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Ella zuckte die Achseln. »Ihre Rechtsprechung hat in der Vergangenheit auch ohne meine Hilfe funktioniert, und so wird es sicher auch in diesem Fall sein.«

»Glaubst du das wirklich?«, fragte er.

Sie sah ihn an und seufzte. »Ich muss es glauben. Was bleibt mir anderes übrig?«

»Mach eine Liste«, schlug er vor. »Schreib auf, welche Dorfbewohner sich welcher Verbrechen schuldig gemacht haben.«

Sie musterte ihn einen Moment lang, dann nickte sie. »Das kann ich tun.«

»Ich kann dich wohl nicht überreden, gleichzeitig auch die Kinder und die Kranken von diesem Marsch freizusprechen?«

Ella schüttelte den Kopf. »Wer sollte sich um sie kümmern?«

»Irgendjemand würde es sicher tun.«

»Falls sich tatsächlich jemand finden sollte, möchtest du dann derjenige sein, der ein Kind von seinen Eltern trennt?«

Darauf konnte er nichts erwidern. Ich würde so viel Zeit wie möglich mit meinem Kind verbringen wollen, wenn ich glaubte, nicht mehr lange zu leben zu haben, dachte er.

Sie seufzte und wirkte plötzlich müde. »Ich muss zugeben, es ist eine Erleichterung, endlich aufzubrechen.«

Mitleid regte sich in Danjin. »Es ist niemals leicht, mitanzusehen, wie andere Länder Menschen eine solch harte Strafe auferlegen.«

Sie warf ihm einen eigenartigen Blick zu. »Ich habe davon gesprochen, in den Krieg zu ziehen. Die Götter haben immer wieder ihre Meinung geändert. Sie haben uns befohlen, uns für den Krieg bereitzumachen, dann sollten wir unsere Armeen abrüsten, dann wieder aufstellen. Ich denke, der Grund dafür war Auraya. Als sie beschloss, in Glymma zu bleiben, hat sie die Pläne der Götter durchkreuzt. Jetzt hat sie die Stadt vielleicht wieder verlassen, und wir sind frei, unseren nächsten Schritt zu tun.«

Danjin nickte. »Dann wird sie sich uns also in Kürze anschließen?«

»Ich weiß es nicht.« Ella zuckte die Achseln und ging zu Gret hinüber, der einen von zwei frischen Arems gezogenen Plattan lenkte.

36

Die Schritte klangen wie Hammerschläge in Teels Kopf. Er öffnete die Augen. Schwarzgewandete Männer kamen auf ihn zu und umringten ihn. Dann spürte er Hände unter sich, die hart zupackten. Ein Schmerz, der all seine Gedanken auslöschte, zuckte durch seinen Körper.

Etwas Kühles berührte seine Lippen. Er schluckte, als Wasser seine Kehle hinunterrann. Es schmeckte sauer. Er erinnerte sich an eine Stimme, die er vor einer Weile gehört hatte. Eine vertraute Stimme.

»Er ist vergiftet worden.«

Er spie das Wasser aus, aber die Hände und die schwarzen Roben engten ihn ein. Grausame Finger bohrten sich in seinen Kiefer. Dann war es wieder da, das abscheuliche Wasser, und er unterwarf sich ihm. Je eher er starb, umso eher würde der Schmerz enden. Er würde zu Huan gehen. Er war ihr Liebling. Sie würde ihn aufnehmen.

Eine Zeitlang suhlte er sich in Schwärze. Der Schmerz ließ nach. Er hatte keine Kraft, und er fror furchtbar, aber er fühlte sich besser. Schließlich öffnete er die Augen und blickte zu der hohen Decke der Halle empor. Die anderen Siyee fielen ihm wieder ein.

Sie sind alle fort, dachte er. Ich bin allein hier.

Nein, Teel, du bist nicht allein.

Die Stimme in seinen Gedanken erschreckte ihn. Es war nicht Huan, sondern eine männliche Stimme.

Ich bin Chaia.

Chaia!

Ja. Schau nach rechts, Teel.

Er gehorchte. Der übergroße Thron ragte über ihm auf. Er konnte sich daran erinnern, dass er hierhergeschleift worden war, nachdem die Krankheit - das Gift - die Oberhand über ihn gewonnen hatte. Außerdem erinnerte er sich daran, dass er hochgehoben und zurückgetragen worden war.

Eine Bewegung erregte seine Aufmerksamkeit, und einen Augenblick lang konnte er nicht glauben, was er sah. Eine Frau stand vor dem Thron. Sie war gefesselt.

Auraya!

Ja. Sie ist verraten worden.

Teel stöhnte.

