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Sie nickte.

Er richtete sich auf und schüttelte den Kopf. »Ein weiterer Krieg so kurz nach dem letzten?« Dann runzelte er die Stirn, als ein Verdacht in ihm aufstieg. »Wo sind meine Eltern?«

»Fort«, sagte sie seufzend. »Sie waren nicht die Einzigen, die zu alt oder zu jung waren, um in einen Krieg zu ziehen, und doch war unsere Armee nur halb so groß wie beim letzten Mal.« Sie legte ihm eine Hand auf den Arm. »Wenn ich mir nicht so sicher gewesen wäre, dass du zurückkommen würdest, hätte ich mich ebenfalls der Armee angeschlossen.«

Er sah sie forschend an, und angesichts ihrer ernsten Miene durchzuckte ihn ein Stich tiefer Zuneigung.

»Du? Eine Kriegerin?«, fragte er mit gespielter Ungläubigkeit.

Sie stieß ihm den Ellbogen in die Rippen. »Ein schöner Ehemann bist du. Ich erzähle dir, dass ich nie die Hoffnung aufgegeben habe und für deinen Tod Rache gesucht hätte, und du lachst mich nur aus?«

Er nickte. »Ja. Lass mich lachen. Ich habe in letzter Zeit nicht viel Grund dazu gehabt. Und nun - wo sind unsere Mädchen?«

Sie lächelte und führte ihn davon.

Emerahls von Magie genährter Lichtfunken enthüllte einen unberührten Raum. Sie duckte sich unter der kleinen Tür hindurch und trat ein, erleichtert zu sehen, dass sich nichts verändert hatte. Ihre Unterkunft war eine Kuppel aus verwobenen Schilfgräsern, die an dem sandigen Flussufer verankert waren. Alles hier am Fluss bestand aus Schilf, angefangen von den Booten bis hin zu den Möbeln der Häuser, eingeschlossen dieser kleinen Kuppeln, die man mieten konnte.

Die Wände vermittelten eine Illusion von Ungestörtheit, aber es gab reichlich Lücken in dem Gewebe, durch die jemand schauen konnte. Bisher hatte sie niemanden dabei ertappt, dass er ihr nachspionierte. Die Einheimischen betrachteten ein solches Tun als ein Verbrechen, aber das wäre kein Hindernis gewesen, wenn irgendjemand Verdacht geschöpft hätte, dass sie einen Schatz bei sich trug.

Sie öffnete den Schilfkorb, in dem der frisch gedämpfte Fisch und die Schilfsprossen lagen, die sie mitgebracht hatte. Während sie aß, betrachtete sie die Matte, unter der sie den Beutel mit ihrem Schatz versteckt hatte.

Er war eher lästig als nützlich gewesen. Während der vergangenen beiden Wochen war sie nicht auf eine einzige Stadt getroffen, die groß oder wohlhabend genug gewesen wäre, um dort etwas zu verkaufen. Selbst das kleinste Schmuckstück besaß offenkundig großen Wert. Jeder, dem sie etwas zu verkaufen versuchte, würde annehmen, dass sie es gestohlen hatte. Selbst wenn den Betreffenden das nicht scherte, würde er vielleicht erraten, dass sie noch mehr besaß, und versuchen, sie zu bestehlen. Obwohl sie zuversichtlich war, dass sie etwas Derartiges hätte verhindern können, wollte sie doch keine Aufmerksamkeit auf sich ziehen.

Den Zwillingen zufolge war Raynora einige Tage, nachdem Emerahl ihm den Schatz abgenommen hatte, dabei erwischt worden, wie er sich in Barmonias Zelt schlich. Er hatte Barmonia davon überzeugen können, dass Emerahl ihn überlistet und beraubt habe. Barmonia hatte eine Warnung an die Denker in Glymma geschickt und ihnen Weisung gegeben, nach einer Frau von Emerahls Beschreibung Ausschau zu halten, die gestohlene Artefakte bei sich trug.

Das machte es gefährlich, den Schmuck in Glymma zu veräußern. Die Zwillinge suchten nach jemandem in der Stadt, an den sie vielleicht würde verkaufen können. Sie könnte einige der hässlicheren Schmuckstücke auseinandernehmen und die Edelsteine und Goldketten getrennt verkaufen, aber ihr gefiel der Gedanke nicht, etwas von dem Schatz irgendeinem Schurken zu überlassen, der seinen wahren Wert nicht kannte. Diese Dinge waren mehr als nur Stücke aus Gold und Edelsteinen; sie stammten aus einem anderen Zeitalter - einem Zeitalter, als es in Ithania mehr Götter als Länder gegeben hatte.

