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Im Raum war es still geworden. Nekaun sah Meroen stirnrunzelnd an, dann ließ er den Blick von einem Gesicht zum nächsten wandern.

»Also, was tun wir, um ein Patt zu vermeiden?«

Leises Gemurmel setzte ein, während die Frage erörtert wurde.

»Wir könnten unsere Armee hinter den sennonischen Bergen verstecken«, schlug ein Denker vor. »Wenn die Zirkler in Diamyane eintreffen, greifen wir sie von allen Seiten an und treiben sie ins Meer.«

»Die Späher der Siyee würden uns sehen.«

»Und wir würden unseren größten Vorteil verlieren«, warf Nekaun ein. »Die Landenge. Nein. Sollen sie sich in Diamyane niederlassen. Wir werden sie von ihrem Nachschub abschneiden. Sollen sie ein wenig hungern, bevor wir sie brechen.«

Er lächelte abermals, und einen Moment lang war sein Blick auf einen weit entfernten Ort gerichtet. Reivan schauderte und wandte sich ab. Als sie sich wieder umdrehte, stellte sie fest, dass er sie beobachtete. Plötzlich kam sie sich töricht vor. Er kostete lediglich das Vorgefühl des Sieges aus. Es war nur verstörend, einen Anflug von Blutdurst in den Augen eines Mannes zu sehen, den sie in ihr Bett genommen hatte. Eigentlich hätte diese Regung ihn aufregender erscheinen lassen müssen. Mächtig. Gefährlich.

Aber so war es nicht.

Er wandte sich ab, und ein gänzlich anderer Ausdruck trat in seine Züge. Reivan gefror das Blut in den Adern.

Wenn sie es sich nicht nur eingebildet hatte… und sie wusste, dass sie das nicht getan hatte… war es ein Ausdruck unverhohlener Verachtung gewesen.

39

Die dunwegische Armee bot einen beeindruckenden Anblick.

Krieger marschierten in Zehnerkolonnen die Straße entlang. An der Spitze eines jeden Clans ging ein Mann, der mit nichts bekleidet war als einem kurzen Lederrock. In den Händen trugen diese Männer jeweils einen leuchtend bunt bemalten Speer. Die Mitglieder des Stammes wechselten sich in dieser Position ab, und wenn sie sich auszogen, wurde auf ihrer Brust das eintätowierte Muster ihres Clans sichtbar. Sie teilten sich diese Rolle nicht etwa, um zu vermeiden, allzu lange Stunden dem schlechten Wetter ausgesetzt zu sein, sondern weil alle Mitglieder eines Clans ansonsten um diese Ehre gekämpft hätten.

Jeder zweite Mann in der Armee trug mindestens die Hälfte seines Körpergewichts an Waffen. Selbst die Zauberer waren mit Waffen ausgestattet; die Tatsache, dass sie mehr als nur durchschnittliche Gaben besaßen, ersparte keinem Mann eine richtige Ausbildung in der Kriegskunst. Hinter den Truppen folgten zweirädrige, von eigens für die Schlacht abgerichteten Reynas gezogene Plattans; die Krieger ertrugen nicht gern die Entwürdigung, durch Reyna-Dung marschieren zu müssen, machten aber für die Reynas vor den Kampf-Plattans ihrer Anführer eine Ausnahme. Hinter den Kampfwagen kamen vierrädrige, von Arems gezogene Vorrats-Tarns und die Diener der Clans.

Danjin hatte einen guten Blick auf diese kämpferische Marschkolonne. Der Plattan, in dem er fuhr, war offen. Ella und I-Portak sahen nach vorn, während Danjin und die dunwegischen Ratgeber der Weißen und dem dunwegischen Anführer zugewandt fuhren. Sie brauchten nicht hinter sich zu sehen, um zu wissen, dass die Armee ihnen folgte; das rhythmische Stampfen von Stiefeln lieferte ein stetiges Hintergrundgeräusch zu ihren Gesprächen.

Noch faszinierender war es zuzusehen, wie die Armee ihr Lager aufschlug. Alle kannten ihre Aufgaben und versahen sie, ohne Rat oder Befehle zu brauchen. Alles wurde mit der Geschicklichkeit langer Übung ausgeführt, was ihrer gründlichen Ausbildung zu danken war. Falls irgendjemand unter den Dunwegern war, der den bevorstehenden Kampf fürchtete, so ließ er sich nichts anmerken.

Was mag wohl mit den Versagern geschehen? Den Jungen, die nicht zu starken Männern heranwachsen? Den Männern, die Verletzungen oder Krankheiten erleiden oder der Melancholie verfallen? Werden sie versteckt oder von ihrem Stamm verstoßen, um Diener zu werden?

