Eine Traumvernetzung?
Ja.
Er zögerte, und sie spürte sowohl Sorge als auch Schuldgefühle.
Ich soll nicht mit dir reden.
Ein kalter Schauer überlief Auraya.
Warum? Glauben die Weißen, ich hätte die Seiten gewechselt?
Sie… müssen diese Möglichkeit in Betracht ziehen. Sie haben seit Wochen nichts von dir gehört.
Ich kann sie nicht erreichen. Ich bin überlistet worden. Nekaun hat mich eingekerkert, und zwar in einem… Sie hielt inne, denn ihr wurde klar, dass Danjin nicht wusste, was ein Leerer Raum war. Wussten es die Weißen? Sie selbst hatte bis zu ihrer Begegnung mit Jade keine Ahnung davon gehabt.
Auraya?, fragte Danjin besorgt.
Nekaun hat mir meinen Priesterring abgenommen. Ich habe versucht, mich im Traum mit Juran und den anderen zu vernetzen, aber es funktioniert nicht. Vielleicht schlafen sie einfach nie, wenn ich es versuche; vielleicht können sie mir auch nicht antworten… Oder ich werde daran gehindert, mit ihnen Verbindung aufzunehmen. Du musst Juran sagen, dass ich gefangen genommen worden bin.
Danjin antwortete nicht.
Danjin?
Ja. Ich bin… nicht in Jurans Nähe. Ich werde es Ella sagen, und sie wird es weitergeben.
Sie spürte Wachsamkeit bei ihm.
Du bist dir nicht sicher, ob du mir glauben kannst, stellte sie fest.
Nein, gestand er. Die Weißen haben mir geraten, vorsichtig zu sein.
Sie fühlte sich gekränkt, doch dann machte diese Regung Verärgerung Platz.
In diesem Fall solltest du es ihnen vorsichtig beibringen. Es liegt an ihnen zu entscheiden, ob sie mir glauben oder nicht.
Ich möchte dir glauben. Ich glaube dir. Seine Stimme klang gequält. Ich werde dir glauben, bis ich einen Beweis für das Gegenteil habe, aber ich muss so tun, als glaubte ich dir nicht, bis ein Beweis für deine Verlässlichkeit erbracht ist.
Und es gefiel ihm nicht. Ah, Danjin, dachte sie. Ich vermisse dich.
Ich verstehe. Danke, Auraya.
Sie brach die Verbindung ab, kehrte ins Bewusstsein zurück und sah sich seufzend in der Halle um.
Nun, Chaia hat mich gewarnt, dass Huan die Menschen, die ich liebe, gegen mich benutzen würde.
In dem großen, gefliesten Raum hallten die Gespräche der Stimmen, Gefährten, Götterdiener und Denker wider. Reivan, die neben Imenja stand, blickte zu Boden. Die Mosaikkarte leuchtete sanft und spiegelte das Licht der Lampen wider. Man hatte Tonfiguren von Pentadrianern und Zirklern auf den Boden gestellt, und sie sahen aus wie Spielzeuge, die ein Kind vergessen hatte. Ein reiches Kind, denn die Figuren waren sehr kunstvoll gearbeitet. Reivan sah, dass sich unter den Zirklern auch kleine Siyee befanden. Im Gegensatz zu den geflügelten Gestalten, die in dem Mosaik abgebildet waren, waren diese Abbildungen zutreffend bis hin zu den Knochen, die man in den Membranen ihrer Flügel erkennen konnte.
»Nekaun kommt«, murmelte jemand, der in der Nähe des Eingangs stand.
Alle Anwesenden verfielen in Schweigen und drehten sich um. Als Nekaun den Raum betrat, zeichneten viele Hände das Symbol des Sterns in die Luft. Auf Nekauns Gesicht lag ein eigenartiger Ausdruck, der jedoch im nächsten Moment verschwand. Er sah sich im Raum um und nickte den Menschen darin zu.
»Verzeiht mir meine Verspätung«, sagte er. »Eine andere Angelegenheit hat mich aufgehalten.« Er ging zum Rand der Karte und blickte auf die Figuren der Zirkler hinab. »Ist das die Position der feindlichen Armee?«
»Unseren Spionen zufolge, ja«, antwortete der Ergebene Götterdiener Meroen. Der Mann war noch keine vierzig, hatte sich aber während des vergangenen Krieges als intelligenter Stratege erwiesen.
Nekaun ging um die Karte herum. Alle Blicke folgten ihm. Reivan hörte Imenja kaum wahrnehmbar schnauben und ahnte, was ihre Herrin dachte. Die Erste Stimme hätte nicht um die Karte herumgehen müssen - er stand einfach nur gern im Zentrum der Aufmerksamkeit.
