Sie schloss die Augen und leerte ihren Geist, wie Mirar es sie gelehrt hatte. Es war nicht einfach, aber das Ungemach des Körpers unter ihrer Hand zog sie hinein. Als sie sah, was Teel fehlte, sog sie scharf die Luft ein.
»Er stirbt«, sagte sie.
»Kannst du irgendetwas tun?«, fragte Nekaun.
Sie begann, die Körperfunktionen zu beeinflussen, verlieh seinem Herz Kraft und ermutigte seine Lunge, härter zu arbeiten. Wo sie auch hinsah, überall drohten Organe zu versagen. Dann erkannte sie den Grund. Etwas floss durch seine Adern. Die Quelle war sein Magen.
Teel war vergiftet worden.
Sie griff nach weiterer Magie… und war überrascht und entsetzt, als ihre Bemühungen, den Siyee zu heilen, ins Stocken gerieten. Sie streckte ihre Macht weiter aus, aber nichts geschah. Ihr Bewusstsein verließ voller Eile den Priester und flog in alle Richtungen davon. Sie erkannte den Mangel, der sie umgab.
Ein Leerer Raum. Ich bin in einem Leeren Raum. Einem großen. Ich hätte es schon vorher spüren sollen, aber ich habe mich nur um Teel gesorgt. Man wird ihn von hier wegbringen müssen. Ob Nekaun wohl Bescheid weiß…
Ein kalter Schauer überlief sie. Natürlich wusste Nekaun von dem Leeren Raum. Wie hätte es auch anders sein können? Er befand sich innerhalb des Sanktuariums, dem Heim der Stimmen.
Eine Falle. Und ich bin mitten hineingetappt.
Plötzlich wurde ihr bewusst, dass Nekaun sich über sie beugte. Sie stand auf und sah ihm ins Gesicht.
»Er ist vergiftet worden«, sagte sie.
Nekaun lächelte. Es war nicht das bestrickende Lächeln, an das sie sich gewöhnt hatte, sondern ein Grinsen, das Befriedigung und Drohung ausstrahlte. Ihr Herz begann zu rasen.
Er machte einen Schritt auf sie zu. »Dann werden wir deinen Siyee-Freund morgen wohl nicht freilassen können.«
Sie wich zurück. Vielleicht weiß er doch nichts von dem Leeren Raum. Vielleicht deute ich sein Lächeln falsch…
»Hast du den Befehl dazu gegeben?«, fragte sie.
»Ja. Wie hätte ich dich sonst hier herunterlocken sollen?« Er blickte über ihre Schulter. Ihr Magen krampfte sich zusammen, als ihr bewusst wurde, dass die beiden Götterdiener hinter ihr standen. Aus ihren Gedanken las sie seine Befehle.
Umstellt sie. Sie kann nicht gegen euch kämpfen. Wie ihr bemerkt haben werdet, gibt es hier keine Magie.
Die beiden hatten nichts von seinen Plänen gewusst, erholten sich aber sehr schnell von ihrer Überraschung. Sie packten ihre Arme, und sie versuchte, sich ihrem Griff zu entwinden, aber die beiden waren stark. Beide waren Kriegerdiener, die sich ihrer körperlichen Kraft ebenso rühmten wie ihrer magischen Befähigungen.
»Lasst mich los«, verlangte Auraya.
Ihr Befehl erheiterte die beiden; sie hatten nicht die leiseste Absicht, ihn zu befolgen.
Nekaun, der breit lächelte, kostete den Augenblick aus. Als er näher kam, beschleunigte sich Aurayas Puls. So werde ich also sterben?, ging es ihr durch den Kopf. Wird Chaia meine Seele annehmen? Sie hielt Ausschau nach irgendeinem Hinweis darauf, dass die Götter in der Nähe waren, konnte aber keinen finden. Nekaun sah an ihr vorbei zu den Götterdienern hinüber.
»Hinter dem Thron werdet ihr Ketten finden.«
Ketten? Eine verzweifelte Hoffnung stieg in Auraya auf. Er hat nicht die Absicht, mich zu töten! Es sei denn, er will mich langsam töten. Was wird es sein? Werde ich verhungern? Hat er ein langsames Gift für mich geplant? Oder etwas Schlimmeres?
Ihr Geist zuckte vor dem Gedanken zurück. Sie starrte Nekaun an und wollte irgendetwas sagen, das ihn dazu bewegen würde, seine Meinung zu ändern - eine Drohung, die ihn abschrecken sollte, oder ein Angebot, das ihn in Versuchung führen würde. Aber sie konnte nicht klar denken, und sie konnte sich nicht dazu bringen zu sprechen. Ihr Herz hämmerte, und sie wehrte sich automatisch gegen die Hände, die sie festhielten, und die ganze Zeit über versuchte sie erfolglos, Magie in sich hineinzuziehen. Einer der Götterdiener machte sich an den Ketten zu schaffen, die fest in Aussparungen der Lehnen des Throns verankert waren.
