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Ein Stich der Furcht durchzuckte Mirar. Wenn er die Götter während des Gedankenabschöpfens nicht spüren konnte, wie Auraya es vermochte, dann konnten sie wahrscheinlich auch ihn nicht spüren. Unglücklicherweise war er noch immer ziemlich beschäftigt; mehrere Ergebene Götterdiener führten ihn im Sanktuarium oder in Glymma herum, wann immer ein Kriegsrat abgehalten wurde, so dass er ohnehin niemals die Gelegenheit bekam, sie auszuspionieren.

Du wirst einfach nach dem Kriegsrat die Gedanken der Gefährten abschöpfen müssen, um festzustellen, was sie wissen, riet er ihr. Und verfahre mit den Ratgebern der Weißen genauso.

Ja, pflichtete sie ihm bei. Obwohl es in den Gedanken der Gefährtin Reivan fast immer um Nekaun geht.

Sie ist vollkommen vernarrt in ihn, gab Mirar ihr recht. Und doch glaube ich nicht, dass sie ihn wirklich mag. Ich weiß, dass ihre Herrin es nicht tut… Meine Güte, wir tratschen wie alte Weiber!

Es könnte nützlicher Tratsch sein, falls wir die Situation zu unserem Vorteil verändern können.

Das ist wahr. Das Problem ist, ich habe keine Ahnung, wie wir das anfangen sollen.

Dir wird schon etwas einfallen. Oder mir. Im Augenblick habe ich nicht viel anderes zu tun.

Mirars Herz schnürte sich zusammen.

Bist du sicher, dass du zurechtkommst?

Ja. Mir geht es gut. Ich kann ein wenig körperliches Unbehagen ertragen.

Er wies sie nicht darauf hin, dass sie mehr als nur das zu erleiden hatte. Obwohl sie nichts sagte, wusste er, dass sie in steter Furcht leben musste. Nekaun konnte jeden Augenblick entscheiden, dass es an der Zeit sei, sie zu töten. Mirar war sich nicht ganz sicher, warum der pentadrianische Anführer es nicht bereits getan hatte.

Ein Geräusch erregte seine Aufmerksamkeit, und er spürte, dass er langsam aus der Traumtrance erwachte.

Ich muss Schluss machen, Auraya, sagte er. Ich werde mich heute Nacht mit dir vernetzen.

Das möchte ich dir auch geraten haben, sagte sie. Sonst werde ich…

Den Rest hörte er nicht mehr. Das Klopfen an der Tür zu seinen Räumen war laut und beharrlich. Er erhob sich vom Bett, sah sich um und seufzte.

Ich hatte mir Sorgen gemacht, dass es mir nicht gelingen würde, mit diesen Stimmen zu einer Einigung zu kommen, dass sie mich in ihren Ländern nicht würden haben wollen. Jetzt, da ich feststelle, dass ich hier willkommen bin, kann ich diese Tatsache nicht genießen. Wenn Auraya nicht hier wäre, wäre ich entzückt von der Situation. Aber da sie ihre Gefangene ist, kann ich nicht umhin, sie als unsere Feinde zu betrachten.

Es war eine eigenartige und komplizierte Situation, und die Tatsache, dass die Zirkler gegen die Pentadrianer in den Krieg zogen, würde die Dinge nicht einfacher machen.

38

Das Knarren des sich öffnenden Tors zwang Auraya, ihre Aufmerksamkeit wieder auf ihre Umgebung zu lenken. Als ihr klar wurde, dass jemand in die Halle kam, krampfte sich ihr Magen zusammen, und ihr wurde flau, als sie sah, dass der Besucher Nekaun war.

Wie immer überschlugen sich die Fragen in ihrem Kopf. Würde er sie befreien? Würde er sie töten? Würde er sie befragen, sie foltern oder als Gegenleistung für ihre Freiheit irgendetwas Schreckliches von ihr verlangen?

Sie holte tief Luft, schob die Fragen und die Angst, die sie mit sich brachten, beiseite und straffte sich.

Nekaun blieb stehen und musterte sie schweigend, während sich um seine Lippen ein schwaches Lächeln abzeichnete.

Nein, es sieht so aus, als würde er dasselbe tun wie beim letzten Mal, beantwortete sie sich ihre früheren Fragen selbst.

Sie sehnte sich beinahe nach der Einsamkeit ihrer ersten Tage zurück, als man sie allein und unbeachtet in ihrem Gefängnis hatte sitzen lassen und die Götterdiener, die das Tor bewachten, der einzige Hinweis darauf waren, dass man ihre Anwesenheit hier nicht vergessen hatte.