»Hat der sennonische Kaiser auf meine Botschaft reagiert?«, fragte Nekaun an Vervel gewandt.
Die Dritte Stimme schüttelte den Kopf. »Nein.«
Nekaun muss die Antwort bereits gekannt haben, dachte Reivan, aber er hat wahrscheinlich um der anderen willen gefragt. Er nickte und sah sich im Raum um.
»Hat irgendjemand eine Idee, wie wir seine Meinung ändern könnten?«
Als niemand antwortete, runzelte Nekaun die Stirn und widmete sich wieder der Betrachtung der weißen Figuren.
»Wie groß ist die zirklische Armee?«
Jetzt begannen mehrere Menschen gleichzeitig zu sprechen. Mereon sprach von Tausenden, die sich bisher versammelt hatten, dann stellten einige andere Vermutungen darüber an, wie viele weitere Krieger noch dazustoßen würden. Die Dunweger hatten sich der Armee noch nicht angeschlossen. Schließlich stellte jemand die Frage, ob Sennon ebenfalls in den Krieg ziehen würde oder ob der Kaiser sich aus den Kampfhandlungen heraushalten und der zirklischen Armee lediglich gestatten würde, sein Land zu durchqueren.
»Diesmal sind weniger Siyee beteiligt«, fügte er hinzu.
»Wie schnell bewegt sich die zirklische Armee?«, fragte Nekaun. »Wann werden sie die Landenge erreichen?«
»Sie kommen stetig voran; wenn sie nicht durch Sandstürme aufgehalten werden, müssten sie binnen eines Mondkreislaufs hier sein«, sagte Shar. »Sie reisen durch die Wüste, und sie werden Wasser und Proviant mitnehmen müssen. In Diamyane wird man ihnen keine Vorräte zur Verfügung stellen können, daher werden sie alles Notwendige aus dem Norden mitbringen müssen.«
»Also greifen wir ihre Vorratskarawanen an.«
»Oder ihre Schiffe.«
Nekaun lächelte. »Unsere Elai-Freunde könnten sich am Ende doch als nützlich erweisen.« Er sah Imenja an. »Haben sie auf unsere Bitte geantwortet?«
»Ich bezweifle, dass die Nachricht sie bereits erreicht hat«, erwiderte sie.
Nekaun schaute sich im Raum um. »Worin bestehen unsere Stärken und worin unsere Schwächen?«
»Wir haben nur wenige Schwächen«, erwiderte Vervel. »Die Landenge stellt eine wirksame Barriere dar. Die Zirkler können sie nicht in großer Zahl überqueren. Wir haben reichlich Vorräte an Wasser und Nahrung und kämpfen auf vertrautem Boden. Wir sollten in der Lage sein, eine Armee aufzustellen, die es mit ihrer aufnehmen kann. Unsere Flotten sind gleich stark, aber unsere Seeleute sind besser ausgebildet.«
Der Ergebene Götterdiener Meroen schüttelte den Kopf. »Warum greifen sie uns an, wenn sie offenkundig nicht im Vorteil sind?«
»Sie verlassen sich wahrscheinlich auf Aurayas Hilfe«, bemerkte Shar.
Nekaun lächelte. »Vielleicht. Aber sie werden diese Hilfe nicht haben.«
»Werden sie umkehren, sobald sie erfahren, dass sie gefangen genommen wurde?«, fragte Genza.
Mehrere der Anwesenden antworteten gleichzeitig.
»Das wissen sie sicher bereits.«
»Wenn sie es nicht tun, werden wir dafür sorgen, dass sie es erfahren.«
»Schickt ihnen ihre Leiche.«
Nekaun lächelte immer noch, aber sein Lächeln hatte etwas Geistesabwesendes. Es war der gleiche eigenartige Gesichtsausdruck, den er auch bei seiner Ankunft zur Schau getragen hatte. Aus irgendeinem Grund fröstelte Reivan bei diesem Anblick. Das Lächeln hatte etwas Unangenehmes.
»Wenn die Zirkler die Landenge erreichen, werden sie aufgehalten«, sagte Meroen, wobei er mit schriller, lauter Stimme sprach, um sich Gehör zu verschaffen. »Aber eines dürft ihr nicht vergessen: Die Landenge stellt auch für uns ein Hindernis dar. Wir werden vielleicht in einen lang währenden Krieg verstrickt. Die Felder werden unbestellt bleiben, der Handel wird zum Erliegen kommen und die Stimmen werden auf der Landenge festsitzen, wenn wir den Weißen keine Gelegenheit bieten wollen, ihre Abwesenheit auszunutzen.«