Выбрать главу

Ein Klopfen an der Tür unterbrach ihre Gedanken. Sie seufzte. Die Nachricht musste sich inzwischen auch über das Sanktuarium hinaus verbreitet haben. Viele der Menschen, mit denen sie in Imenjas Auftrag Umgang hatte, würden eine Bestätigung wollen.

Als sie die Tür öffnete, erstarrte sie voller Ungläubigkeit.

»Guten Abend, Reivan.«

Ich träume, schoss es ihr durch den Kopf. Wahrscheinlich habe ich geträumt, dass ich aus dem Bett gestiegen bin, und gleich werde ich aufwachen.

Aber so war es nicht. Nekaun stand wirklich dort. Sie wusste nicht, was sie tun sollte. Oder sagen.

Nekaun lächelte. »Willst du mich nicht hereinlassen?«

Sprachlos trat sie zurück. Als er an ihr vorbeiging, fing sie seinen Duft auf und verspürte eine brennende Sehnsucht. Nekaun wandte sich zu ihr um. »Es ist viel zu lange her, seit wir das letzte Mal geredet haben, Reivan.«

Sie nickte und schloss die Tür. Dann ging sie zum Tisch hinüber, goss Wasser in zwei Gläser und reichte eins davon an ihn weiter.

Geradeso wie sie es früher immer getan hatte.

Er trank, stellte das leere Glas beiseite und nahm ihr ihres aus der Hand.

Geradeso wie er es immer getan hatte.

»Du hast die Neuigkeiten gehört?«, fragte er. »Auraya ist in dem Gewölbe unter dem Sanktuarium gefangen.«

Auraya. Dieses eine Wort riss sie aus ihrer Versunkenheit, und sie runzelte die Stirn. »Ja.«

Er seufzte. »Ich weiß nicht, warum die Götter mir all das auferlegt haben. Haben sie mich geprüft oder sie? Ich weiß es nicht. Und im Augenblick kümmert es mich nicht.«

»Dann hast du ihre Gesellschaft also nicht genossen?«, fragte sie unwillkürlich.

Er verzog das Gesicht. »Es war unaussprechlich mühsam.« Seine Augen wurden schmal. »Warst du eifersüchtig auf sie?«

Sie wandte den Blick ab, denn sie wusste, dass es sinnlos war zu leugnen.

Er lachte leise. »Oh, Reivan. Wie töricht von dir. Wer würde sich zu einer solch mürrischen, argwöhnischen Frau hingezogen fühlen? Lieber würde ich ein Arem betören.«

Sein Geruch und seine Wärme überwältigten sie. Er ist wieder da!, dachte sie.

Für wie lange?, fragte eine dunkle Stimme.

Sei still, entgegnete sie der Stimme.

»Ich habe dich vermisst«, sagte er.

Ihr Herz schlug einen Purzelbaum. »Ich habe dich auch vermisst.«

Er trat näher an sie heran. Sie wusste, was als Nächstes kam, und ihr Puls begann zu rasen, als er sich vorbeugte, um sie zu küssen.

Dann erstarrte er, und seine Augen weiteten sich vor Überraschung. Ein grimmiger, leidenschaftlicher Ausdruck trat in seine Augen. Reivan löste sich aus seinen starren Armen, ein wenig verängstigt von seiner Miene. Er zog die Augenbrauen finster zusammen, dann sog er scharf die Luft ein, und seine Augen blitzten vor Wut.

»Es tut mir leid, Reivan. Ich kann nicht bleiben.« Sein Kiefer verspannte sich. »Die Götter haben mir soeben den Befehl gegeben, unsere Armee bereitzumachen. Die Zirkler haben die Absicht, uns anzugreifen.«

Sie starrte ihn an, und der Schreck überlagerte beinahe die Enttäuschung, als er sie sanft an der Wange berührte und dann aus dem Raum marschierte.

Die Zweite Stimme Imenja hielt Mirar den ganzen Tag über beschäftigt, indem sie ihn zu einigen Kunsthandwerkern am Stadtrand führte. Sie hatten frisch aus dem Fluss gefangenen Fisch gegessen und über Heilkunst und Magie gesprochen. Den ganzen Tag über war er sich dessen bewusst, dass nur noch ein einziger Siyee freigelassen werden musste. Er rechnete jeden Augenblick damit, dass Imenja ihm anbieten würde, Auraya zu töten, aber sie hatte nichts gesagt.