Angekettet, wie sie war, konnte sie sich nicht hinlegen, um zu schlafen. Stattdessen musste sie in eine halb kniende, halb hängende Position sinken. Dann verlor sie langsam das Gefühl in den Armen, und ihre Schultern und Knie begannen zu schmerzen. Die Kälte in der Halle machte die Dinge nicht besser, aber das war die geringste ihrer Sorgen.

Nach einem Tag waren die Funktionen ihres Körpers zu einem unangenehmen Problem geworden. Zuerst wurde sie durstig, dann stieg quälender Hunger in ihr auf. Weder das eine noch das andere war leicht zu ertragen, aber die Konsequenzen waren weniger demütigend als der Drang, sich zu erleichtern. Sie konnte ihre Kleider nicht entfernen oder ihre Position allzu sehr verändern. Schließlich hatte sie sich so weit wie möglich zu einer Seite gestreckt, so dass sie zumindest nicht in ihrem eigenen Urin und ihren Exkrementen stehen musste.

Wer hätte gedacht, dass körperliche Vorgänge, die man jeden Tag erlebte und über die man kaum nachdachte, solches Unbehagen verursachen konnten? Sie hatte sich damit getröstet, dass diese Probleme ihr nicht allzu lange zusetzen würden, wenn man ihr nichts zu essen oder zu trinken brachte.

Als Nekaun nach drei Tagen zurückgekehrt war, war sie zu schwach gewesen, um zu stehen. Er hatte nichts gesagt, sondern nur sie und den Unrat neben ihr betrachtet und angewidert die Nase gerümpft. Dann war seine Miene nachdenklich geworden, und ein Leuchten war in seine Augen getreten. Er hatte sich zu den Götterdienern umgewandt und zu sprechen begonnen.

Als sie seine Anweisungen gehört hatte, hätte sie um ein Haar laut protestiert. Stattdessen hatte sie sich auf die Zunge gebissen und sich gesagt, dass es eine größere Demütigung gewesen wäre, ihn anzuflehen, als zu ertragen, was er vorhatte. Und ihr Flehen hätte ihn wahrscheinlich ohnehin nicht davon abgehalten.

Die Götterdiener hatten Domestiken gerufen, die ihr die Kleider vom Leib schnitten und eimerweise kaltes Wasser über ihr und dem Boden auskippten. Sie brachten ihr Wasser zu trinken und einen dünnen Brei, der, wie sie vermutete, aus irgendeinem Getreide hergestellt worden war. Sie konnte nicht selbst essen, daher musste sie zulassen, dass man ihr das Wasser und den Brei in den Mund goss.

Mittlerweile lag ein breites Lächeln auf Nekauns Gesicht. Das Leuchten in seinen Augen hatte sich verstärkt, als man sie entkleidet hatte, war dann aber wieder verschwunden, als die Domestiken ihr zu essen gaben. Es war offenkundig, dass er ihre Demütigung auskostete. Sie fühlte sich versucht, ihm den Brei ins Gesicht zu spucken, aber sie war zu hungrig, um ihn zu vergeuden.

An diesem Tag hatte sie entdeckt, dass sie leben wollte. Sie war sich noch nicht sicher, wie stark dieser Wille war, aber sie fürchtete sich davor herauszufinden, was sie möglicherweise zu tun bereit wäre, um nicht zu sterben. An welchem Punkt würde sie ihre Meinung ändern und den Tod herbeisehnen?

Wenn Nekaun die Antworten auf dieselben Fragen wissen wollte, so hatte er es jedenfalls nicht eilig, es herauszufinden. Bisher hatte er sie lediglich verhöhnt.

»Sei mir gegrüßt, Auraya«, sagte er. »Ich darf doch davon ausgehen, dass dein Quartier deine Zustimmung findet?«

Sie ignorierte ihn. Ähnliche Fragen hatte er bisher jedes Mal gestellt. »Gefällt dir dein Aufenthalt bei uns?« - »Gibt es irgendetwas, das ich dir besorgen kann?«

Als sie eine Bewegung hinter ihm wahrnahm, richtete sie ihre Aufmerksamkeit auf die Domestiken, die in den Raum geeilt kamen. Sie huschten zögernd an Nekaun vorbei. Die beiden ersten trugen Wassereimer. Auraya biss die Zähne zusammen und wappnete sich gegen die Kälte ihres alltäglichen Bades. Der zweite Eimer wurde auf den Boden geleert, dann machte ein Domestik sich daran, die Fäkalien mit einem Besen von dem Podest zu kehren.