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Ein dritter Domestik hielt Auraya eine Wasserschale an den Mund. Sie trank sie aus, denn sie wusste, dass man ihr bis zum nächsten Tag nichts mehr geben würde. Der letzte Domestik hob die gewohnte Schale körnigen Breis an.

»Halt«, sagte Nekaun.

Mutlos beobachtete Auraya, wie der Domestik die Schale sinken ließ. Sie hoffte, dass es ihr gelang, eine teilnahmslose Miene beizubehalten und sich nichts von ihrer Angst anmerken zu lassen, als Nekaun näher kam, denn sie war davon überzeugt, dass er beim geringsten Anzeichen von Furcht nur weitere Möglichkeiten finden würde, sie zu quälen.

Er nahm dem Domestiken die Schale ab und hob sie an ihre Lippen.

Sie zögerte nur einen Moment lang. Wenn sie sich weigerte, aus seinen Händen zu essen, würde er sie hungern lassen, bis sie ihren Widerstand aufgab. Es war besser, so zu tun, als spiele es keine Rolle.

Er beobachtete sie lächelnd, während sie aß. Sie sah ihm nicht in die Augen, sondern konzentrierte sich stattdessen auf eine kleine Narbe an seiner Nase. Die Narbe war ihr bisher nie aufgefallen. Sie fragte sich, woher sie rühren mochte.

Jetzt kippte Nekaun die Schale, so dass Auraya mit gierigen Schlucken trinken musste, damit der Brei nicht über den Rand schwappte und vergeudet wurde. Als die Schale leer war, trat Nekaun zurück, und hielt das Gefäß einem Domestiken hin.

»Geht«, befahl er den Dienern. Sie eilten erleichtert davon. Einer von ihnen fragte sich, warum sie die Erste Stimme hier fürchteten, aber nirgendwo sonst. Wahrscheinlich, so schlussfolgerte der Mann, lag es daran, dass er keine Ahnung hatte, was er in dieser Situation von Nekaun zu erwarten hatte. Die Zauberin war eine Feindin. Nekaun würde womöglich den Befehl geben, dass man ihr etwas Schreckliches antat, und der Domestik wollte nicht derjenige sein müssen, der diesen Befehl ausführte.

Falls Nekaun die Gedanken des Mannes hörte, so ließ er sich nichts davon anmerken. Er starrte Auraya an, die den Blick auf die Wand hinter seiner Schulter gerichtet hatte. Obwohl sie keine Gedanken von ihm spüren konnte, hatte sie manchmal das Gefühl zu wissen, was er dachte. So wie jetzt, als sein Blick an ihrem Körper hinunterwanderte. Sie wusste, dass er entweder Interesse an ihrer Nacktheit heuchelte, um sie einzuschüchtern, oder… oder es erregte ihn.

Er kam erst einen Schritt, dann einen weiteren auf sie zu. Ihr Herz begann zu rasen, und sie atmete ein wenig langsamer, um ruhig zu bleiben. Einen Schritt von ihr entfernt blieb er stehen und rümpfte die Nase.

»Also wirklich, Auraya«, sagte er kopfschüttelnd. »Du solltest besser auf dich Acht geben. Du riechst schrecklich.«

Dann drehte er sich auf dem Absatz um und stolzierte davon.

Sie sah ihm nach. Die Wachen verriegelten das Tor hinter ihm, dann verklangen seine Schritte.

Sie seufzte vor Erleichterung.

Er hat nur versucht, mich einzuschüchtern, sagte sie sich.

Sie lehnte sich an den Sockel des Throns, schloss die Augen und sandte ihren Geist in die Welt hinaus. Auf diese Weise verbrachte sie den größten Teil ihrer wachen Stunden. Außerdem sah sie mehrmals am Tag nach Unfug. Eine der Dienerinnen hatte ihn zu ihrem Schoßtier erkoren. Er blieb bei ihr, weil Auraya ihn in Traumvernetzungen dazu ermutigte. Außerdem war er es gewohnt, dass sie ihn bisweilen in die Obhut eines anderen gab.

Abends vernetzte sie sich mit Mirar. Den Rest der Zeit schöpfte sie Gedanken ab. Der Umstand, dass sie in einer kalten, leeren Halle angekettet war, war nicht gerade anregend. Zumindest nicht auf eine gute Art und Weise. Ihre Entdeckungsreisen in die Welt gaben ihr etwas zu tun.

