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Manchmal war er davon überzeugt, dass es nur ein Traum gewesen war und er keinen Grund zur Sorge hatte.

Wenn es kein Traum war, ist Auraya eine Gefangene, erklang Ellas Stimme in seinen Gedanken. Wenn es einer war, haben wir trotzdem reichlich Grund zur Sorge. Wir haben seit Wochen nichts mehr von Auraya gehört.

Aufgeschreckt von der Stimme in seinem Kopf, sah Danjin zu Ella hinüber.

Vorsicht, fügte sie hinzu. Einer der Vorteile von Gedankengesprächen ist der, dass andere nichts davon mitbekommen. Wenn du jedes Mal, so zusammenzuckst, verdirbst du alles.

Er wandte den Blick ab.

Hast du eine Ahnung, wo sie ist?, fragte er.

Nein. Und nein, die Götter wissen es auch nicht.

Was wird geschehen, wenn sie die Seiten gewechselt hat?

Die Götter sind zuversichtlich, dass sie sie daran werden hindern können, gegen uns zu kämpfen.

Sie daran hindern… Sie haben diese Gefangennahme doch nicht etwa selbst arrangiert, oder?

Ihre Erheiterung war wie das Klirren von Glas.

Vielleicht. Es wäre eine reife Leistung, nicht wahr? Den Feind, ohne seine Götter argwöhnisch zu machen, dazu zu bringen, jemanden einzukerkern, der bereit ist, sich ihnen anzuschließen.

Sie hatte recht. Es war eine törichte Idee.

Wenn sie die Gefangene der Pentadrianer ist, dann hat sie uns nicht verraten.

Nicht unbedingt. Sie könnte die Götter im Herzen verraten haben, aber immer noch nicht bereit sein, sich den Pentadrianern anzuschließen. Und vielleicht ist sie überhaupt keine Gefangene.

Vielleicht ist sie nicht einmal in Südithania, fügte er hinzu, wobei er mehr mit sich selbst sprach als mit Ella. Sie könnte an einem ganz anderen Ort sein.

Warum setzt sie sich dann nicht mit uns oder mit den Göttern in Verbindung?, fragte sie.

Diese Frage konnte er nicht beantworten. Er blickte zu Ella hinüber und sah ein mitfühlendes Lächeln um ihre Lippen spielen. Dann wurde ihre Miene plötzlich wieder ernst. Sie starrte ins Leere, und ihre Züge entspannten sich.

»Juran hat mich soeben darüber informiert, dass er die letzte Stadt vor dem Pass erreicht hat. Wir sollten binnen einer Woche zu ihm stoßen.«

I-Portak wandte sich zu ihr um. »Oder früher, wenn das Wetter so bleibt.«

Sie lächelte. »Deine Krieger beeindrucken mich stets aufs Neue mit ihrer Ausdauer, I-Portak. Du solltest dafür sorgen, dass sie sich ein wenig Kraft für die Reise durch die Wüste aufsparen.«

Er zog die Schultern hoch. »Das tue ich. Wüstenbedingungen sind uns nicht fremd. Erzähl das dem sennonischen Kaiser nicht, aber wir haben seit Jahrhunderten kleine Kriegertrupps zu Übungszwecken in die Wüste geschickt.«

Sie lachte leise. »Ich bin davon überzeugt, dass der sennonische Kaiser sich darüber im Klaren ist.«

Danjin musste sich ein Lächeln verkneifen, als I-Portak sie mit kaum verhohlenem Entsetzen ansah.

»Soll das heißen, all die Heimlichtuerei, mit der wir vorgegangen sind, ist umsonst gewesen?«, fragte er schließlich.

»Übung ist der einzige Weg zur Vollkommenheit«, zitierte sie die dunwegische Tradition.

Er kicherte und wandte sich ab. »Und Vollkommenheit gibt es nur im Reich der Götter.« Dann zuckte er die Achseln. »Solange der Kaiser Unwissenheit heuchelt, werden wir so tun, als blieben unsere Streifzüge durch sein Land unbemerkt.«

Am Stadtrand befand sich ein Übungsfeld für Kriegerdiener. Auraya schöpfte die Gedanken der Menschen dort ab und beobachtete sowohl körperliche als auch magische Übungsstunden. Als sie fand, wonach sie gesucht hatte, lächelte sie. Zwei Ergebene Götterdiener teilten sich eine Mahlzeit und erörterten dabei die Größe, die Stärken und die Schwächen der pentadrianischen Armee.

