Er nickte. »Du hast nicht unrecht.«
»Denk über meinen Vorschlag nach«, erwiderte sie. »Aber es ist schon spät, und selbst Stimmen müssen ab und zu schlafen.«
»Ebenso wie Unsterbliche«, sagte er und erhob sich. »Gute Nacht, Zweite Stimme Imenja.«
»Gute Nacht.«
Der Götterdiener, der ihn zu dem Treffen begleitet hatte, trat auf den Balkon und führte ihn zu seinen Räumen zurück. Mirar blickte für eine Weile aus dem Fenster und dachte über Imenjas Idee nach.
Ein Kompromiss. Einer, der nicht meine Leute einbezieht, sondern nur mich. Ich beschütze die Pentadrianer mit Magie. Das ermöglicht es den Stimmen, einen größeren Teil ihrer Magie auf die Kämpfe zu verwenden. Und da Auraya unter dem Sanktuarium eingekerkert ist, werden die Pentadrianer diesmal gewiss siegen.
Wie würden seine Anhänger einen solchen Sieg empfinden? Würde er den Respekt der Traumweber verlieren, wenn er für eine Seite Partei ergriff? Es war möglich, aber die südlichen Traumweber würden sich verraten fühlen, wenn sie wüssten, dass er die Eroberung des südlichen Kontinents durch die Zirkler hätte verhindern können.
Seufzend ging er zu Bett. Sobald er eine Traumtrance erreicht hatte, suchte er nach Aurayas Geist, aber die einzige Reaktion, die er bekam, war zusammenhanglos und widerstrebend, und er beschloss, sie schlafen zu lassen. Stattdessen rief er einen anderen Namen.
Emerahl.
Mirar, antwortete sie, ohne zu zögern. Ich habe gerade mit den Zwillingen gesprochen. Wie ist das Leben in Glymma?
Gut für mich, unverändert für Auraya.
Die arme Frau. Hast du eine Möglichkeit gefunden, sie zu befreien?
Nein. Sie wird zu gut bewacht, wie ich übrigens auch, aber ich hoffe, dass sich daran etwas ändern wird, denn der Krieg lenkt alle ab. Wenn ich auch nur das geringste Interesse zeige, beginnt Nekaun zu fragen, ob ich zugegen sein wolle, wenn er sie tötet. Wenn ich frage, warum er damit wartet, sagt er nur, dass »es geschehen werde, wenn die Götter es so verfügen«. Imenja hat mir heute Abend ein Angebot gemacht. Er erzählte ihr, was die Zweite Stimme vorgeschlagen hatte. Was soll ich deiner Meinung nach tun?
Lass dich da nicht mit reinziehen. Aber da du bereits mittendrin steckst, solltest du für keine Seite Partei ergreifen. Doch da diese Stimmen das wahrscheinlich nicht zulassen werden, tu, was Imenja vorschlägt. Allerdings nicht sofort. Wenn du jetzt nachgibst, werden sie mehr verlangen. Warte bis zum letzten Augenblick. Und wenn du kannst, mach Aurayas Schicksal zu einem Teil des Handels, selbst wenn das nur einen Aufschub ihrer Hinrichtung bedeutet.
Wie immer war sie ein Quell guter Ratschläge.
Das klingt nach einem guten Plan. Wie geht es mit der Schriftrolle der Götter voran?
Wir sind noch nicht dahintergekommen, was die Symbole bedeuten. Ich hatte nicht viel Zeit, daran zu arbeiten. Die Zwillinge wollen, dass ich Südithania verlasse, für den Fall, dass die Denker Jagd auf mich machen. Ich werde durch Glymma reisen. Sie hielt inne. Können wir uns irgendwo gefahrlos treffen? Ich möchte, dass du dir den Diamanten anschaust.
Ich würde ihn auch gern sehen, aber ich denke, das wäre zu riskant. Obwohl ich mich frei bewegen kann, weiß ich nicht, wo wir uns gefahrlos treffen könnten, und ich bin mir sicher, dass mir jemand folgt, wenn ich das Sanktuarium verlasse.
Den Zwillingen würde es nicht gefallen. Wir würden nicht nur das Risiko eingehen, dass die Stimmen uns finden und uns den Diamanten abnehmen und ihn zerstören, es würde auch die Gefahr bestehen, dass die Pentadrianer mich ebenfalls erpressen, damit ich mich ihnen anschließe.
