Jetzt, da sie normalerweise alles darangesetzt hätte, ihn nicht ansehen zu müssen, begegnete sie seinem Blick mit, wie sie hoffte, vollkommen ausdrucksloser Miene.
Er starrte zurück.
Dies ist anders als sonst, dachte sie. Sonst lächelt er immer und macht irgendeine schneidende, lächerliche Bemerkung, um darauf hinzuweisen, dass er die Macht über mich hat.
Als er das nächste Mal etwas sagte, sprach er avvensch. Die beiden Götterdiener, die die Tür bewachten, stutzten kurz und gingen dann hinaus.
In diesem Moment überlief sie ein Schauer puren Entsetzens. Warum sollte er die Wachen wegschicken, es sei denn, er stand im Begriff, etwas zu tun, das nicht einmal seine eigenen Leute wissen sollten?
»So«, sagte er. »Ein wenig Ungestörtheit.« Als er eine Hand nach ihr ausstreckte, widerstand Auraya dem Drang, zurückzuweichen, dann versuchte sie nicht zusammenzuzucken, als seine Finger sie am Hals berührten. Seine Hand schloss sich, warm und fest, um ihre Kehle.
»So dünn. Ich könnte dich gleich jetzt erwürgen«, murmelte er. »Aber das Töten bereitet mir kein Vergnügen.« Er ließ den Blick weiter nach unten wandern. »Habe ich dir je erzählt, dass ich der Erste Götterdiener des Tempels von Hrun war, bevor ich zur Ersten Stimme wurde?«
Seine Hand glitt weiter hinab, zu ihren Brüsten. Ihr Mund wurde trocken. Er will mich einschüchtern, wiederholte sie. Reagiere nicht darauf. Gib ihm nichts, und er wird das Interesse verlieren und weggehen.
»Hmm. Wie angespannt du bist.« Sein Atem war übelkeiterregend warm. Sie versuchte, ihn nicht einzuatmen. »Das bin ich auch. Hier, ich zeige es dir.«
Er drückte sich an sie und stieß sie dabei gegen die Steinmauer. Eingeengt von schwarzen Roben und angewidert von seinem Atem, überlief sie ein jähes Schaudern des Entsetzens, als sie unter seinen Gewändern die Härte seiner Lenden spürte.
Er hat wirklich vor, das zu tun…
Nein. Bleib ruhig. Das würde er nicht wagen. Es ist lediglich ein Einschüchterungsversuch.
Er nahm die linke Hand von ihrer Brust. Ihre Erleichterung war jedoch nur von kurzer Dauer. Sie spürte seine Knöchel, die in ihren Leib drückten, als er an seinen Roben zerrte. Sein Atem ging schnell. Obwohl sie es eigentlich nicht wollte, blickte sie auf. Er bleckte die Zähne.
»Ja. So ist es richtig. Wo sind deine Götter jetzt, Auraya? Sie können dir nicht helfen.«
Ihre Gedanken wirbelten in zunehmend verzweifelten Kreisen umher, dann sah sie abrupt und mit schrecklicher Klarheit, dass er tatsächlich zu tun beabsichtigte, was er ihr angedroht hatte. Es wird widerlich und demütigend und schmerzhaft sein, aber ich kann es ertragen. Ich werde es ertragen müssen… Aber sie hatte hier und da einen Blick auf die Wunden und Narben im Geist der Frauen erhascht, die von Männern missbraucht worden waren. Er hat das Gleiche getan. Er weiß, dass er mir noch Schlimmeres antun wird als seinen… oh, ihr Götter. Sie hatte keine Möglichkeit, um auf magische Weise eine Empfängnis zu verhindern. Aber er wird nicht den Wunsch haben, ein Kind zu zeugen, überlegte sie. Allerdings befindet auch er sich im Leeren Raum. Seine Magie wird hier ebenfalls nicht funktionieren. Götter, nein! Sie unterdrückte einen Aufschrei, als sie sich selbst sah, angekettet und mit seinem Kind in ihrem geschwollenen Leib, an diesem Ort. Eingekerkert im Innern wie im Äußern. Aber wenn er im Leeren Raum ist, ist auch er verwundbar. Ich kann ihn verletzen. Ich kann ihn töten. Ihr Kiefer spannte sich. Ich werde ihm die Kehle herausbeißen. Ich werde…
»Nekaun.«
Die Stimme war unirdisch. Sie hallte und wisperte durch den Raum wie Wind. Nekaun wirbelte herum. Als Auraya über seine Schulter blickte, sah sie ein Wesen aus Licht. Ihr Mund wurde trocken. Sie hatte diesen Gott schon einmal gesehen.
»Sheyr!«, keuchte Nekaun.
