich zu töten oder um mich zurückzuschleifen?«

»Weder noch. Bar hat mich nicht hergeschickt«, erklärte sie ihm. »Er hat mir befohlen, im Lager zu bleiben, und dann hat er Mikmer und Kereon beauftragt, dir zu folgen. Sie sind natürlich auf deine Schliche hereingefallen und deinem Köder gefolgt.«

Sein Lächeln war angespannt. »Aber du bist nicht darauf hereingefallen.«

»Natürlich nicht.« Sie zuckte die Achseln. »Ich weiß, wo du hinwillst, und ich weiß, warum. Ich habe die ganze Zeit über von deiner Mission gewusst.«

»Aber wie? Mir war selbst bis gestern Nacht nicht klar, dass ich den Auftrag annehmen würde.«

Sie lächelte nur.

Er runzelte die Stirn. »Warum hast du es den anderen nicht erzählt?«

»Denkst du, sie hätten mir geglaubt?«

Raynora schüttelte den Kopf. »Nein. Wenn du über meine Mission Bescheid weißt, warum hast du mich dann nicht daran gehindert, die Schriftrolle zu zerstören?« Seine Augen weiteten sich. »Du wolltest, dass sie zerstört wurde, geradeso wie die Götterdiener es wollten!«

Sie kicherte. »Nein. Die Schriftrolle selbst kümmert mich herzlich wenig. Ein hässliches Ding, wirklich. Nicht das Gold wert, aus dem sie gemacht ist. Ich hätte sie nie außer Landes bringen können. Nein, ich wollte nur das, wozu die Schriftrolle führt.« Sie deutete mit dem Kopf auf das Bündel.

Er folgte ihrem Blick, dann breitete sich ein Lächeln auf seinen Zügen aus. »Ah.«

»Ja. Exotisch. Alt. Relativ hübsch.« Sie ging zu dem Arem hinüber und streichelte ihm die Nase. »Und jetzt brauche ich es mit niemandem zu teilen.«

»Aber…«

»Aber was? Du willst eine Belohnung?« Sie ging zu den Bündeln und öffnete die sperrige schwer aussehende Tasche. Gold, Silber, Edelsteine und andere Schmuckstücke glitzerten darin. Sie durchstöberte den Inhalt und hielt halbherzig Ausschau nach etwas Ungewöhnlichem, obwohl sie nicht wusste, was das sein sollte. Etwas mit einem…

Ein Diamant! Der Edelstein war beeindruckend groß und eingebettet in eine eigenartige Silberfassung. Sie zog ihn heraus und nahm ihn genau in Augenschein. Die ganze Einfassung war übersät mit Glyphen. Nachdem sie sich den Edelstein selbst genauer angesehen hatte, setzte ihr Herz einen Schlag aus, als sie die winzigen Markierungen darin sah.

Das ist es!, dachte sie. Ich weiß es!

Sie zog die Kette heraus und legte sie sich um. Raynora saß, den Kopf in die Hände gestützt, teilnahmslos da. Gerade als sie das Bündel wieder schließen wollte, bemerkte sie etwas Grünes, Leuchtendes: ein riesiger Smaragd an einer dicken Goldkette. Sie löste die Kette von dem übrigen Schmuck. Dann schloss sie das Bündel, nahm es von dem Arem und schlang es sich über die Schulter.

»Ray.«

Er blickte zu ihr auf.

»Fang.«

Sie warf ihm den Smaragd zu, der genau in seiner Hand landete. »Wofür ist das?«, fragte er.

»Eine Erinnerung an mich.«

Er seufzte. Erschöpfung und Resignation dämpften seinen Ärger. Sobald er erst einmal ordentlich geschlafen und Zeit zum Nachdenken gehabt hatte, würde dieser Ärger ihn vielleicht auf die Idee bringen, ihr zu folgen, ging es ihr durch den Kopf. Es sei denn, sie gab ihm keinen Grund dafür. Sie ging in Richtung Straße, dann wandte sie sich um, als sei ihr gerade noch etwas eingefallen.

»Haben die Pentadrianer dich gebeten, die Schriftrolle zu zerstören oder die Geheimnisse, die sie enthält?«

Er zuckte die Achseln.

»Oh, Ray«, sagte sie lächelnd. »Du bist der Einzige, der nett zu mir war. Ich wünschte wirklich, nicht ausgerechnet du wärst derjenige gewesen… Es wäre mir grässlich, wenn du keine Belohnung für all deine Mühe bekämest. Wusstest du, dass Barmonia eine Kopie der Schriftrolle nach Hannaya geschickt hat?«

Seine Augen weiteten sich, und sie spürte jähe Furcht bei ihm.

»Viel Glück«, sagte sie. Dann drehte sie sich um, schob das schwere Bündel auf die andere Schulter und kehrte zu ihrem Arem zurück.

Ich hoffe, dass ich mit diesem Diamanten richtig liege, dachte sie. Aber ich wette, dass ich recht habe, was die Schriftrolle betrifft. Barmonia ist kein Narr. Er hat wahrscheinlich tatsächlich eine Kopie in die Stadt geschickt. Vermutlich sogar mehr als eine.

Sie hoffte, dass er es getan hatte, da es möglich war, dass die Schriftrolle weitere wichtige Hinweise enthielt. Die Zwillinge würden außer sich sein, wenn es Ray tatsächlich gelungen war, alle Kopien zu zerstören, und Emerahls Vermutung, was den Diamanten betraf, sich als falsch erwies.

35

Als sie und Nekaun den Balkon verließen, erforschte Auraya den Geist des Siyee-Priesters. Sie brauchte einige Zeit, um ihn zu finden, und als sie es tat, begriff sie auch, warum das so gewesen war. Teel war fast bewusstlos und litt schreckliche Schmerzen.

Obwohl Nekaun ein zügiges Tempo vorlegte, wünschte sie, er würde schneller gehen. Oder sogar rennen. Andererseits konnte sie sich des Gedankens nicht erwehren, dass Teel der einzige Siyee war, für den sie jemals Abneigung empfunden hatte. Sein selbstgerechter Stolz und sein von Huan geschürter Fanatismus hatten während der Reise hierher an ihren Nerven gezerrt. Aber sie hätte dem jungen Mann niemals solchen Schmerz und solches Leiden gewünscht.

Im älteren Teil des Sanktuariums angekommen, eilten sie den Flur hinunter, der in die Halle führte. Als sie und Nekaun erschienen, öffneten die beiden Götterdiener, die als Wachen aufgestellt worden waren, das Tor. Dahinter warteten zwei weitere Götterdiener - ein Mann und eine Frau. Sie standen vor einem Siyee, der neben dem riesigen Thron lag. Aus ihren Gedanken las sie Verwirrung und Sorge. Sie wussten nicht, was Teel fehlte. Als sie sie und Nekaun sahen, traten sie zurück. Auraya zog Magie in sich hinein, errichtete eine Barriere um sich herum und ging neben dem Siyee in die Hocke.

»Was ist los?«, fragte Nekaun.

Die beiden Götterdiener begannen gleichzeitig zu sprechen, dann verfiel die Frau in Schweigen. Auraya legte dem Siyee eine Hand auf die Brust.

»Heute Morgen schien er noch vollkommen gesund zu sein«, gestand der männliche Götterdiener. »Es ist eigenartig. Er hat…«

Nekaun hob die Hand, um den Mann zum Schweigen zu bringen. »Auraya wird sich ihr eigenes Urteil bilden wollen«, sagte er. Dann sah er sie an und nickte.