Ich werde niemals hier rauskommen, nicht wahr?

Es ist unwahrscheinlich. Ich kann dich nicht befreien. Hier ist niemand, der meine Befehle ausführen wird.

Warum benutzt Auraya nicht ihre Magie, um die Fesseln zu sprengen?

Sie ist an einem Ort, an dem es keine Magie gibt.

Aurayas Blick war auf einen fernen Ort gerichtet. Sie wirkte benommen. Unerwartetes Mitgefühl regte sich in Teel. Sie war so daran gewöhnt, mächtig und unverletzbar zu sein. Diese Situation war gewiss schwer zu akzeptieren.

Ich kann sie nicht erreichen, sagte Chaia. Also musst du es tun. Wirst du für mich zu ihr sprechen?

Natürlich.

Sag ihr Folgendes….

Teel hörte aufmerksam zu, dann holte er Atem und rief Aurayas Namen. Seine Stimme klang schwächer, als er beabsichtigt hatte, aber ihr Blick schärfte sich, und sie wandte sich zu ihm um.

»Teel!« Sie runzelte besorgt die Stirn. »Wie geht es dir? Die Götterdiener haben dir etwas gegeben. Ich habe gehofft, dass es ein Gegenmittel für das Gift war.«

Plötzlich wusste er, wen er von Gift hatte sprechen hören.

»Oh. Ich dachte, sie würden…« Plötzlich atemlos, hielt er inne. »… mir noch mehr Gift einflößen.« Das Reden fiel ihm schwer. Es kostete ihn viel Kraft.

Sie lächelte schwach. »Nein, aber es war eine logische Schlussfolgerung. Ich hätte dasselbe gedacht.«

Er hätte die Achseln gezuckt, hätte er es der Mühe für wert befunden. »Es spielt keine Rolle. Chaia… hat mir … eine Nachricht für dich gegeben.«

»Chaia?« Ihre Augen weiteten sich, und er sah Hoffnung darin aufschimmern.

»Ja. Er sagte… er wolle versuchen… durch mich… weiter zu dir zu sprechen.« Es war so anstrengend zu reden. »Wenn der Feind… mich fortholt… wird er… jemand anderen finden. Du wirst ihn… an einem Wort… erkennen … ›Schatten‹.«

Er hielt inne, denn die Welt um ihn herum begann sich zu drehen. Er schloss die Augen und spürte, wie er langsam das Bewusstsein verlor.

»Teel!«

Mühsam öffnete er die Augen wieder und lächelte ihr zu.

»Bleib wach, Teel«, sagte sie. »Sprich mit mir.«

Er wollte die Lippen bewegen, aber die Anstrengung war zu groß. In seinen Ohren war ein Rauschen. Der Raum wurde heller und gleichzeitig seltsam trüb. Es war ein kaltes Licht. Er konnte seine Hände nicht spüren. Oder seine Füße. Das Atmen kostete so viel Kraft.

Zu viel. Er gab es auf, und das Licht stürzte auf ihn ein und löschte alle Gedanken aus.

Reivan seufzte, als sie ins Bett stieg. Die Sommerhitze war unbarmherzig. Es fiel ihr schwer, sich daran zu erinnern, wie die anderen Jahreszeiten waren, aber sie hatte keine Mühe, sich vorzustellen, dass diese niemals enden würde.

Seit Nekauns letztem Besuch war mehr als ein Monat vergangen. In letzter Zeit hatte sie begonnen, sich zu sagen, dass er nicht wiederkommen würde. Er hatte alles von ihr gesehen, was er sehen wollte. Seine Neugier war befriedigt. Er hatte sich interessanteren Herausforderungen zugewandt.

Wie Auraya.

Aber Nekaun versuchte nicht länger, Auraya zu betören. Imenja hatte Reivan mit offenkundiger Befriedigung erzählt, dass Nekaun Auraya eingekerkert habe.

Wie das möglich war, war Reivan noch immer nicht klar. Oder warum Nekaun Auraya nicht getötet hatte. Als sie Imenja danach gefragt hatte, hatte diese einfach das Thema gewechselt.

Die Neuigkeit hatte ein Lächeln auf die Gesichter vieler Götterdiener gezaubert, und die Erleichterung aller war in den Stimmen jener zu hören, die in den Bädern und Fluren schwatzten. Reivan hatte über ihre eigene Freude angesichts der Neuigkeit gestaunt. Es ist uns nicht gelungen, Auraya auf unsere Seite zu ziehen, und eigentlich sollte ich mir deswegen Sorgen machen, aber ich kann nur daran denken, dass Nekaun jetzt nicht mehr all seine Zeit mit ihr verbringen wird!