Er dachte an den Tag zurück, an dem die Armee Chon verlassen hatte. Frauen hatten die Straßen gesäumt und ein duftendes Kraut vor den Kriegern verstreut. Einige hatten erschüttert gewirkt, andere erleichtert.

Ich hoffe, meine Briefe kommen zu Hause an. Er unterdrückte ein Seufzen. Ich wünschte, ich hätte Silava und die Mädchen noch sehen können. Sogar meinen Vater hätte ich gern noch einmal getroffen, obwohl ich mir sicher bin, dass er mich überleben wird, selbst wenn ich diesen Krieg überstehen sollte.

Seit er von dem Schicksal der Dorfbewohner erfahren hatte, hatte er jede Nacht von seiner Familie geträumt. Es war schon schlimm genug gewesen, die Hinrichtung der Pentadrianer mitanzusehen, obwohl es die Reaktion der Dorfbewohner war, die zu vergessen ihm am schwersten fallen würde. Einige waren in Jubel ausgebrochen, andere hatten geweint, aber die meisten Menschen hatten sich mit vor Angst schneeweißen Gesichtern schweigend aneinandergekauert. Sie hatten Grund zur Furcht gehabt. Die dunwegische Rechtsprechung war hart. Später, in Chon, waren die Dorfbewohner, die den Pentadrianern das herzlichste Willkommen bereitet hatten, hingerichtet worden. Jene, die lediglich nicht protestiert hatten, waren zur Arbeit in die Minen geschickt worden. Aber zu Danjins Erleichterung hatte I-Portak jenen gegenüber, die nicht die Macht besessen hatten, Einwände gegen die Anwesenheit der Pentadrianer zu erheben, Milde walten lassen. Sie waren zusammen mit den Alten und den Kindern in ihr Dorf zurückgeschickt worden. Danjin vermutete, dass das nur noch von wenigen Menschen bevölkerte Dorf jetzt ein trauriger Ort war.

In seinen Träumen von seiner eigenen Familie führte er lächerliche Gespräche mit seiner Frau und seinen Töchtern. Gelegentlich war ihnen nicht bewusst, dass er dort war, ganz gleich, wie sehr er sich bemühte, ihre Aufmerksamkeit zu erregen. Als er nun an diese Träume dachte, durchzuckte ihn eine vertraute Mischung aus Furcht und Resignation. Und Traurigkeit. Wenn er nicht zurückkehrte …

Denk nicht daran, sagte er sich. Wenn du daran denkst, wird es auch geschehen.

Aber irgendwann zwischen seiner Abreise aus Chon und dem heutigen Tag hatte sich seiner die Überzeugung bemächtigt, dass er diesen Krieg nicht überleben würde, und diese Ahnung konnte er einfach nicht mehr abschütteln. Wo ist all die Zuversicht geblieben, die ich während des vergangenen Krieges verspürt habe? Er verzog das Gesicht. Es war nicht Zuversicht, sondern Unwissenheit.

Oder vielleicht hatte Auraya ihm Hoffnung gegeben. Sie fliegen zu sehen… Es war schwer gewesen, sich vorzustellen, dass irgendetwas sie würde bezwingen können.

Er schauderte. In der vergangenen Nacht hatte sie ihm in einem Traum erzählt, dass die Stimmen sie in Glymma eingekerkert hatten. Er hatte sie nicht sehen können, sondern nur ihre Stimme gehört, aber der Traum war ihm so real erschienen, dass er davon überzeugt war, sie müsse wahrhaft zu ihm gesprochen haben. Am nächsten Tag hatte er Ella von dem Traum erzählt und sie gefragt, ob sie glaube, dass Auraya sich tatsächlich mit ihm in Verbindung gesetzt haben könnte. Ella hatte es für möglich gehalten, hatte aber nichts Derartiges von den Weißen oder den Göttern gehört.

Nach dem Traum hatte Danjin lange wach gelegen und über Auraya nachgedacht. Er machte sich Sorgen, was geschehen würde, wenn sie tatsächlich eine Gefangene war. Wenn die Stimmen genug Macht besaßen, um sie festzuhalten, hatten sie auch genug Macht, um ihr etwas anzutun - und sie sogar zu töten.

Aber wenn sie diese Macht besitzen, warum haben sie sie dann nicht bereits getötet?

Jetzt befürchtete er, dass Auraya, wie Ella ihn gewarnt hatte, versuchte, ihn zu überlisten. Er erwog verschiedene Gründe, warum sie wünschen könnte, dass er glaubte, sie sei eine Gefangene. Um mich und die Weißen dazu zu bringen, anzunehmen, dass sie nach wie vor auf unserer Seite steht, obwohl das nicht der Fall ist. Warum sollte sie das tun? Er seufzte. Um uns in einen Kampf zu locken, den wir nicht gewinnen können.