Ein lautes Klirren von Eisen unterbrach ihr Gespräch. Einen Moment lang fragte sie sich, warum der Mann und die Frau nicht reagierten. Dann krampfte sich ihr Magen zusammen, und Furcht griff nach ihrem Herzen, als ihr klar wurde, dass ihre eigenen Ohren das Geräusch hörten.

Sofort konzentrierte sie sich wieder auf ihre Umgebung. Sie schlug die Augen auf, sog scharf die Luft ein und stieß den Atem langsam wieder aus. Dieselben vier Domestiken wie zuvor kamen auf sie zugeeilt. Nekaun schlenderte hinter ihnen her.

Der Geruch von Blumen umwehte sie. Er ließ ihren Puls rasen, obwohl sie sich noch nicht sicher war, warum dieser Geruch sie beunruhigen sollte. Sie blickte zu den Domestiken hinüber und stellte fest, dass sie alle Eimer trugen. Außerdem hatten sie sich Taschen über die Schultern geworfen. Offenkundig hatten sie mehr vor, als sie nur zu waschen und ihr zu essen zu geben.

Sie widerstand der Versuchung, zu Nekaun hinüberzublicken.

Der erste Domestik schwang den Eimer in ihre Richtung. Sie wappnete sich gegen das kalte Wasser und hätte um ein Haar aufgekeucht, als sie stattdessen Wärme spürte. Bevor sie sich von ihrer Überraschung erholt hatte, kippte der zweite Domestik ihr weiteres Wasser über den Kopf. Auch dieses war warm.

Nachdem sie ihre leeren Eimer beiseitegestellt hatten, holten die Domestiken verschiedene Gegenstände aus ihren Taschen. Sie entkorkten getöpferte Krüge und nahmen händeweise eine Substanz heraus, die sehr feinem, nassem Sand glich.

Sie zuckte zusammen, als der erste Domestik die Substanz auf ihren Arm auftrug und ihre Haut damit einzureiben begann. Es war Sand. Dies, so fiel es ihr wieder ein, war die Art, wie die Einheimischen sich reinigten. Die Reichen benutzten einen feinen, seltenen Sand von irgendeinem fernen Ort. Die beiden Domestiken schrubbten ihr Arme, Hals und Kopfhaut und arbeiteten sich dann zu ihrer Verlegenheit weiter hinab. Ihre Berührung war sachkundig, und ihre Mienen waren ausdruckslos, aber Auraya knirschte mit den Zähnen und versuchte, sich nicht anmerken zu lassen, wie sehr sie die Prozedur aus dem Gleichgewicht brachte.

Und die ganze Zeit über spürte sie, dass Nekaun sie beobachtete.

Schließlich hatten die Domestiken sie von Kopf bis Fuß sauber geschrubbt. Die beiden anderen kamen jetzt mit ihren Eimern herbei und wuschen ihr den Sand sorgfältig von der Haut. Dieses Wasser, das zum Abspülen diente, enthielt das Parfüm, das ihr zuvor aufgefallen war. Das Wasser war kühler, aber nicht kalt.

Als sie zurücktraten, kribbelte Aurayas Haut am ganzen Körper. Es hätte sich gut angefühlt, sauber zu sein, wäre Nekaun nicht zugegen gewesen.

Er hat mir noch keine einzige seiner dummen Fragen gestellt, ging es ihr durch den Kopf. Die Domestiken kehrten das Podest und eilten dann aus der Halle. Keiner von ihnen hatte etwas zu essen mitgebracht. Vielleicht weil es keinen Sinn hätte. Warum mir etwas zu essen geben, wenn ich ohnehin gleich sterben werde? Aber warum mich waschen? Ziehen sie es vor, saubere Menschen zu töten?

Die Torheit dieses Gedankens hätte ihr um ein Haar ein Kichern entlockt. Aber als Nekaun näher kam, erstarb alle Erheiterung. Ihre Haut fühlte sich allzu empfindlich an, ihr Körper allzu ungeschützt. Sie widerstand der Versuchung, sich zusammenzurollen, so weit es die Ketten ihr gestatteten.

»So ist es besser«, sagte er leise. »Versteh mich nicht falsch. Ich mag ein wenig Schweiß und Schmutz, aber vor regelrechtem Dreck ziehe ich die Grenze.«

Er blieb einen knappen Schritt von ihr entfernt stehen. Er versucht lediglich, mich einzuschüchtern, sagte sie sich. Und er befindet sich nun im Leeren Raum. Auch er ist verletzbar.