Insgeheim war es eine Quelle des Stolzes für sie, dass sie sich von Tag zu Tag besser darauf verstand, die Gedanken anderer wahrzunehmen. Wann immer sie ihren Geist ausstreckte, konnte sie sich weiter von ihrer Position entfernen als beim letzten Mal. Auf diese Weise hörte sie am Tag nach ihrer Gefangennahme Gerüchte von einem bevorstehenden Krieg. Daraufhin ergab es auch einen Sinn, dass Nekaun seinen Schwur gebrochen hatte. Wenn die Zirkler eine Invasion planten, würde er nicht das Risiko eingehen, dass seine Bemühungen, sie zu bestricken, gescheitert waren. Wenn er sie gehen ließ, das wusste er, würde sie wahrscheinlich zu den Weißen zurückkehren, um an ihrer Seite zu kämpfen.

Hätte ich das getan?, fragte sie sich. Vielleicht. Es hätte mir nicht gefallen, aber wenn die Götter es mir befohlen hätten, hätte ich für sie gekämpft.

Was keinen Sinn ergab, war die Tatsache, dass Nekaun sie nicht getötet hatte. Warum hatte er sie gefangen genommen? Plante er einen weiteren Handel mit ihr als Geisel? Dachte er, er würde die Weißen dazu bewegen können, sich als Gegenleistung für ihre Herausgabe zurückzuziehen?

Sie lächelte schief. Damit wäre Huan niemals einverstanden.

Aber Chaia würde das vielleicht anders sehen. Sie dachte an seine Nachricht, die er ihr durch den sterbenden Siyee-Priester geschickt hatte. Keiner der Domestiken, die sie versorgten, hatte auch nur ein Wort mit ihr gesprochen, geschweige denn sein »Schlüssel«-Wort benutzt. Sie bezweifelte, dass sie durch Nekaun eine Nachricht von Chaia bekommen würde. Und außer ihm und den Domestiken hatte sie niemand besucht.

Aber andere Götter hatten es getan. Saru, Yranna und Lore waren für einen kurzen Moment erschienen. Aus ihrem Gespräch hatte sie entnommen, dass sie gekommen waren, um eine Bestätigung dafür zu finden, dass sie tatsächlich hier eingekerkert war, aber davon abgesehen hatte sie kaum etwas erfahren.

Hatte Chaia einen Plan, um sie zu befreien? Oder war er zu beschäftigt mit den Vorbereitungen des Krieges? Es gab nicht allzu viel, was er hier ausrichten konnte, in einem Land, in dem niemand ihm huldigte oder ihm gehorchte.

Vielleicht will er mich befreien, sobald die Zirkler gesiegt haben. Aber Nekaun wird vermutlich dafür sorgen, dass ich sterbe, falls die Pentadrianer verlieren. Er wird meinen Wachen den Befehl geben, mich zu töten.

Sie sah zu den Götterdienern am Tor hinüber.

Es sei denn, irgendjemand hält sie auf.

Sie dachte an den Hinweis der Götter, dass sie sich Mirars entledigen könnten, obwohl er jetzt den Schutz der Stimmen genoss. Wenn es hier einen gedungenen Mörder gab, konnte der Betreffende ihr vielleicht helfen.

Aber er würde nichts unternehmen, solange die Weißen es ihm nicht befahlen, und sie hatte den Weißen nicht mitteilen können, in welcher Situation sie sich befand. Selbst wenn Nekaun ihr den Priesterring nicht abgenommen hätte, hätte sie ihn nicht benutzen können. In dem Leeren Raum hätte er ohnehin nicht funktioniert. Also hatte sie stattdessen versucht, sich durch Traumvernetzungen mit Juran in Verbindung zu setzen. Doch ihre Bemühungen waren erfolglos geblieben. Sie hatte versucht, nach Mairae und sogar nach Dyara zu rufen, aber keine der beiden Frauen hatte geantwortet. An diesem Morgen hatte Mirar sie auf eine Idee gebracht.

»Du wirst einfach die Gedanken der Gefährten abschöpfen müssen, um festzustellen, was sie wissen. Und verfahre mit den Ratgebern der Weißen genauso.«

Sie konnte sich nicht mit den Weißen vernetzen, aber vielleicht konnte sie Danjin erreichen.

Sie ließ sich an dem Thron herabsinken, verlangsamte ihre Atmung und suchte die Traumtrance. Sobald sie den gewünschten Zustand erreicht hatte, rief sie Danjins Namen.

Zuerst bekam sie keine Antwort, aber nach mehreren Versuchen hörte sie eine vertraute, wenn auch verwirrte Gedankenstimme.

Auraya?

Ja, Danjin. Ich bin es.

Auraya… ich träume.

Das ist wahr und auch wieder nicht wahr. Dies ist die Art, wie Traumweber sich miteinander in Verbindung setzen.