»Komm her.«
Nekaun eilte von dem Podest und warf sich vor den Füßen der leuchtenden Gestalt zu Boden.
»Du darfst Auraya nichts zuleide tun«, sagte der Gott. »Rache wird kommen, aber nicht auf diesem Wege. Was du zu tun wünschst, könnte uns zum Nachteil gereichen.«
»Aber…« Das Wort war kaum hörbar.
Das Wesen aus Licht straffte sich. »Wagst du es, mich zu hinterfragen?«, donnerte es.
»Nein, Sheyr!« Nekaun schüttelte den Kopf, und sein ganzer Körper bebte bei dieser Bewegung.
»Für einen Moment der Befriedigung würdest du unnötige Risiken eingehen.« Der Gott hob den Kopf und starrte Auraya an. »Begnüge dich damit, dass sie allein und ohne Freunde ist, einzig mit ihrem Schatten als Gesellschaft.« Er wandte sich ruckartig wieder zu Nekaun um. »Hast du verstanden?«
»Ja.«
»Dann geh.«
Nekaun raffte sich auf und ergriff die Flucht. Die leuchtende Gestalt blickte abermals zu Auraya hinüber.
Sie zwinkerte, bevor sie verblasste.
An ihrer Stelle stand ein Götterdiener. Der Mann blinzelte und sah sich in der Halle um, dann wich er vor Auraya zurück. Sie blickte in seinen Geist und erkannte, dass der Mann seinen Willen einem Gott überlassen hatte. Anderenfalls wäre Sheyr nicht in der Lage gewesen, sie zu sehen oder mit einer realen Stimme zu sprechen.
Er hat mich gerettet. Sie schüttelte den Kopf. Wie konnte sie solche Dankbarkeit für einen der pentadrianischen Götter empfinden, nachdem diese Nekaun befohlen hatten, seinen Schwur zu brechen und sie hier gefangen zu halten? »…einzig mit ihrem Schatten als Gesellschaft.«
Und jetzt dämmerte ihr die Bedeutung seiner letzten Worte. Schatten! Sie begann leise zu lachen und scherte sich nicht darum, dass eine gewisse hysterische Schärfe in ihrer Stimme lag.
Es war Chaia! Und Nekaun ist darauf hereingefallen!
40
Bei der ersten Gelegenheit schlüpfte Reivan aus dem Bett. Ihre Beine zitterten, und einen Moment lang wusste sie nicht, was sie tun sollte. Als sie ihre Roben auf dem Boden sah, kam sie zu dem Schluss, dass sie sich angekleidet besser fühlen würde. Diese Kleider waren jetzt jedoch zerrissen. Sie ging zu einer Truhe und zog eine andere Robe heraus.
»Was ist los?«
Sie drehte sich zu Nekaun um. Er lag nackt auf dem Bett und war so schön, dass es geradezu wehtat. Es raubte ihr den Atem, aber sie zwang sich, den Rücken durchzudrücken. Biete ihm die Stirn.
»Das war ausgesprochen unangenehm«, erklärte sie.
Er zog die Augenbrauen hoch. »Es hat dir nicht gefallen?«
»Nein.«
»Sonst gefällt es dir doch immer. Bin ich hier nicht länger willkommen?«
»Nicht wenn es so sein wird wie dies hier. Du… du hättest mich beinahe erwürgt.«
»Manchen Frauen gefällt das. Sie sagen, ein wenig Furcht mache die Erfahrung erregender.«
Sie wandte sich ab und schlüpfte in die Robe. »Ich gehöre nicht zu diesen Frauen.«
»Sei nicht wütend. Wie konnten wir das wissen, bevor wir es ausprobiert haben?«
Ihr Ärger verebbte ein wenig. »Du hättest mich vorher fragen sollen.«
»Dann hättest du damit gerechnet. Überraschung ist ein Teil des Vergnügens.«
»Nicht für mich. Und der Rest war auch kein großes Vergnügen. Es war wie…« Sie verzog das Gesicht. Ihr Inneres fühlte sich zerschunden an.
»Wie was?«
Sie runzelte die Stirn. Da war irgendetwas in seiner Stimme… Selbstgefälligkeit? Beinahe so, als genösse er es, ihr Unbehagen zu sehen.
Sie wandte sich zu ihm um und hielt seinem Blick stand. »Es war so, als hättest du mich mit deinem… als hättest du mich damit verprügelt. Bei deiner Erfahrung in der Kunst der Liebe musst du doch wissen, dass so etwas für eine Frau nicht angenehm ist, oder?«
Er lachte. »Du bist wohl kaum die Göttin der Liebe. Du hast noch viel zu lernen. Ich denke, mit der Zeit würde dir ein wenig Grobheit schon gefallen.«