»Bringt sie zum Thron«, wies Nekaun die beiden an. »Umschließt ihre Handgelenke mit den Fesseln.«
Die Götterdienerin hielt zuerst Aurayas linken Arm, dann den rechten ausgestreckt fest, während der Mann die Ketten um Aurayas Handgelenke legte. Als sie fertig waren, bedeutete Nekaun ihnen zurückzutreten. Dann griff er nach Aurayas Hand. Als er ihr den Priesterring abstreifte, unterdrückte sie einen Ausruf des Protests.
Aber der Ring funktioniert in Leeren Räumen ohnehin nicht, überlegte sie.
Er trat einen Schritt zurück, um sie zu betrachten.
»Das war viel zu einfach«, sagte er kopfschüttelnd. »Wer hätte gedacht, dass eine Weiße - eine ehemalige Weiße - so leicht einzufangen wäre?«
Sie biss die Zähne zusammen. Wollte er, dass sie bettelte und flehte? Dass sie einen Handel mit ihm einging, um ihre Freiheit wiederzuerlangen?
So viel zum Thema Frieden und Bündnisse. So viel zu Schwüren und Versprechungen.
»Du hast bei deinen Göttern geschworen, dass mir während meines Aufenthalts hier nichts zustoßen würde«, sagte sie in seiner Sprache, damit die Götterdiener sie verstehen konnten. »Wie kannst du, ihre Erste Stimme, ein Gelübde brechen, das du in ihrem Namen abgelegt hast?«
Sein Lächeln erlosch, aber seine Augen funkelten noch immer. »Ich kann es«, entgegnete er mit harter, ernster Stimme. »Aber nur auf Geheiß meiner Götter. Sie haben mir befohlen, das zu tun. Geradeso wie sie mich angewiesen haben festzustellen, ob man dich überreden könne, dich uns anzuschließen. Geradeso wie sie mir berichtet haben, dass deine Siyee auf dem Weg hierher seien, um uns anzugreifen.« Er zuckte die Achseln. »Geradeso, wie ich dich töten werde, wenn sie es von mir verlangen. Du solltest besser hoffen, dass sie es nicht tun werden.« Dann kehrte sein Lächeln zurück. »Zumindest kann ich mich jetzt wieder einer interessanten Arbeit zuwenden.«
Mit diesen Worten machte er auf dem Absatz kehrt und verließ die Halle, gefolgt von Turaan und den beiden Götterdienern.
Es war eine traurige Prozession, die über die Straße nach Chon zog. An der Spitze gingen die Pentadrianer, umringt von Kriegern. Als Nächstes kamen Ella, Danjin, Yem, Gillen und Gret, die in einem geschlossenen Plattan fuhren. Die Dorfbewohner bildeten das Schlusslicht, und auch sie waren umringt von Kriegern. Auf einem der Bauernhöfe hatte man einen Karren und ein Arem für die kleinen Kinder, die Alten und die Kranken gefunden.
Die Menschen in dem geschlossenen Plattan hatten bisher nur wenig gesprochen. Gillen hatte kurz nach Antritt der Fahrt versucht, ein Gespräch in Gang zu bringen, aber die anderen hatten ihn praktisch ignoriert. Gekränkt war er schließlich in ein mürrisches, resigniertes Schweigen verfallen.
Danjin sah Yem an. Jetzt, da er sich in der Gesellschaft eines Clanführers befand, strahlte der junge Krieger stille Würde aus. Gret schien entschlossen zu sein, mit Verdrossenheit auf die Schande zu reagieren, dass eins seiner Dörfer Pentadrianer willkommen geheißen hatte. Ella zeigte die gleiche Reserviertheit, die sie auf dem Weg zum Dorf an den Tag gelegt hatte. Ihre Aufmerksamkeit galt anderen Dingen. Von Zeit zu Zeit veränderte sich ihre Miene kaum merklich. Ohne erkennbaren Grund runzelte sie plötzlich die Stirn, seufzte oder lächelte. Danjin wusste, dass sie ein Auge auf die Pentadrianer hielt, für den Fall, dass sie versuchen sollten, zu fliehen oder die Krieger anzugreifen. Obwohl es den Kriegern nicht an Gaben mangelte, fanden sich doch keine mächtigen Zauberer unter ihnen, und sie würden Hilfe brauchen, sollten ihre Gefangenen rebellieren.
Man hatte die Schläge des Plattans geöffnet, so dass Danjin die Aussicht hätte genießen können, wäre sie nicht von den Dorfbewohnern »verschandelt« worden, die ihnen folgten, ein Anblick, bei dem sich immer wieder sein Gewissen regte. Um die Dinge noch schlimmer zu machen, hörte er jetzt ein leises Plätschern und begriff, dass es regnete. Wie lange würde es dauern, bis die durchnässten Dorfbewohner krank wurden?