Als er abends in das Sanktuarium zurückkehrte, spürte er ein Summen der Erregung und der Befriedigung in der Luft. Sobald er in seinem Quartier war, legte er sich hin und ließ sich in eine Traumtrance sinken; er beabsichtigte, die Gedanken der Menschen um ihn herum abzuschöpfen und herauszufinden, was die Götterdiener in diesen Zustand versetzt hatte. Aber bevor er seinen Geist aussenden konnte, rief jemand seinen Namen.

Mirar!

Surim? Tamun?

Ja, sagte Surim. Ich habe Neuigkeiten. Schlechte Neuigkeiten.

Was ist geschehen?

Die Stimmen haben Auraya unter dem Sanktuarium eingekerkert, erklärte Tamum.

Mirar war mit einem Schlag hellwach. Er starrte zur Decke hinauf, dann schloss er die Augen und zwang seinen Herzschlag, sich zu verlangsamen. Es dauerte zermürbend lange, bis er wieder in eine Traumtrance versank.

Surim?

Mirar. Du bist aufgewacht?

Ja.

Tut mir leid. Ich hätte es dir schonender beibringen sollen, sagte Tamun.

Du brauchst dich nicht zu entschuldigen. Erzähl mir einfach, wie und warum.

Anscheinend befindet sich unter dem Sanktuarium ein Leerer Raum. Es muss ein Geheimnis gewesen sein, dass nur die Stimmen kannten.

Ein Leerer Raum. Sie wird absolut verletzbar sein.

So verletzbar wie jeder Sterbliche.

Warum hat sie den Leeren Raum nicht gespürt? Wenn sie es getan hätte, hätte sie ihn doch gewiss nicht betreten.

Ich weiß es nicht. Wahrscheinlich war sie abgelenkt.

Warum haben sie sie gefangen genommen? Warum haben sie sie nicht getötet? Mirar hielt inne. Sie haben doch nicht herausgefunden, dass sie und ich einmal Liebende waren, oder?

Nicht soweit es die Sterblichen dort betrifft, versicherte ihm Surim.

Du wirst es wissen, wenn sie versuchen, sie gegen dich zu benutzen, stellte Tamun fest.

Es ist eher wahrscheinlich, dass sie dich dort hinunterbringen und dir anbieten werden, sie als Gegenleistung für irgendetwas zu töten, warnte Surim ihn.

Und was werden sie tun, wenn ich mich weigere?

Wenn ich an deiner Stelle wäre, würde ich das Angebot nicht ausschlagen. Ich würde so tun, als dächte ich darüber nach.

Du kannst dir nicht sicher sein, dass du der einzige Grund bist, warum sie so gehandelt haben, warf Tamun ein. Die Zirkler haben ihre Armeen zusammengerufen. Sie ziehen aus, um Südithania anzugreifen. Es war eine weise Entscheidung, Auraya aus dem Weg zu schaffen.

Noch weiser wäre es, sie zu töten, widersprach Mirar grimmig. Wenn die Pentadrianer wissen, dass es zum Krieg kommen wird, werden sie abermals versuchen, mich und meine Traumweber auf ihre Seite zu ziehen.

Was wirst du tun?

Mirar antwortete nicht. Würden die Pentadrianer ihn dazu zwingen, sich zu entscheiden, ob er die Gesetze seines Volkes brechen oder Auraya opfern wollte?

Sie werden es versuchen, dachte er.

Ich werde Auraya retten, erklärte er den Zwillingen.

Das wäre überaus töricht, sagte Tamun. Du würdest dir damit die Feindschaft der Pentadrianer zuziehen. Alle Traumweber werden darunter leiden.

Nur wenn sie wissen, dass ich es war, der sie gerettet hat.

Mirar löste sich aus der Traumvernetzung und starrte zur Decke empor. Dann sandte er seinen Geist aus, um die Gedanken der Menschen um ihn herum abzuschöpfen.

Und tatsächlich, die Neuigkeit von Aurayas Gefangenschaft hatte sich überall im Sanktuarium verbreitet. Er suchte weiter und fand den Geist zweier Kriegerdiener, die eine unterirdische Halle bewachten. Durch ihre Augen sah er eine einzelne Gestalt, deren Arme an einen übergroßen Stuhl gekettet waren. Sein Herz schnürte sich zusammen, als sei es von dem Anblick ebenso angewidert wie sein Geist.