Es wäre sicherer, den Schatz auf dem nördlichen Kontinent zu verkaufen, aber das bedeutete, dass sie den schweren Beutel mit sich herumschleppen musste. Sie fühlte sich versucht, ihn irgendwo zu verstecken, hatte bisher aber noch keine Stelle gefunden, die ihr sicher genug erschien. In der Zwischenzeit ging ihr langsam das Geld aus. Für einen Heiler war hier nicht viel Gewinn zu machen. Traumweber waren ebenso alltäglich wie Schmiede und Tuchhändler. Vor einigen Tagen war sie gezwungen gewesen, ihr Arem zu verkaufen. Das Geld, das sie dafür erhalten hatte, sollte genügen, bis sie Glymma erreichte.

Wenn sie einige der Schmuckstücke verkaufen konnte, würde sie eine Überfahrt auf einem Schiff nach Karienne buchen. Wenn nicht, würde sie zu Fuß über die Landenge gehen oder feststellen müssen, ob sie sich auf einem der kleinen Boote verdingen konnte, um auf diese Weise eine Überfahrt zu bekommen. Diese Boote segelten nach Diamyane, der Stadt am sennonischen Ende der Landenge. So oder so, sie würde zu den Roten Höhlen und den Zwillingen reisen.

Die Zwillinge. Sie lächelte. Sie waren erschrocken, als sie von den Risiken erfahren hatten, die sie eingegangen war, indem sie die Denker allein aufgrund der wagen Vermutung verlassen hatte, dass die Geheimnisse der Götter sich unter den von Ray gestohlenen Schätzen befanden. Jetzt brannten sie darauf, die Diamanten mit eigenen Augen zu sehen. Vielleicht würden sie mehr Erfolg damit haben als Emerahl.

Als sie zu dem Schluss gekommen war, dass kein Fleisch mehr an den Gräten des Fisches verblieben war, wischte sie sich die Hände ab. Dann zog sie die Kette unter ihrer Kleidung hervor und untersuchte den Anhänger, der daran baumelte, mit großer Konzentration. Der Diamant war von zwei sich kreuzenden Silberringen eingefasst, auf denen sich Schriftzeichen befanden. Einige davon standen auf dem Kopf:

ein Licht/Tod

zwei Lichter/zwei

drei Lichter/drei

vier Lichter/

Sie besah sich den Diamanten genau. Die Ringe bildeten zusammen einen Rahmen für die vier größten Facetten des Steins. Wenn sie den Diamanten vor ihren Lichtfunken hielt, warf das Licht Formen an die Wände. Falls es sich dabei ebenfalls um Schriftzeichen handelte, waren diese entweder so alt oder so selten, dass Emerahl noch nie zuvor darauf gestoßen war. Das Problem war, dass die Zwillinge sie ebenso wenig kannten.

Während sich der Anhänger am Ende der Kette drehte, bewegten sich die Schatten der Schriftzeichen gleichzeitig nach links und nach rechts. Diejenigen, die sich nach rechts drehten, waren schwerer erkennbar, bis sie merkte, dass es gespiegelte Bilder der sich nach links bewegenden Zeichen waren. Als ihr Licht auf eins der Silberbänder fiel, wanderte eine dunkle Linie über die Wand. Dunkle Linien und Schriftzeichen wechselten einander ab.

Dann erkannte sie plötzlich ein Schriftzeichen. Es war ein vollständiges Zeichen des Sorli mit der Bedeutung »Licht«. Sie musterte den Diamanten eingehend. Die dem Licht zugewandte Facette des Steins befand sich zwischen den Ringabschnitten mit der Aufschrift ein Licht/Tod und zwei Lichter/ ein Schlüssel.

Sie drehte den Diamanten ein wenig zwischen den Fingern, aber nur so weit, dass ihr immer die gleiche Facette zugewandt blieb. Wenn sie nur die Schriftzeichen las, die aufrecht und richtig herum auf dem Diamanten erschienen, lauteten die Worte:

ein Licht/ein Schlüssel

Emerahl lächelte. Wenn sie auf dieselbe Weise vorging, lauteten die übrigen:

zwei Lichter/zwei Wahrheiten

drei Lichter/drei Geheimnisse

vier Lichter/Tod

Sie griff nach der Kette und ließ den Anhänger abermals herunterbaumeln. Dann schob sie ihren Lichtfunken näher heran und beobachtete, wie die Linien und Formen an der Wand größer wurden. Sie fand das Zeichen für »Licht«, und Erregung packte sie, als ihr klar wurde, dass das, was sie für weitere unvertraute Symbole gehalten hatte, in Wirklichkeit die simplen Schriftzeichen für Zahlen waren.

Aber die Erregung verebbte schnell. Sie konnte sich noch immer keinen Reim darauf machen. Die unvertrauten Glyphen auf der verkehrt beschrifteten Seite überlappten sich und verwischten die vertrauten Symbole. Wenn sie ihren Funken näher an den Diamanten heranbewegte, wurde es noch schlimmer.