Du hast recht, das sollten wir vermeiden, pflichtete Mirar ihr bei. Die zirklischen Götter wären begeistert, wenn das geschehen würde. Auraya zufolge haben sie sich mehr als nur einmal im Sanktuarium herumgetrieben.
Die pentadrianischen Götter jagen sie nicht davon?
Sie hat nichts davon gesagt, dass sie sie spüren könne.
Das ist eigenartig. Vielleicht fürchten sie die zirklischen Götter.
Vielleicht sind sie ihrem Wesen nach so anders, dass Auraya sie nicht spüren kann, meinte Mirar.
Möglicherweise wissen sie auch, dass sie Götter belauschen kann, und gehen ihr aus dem Weg. Ich schätze, wir werden es nie erfahren.
Es sei denn, sie beschließen, es uns zu erzählen.
Ich glaube nicht, dass das in nächster Zeit passieren wird. Gibt es sonst noch etwas Neues?
Nein.
Dann viel Glück. Ich werde es dich wissen lassen, wenn ich Nordithania erreicht habe.
Dir auch viel Glück.
Ihr Geist verblasste langsam. Mirar kämpfte eine beharrliche Erschöpfung nieder, dann machte er sich an seine letzte Aufgabe für die Nacht: Er sandte seinen Geist aus, um die Gedanken der Menschen um ihn herum abzuschöpfen.
41
Drei Tage waren verstrichen, und Nekaun war nicht zurückgekehrt. Die Domestiken versahen ihre gewöhnlichen Aufgaben; sie spülten Auraya mit kaltem Wasser ab und gaben ihr körnigen Brei zu essen. Nach der Prozedur zitterte sie jedes Mal vor Kälte, und sie wünschte beinahe, sie würden sie schmutzig lassen. Es war schlimm genug, dass sie ständig fror, aber die Kälte, die sie nach dem Waschen überfiel, raubte ihr alle Kraft.
Sie sehnte sich nach richtigem Essen und träumte manchmal sogar davon. Wenn sie die Gedanken essender Menschen abschöpfte, verzehrte ihr eigener Körper sich nach Nahrung. Außerdem hätte sie viel darum gegeben, sich hinlegen zu können. Ihre Arme schmerzten, und trotz ihrer Bemühungen, die Beine zu strecken, hatte sie manchmal schmerzhafte Krämpfe. Meistens war sie so müde, dass sie nur kraftlos an der Wand lehnte.
Ihre Streifzüge hinaus in die Welt lenkten sie von Kälte, Hunger und Schmerz ab. Durch andere Menschen sah sie die Sonne auf- und untergehen, spürte Glück, Liebe und Zufriedenheit. Sie begann, dem Geist jener auszuweichen, die Schmerzen oder Kummer litten. Die Gedanken der Menschen, die sich auf den Krieg vorbereiteten, schienen nicht mehr so wichtig zu sein.
Welchen Unterschied macht es, ob ich weiß, was sie planen? Ich kann ohnehin nichts tun, um sie aufzuhalten. Ich kann nicht einmal die Weißen erreichen und ihnen mitteilen, was ich erfahren habe. Danjin vertraut mir nicht. Chaia…
Chaia hatte sie gerettet. Aber dennoch stiegen Fragen in ihr auf. Wenn Chaia sich als ein anderer Gott ausgeben konnte, waren die übrigen Götter dann ebenfalls dazu in der Lage? Konnten pentadrianische Götter sich als zirklische ausgeben? Das musste der Grund sein, warum er ihr das Erkennungswort »Schatten« gegeben hatte.
Aber die Erinnerung an Chaia war zu sehr mit dem Gedanken daran verknüpft, was Nekaun ihr hatte antun wollen, daher wandte sie sich anderen Dingen zu.
Was nicht immer funktionierte. Manchmal weckte irgendetwas in ihr eine Erinnerung an erdrückende schwarze Roben und tastende, unerwünschte Hände. Dann kroch ihr eine Gänsehaut über den Leib, und ihr Herz raste.
Sie hasste sich dafür, dass dieser Zwischenfall eine solche Macht über sie hatte. Die Erschöpfung ist der Grund, warum ich mich so schwach fühle, sagte sie sich. Wenn ich stärker wäre, könnte ich besser damit umgehen. Sie verzog das Gesicht. Wenn Chaia Nekaun nicht gestört hätte, wäre ich in einem noch schlechteren Zustand.