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Sie sah sich um. Das Schiff war ein einfaches Handelsschiff. Sein breiter Rumpf wurde für den Transport von Fracht benutzt, nicht von Passagieren. Alle Seeleute waren an Deck. Sie schliefen nicht auf See, da die Reise über den Golf binnen einer Nacht oder eines Tages bewältigt wurde. Emerahl bezweifelte, dass sie jemals unter Deck gingen, es sei denn, um nach der Fracht zu sehen oder Essen und frisches Wasser heraufzuholen.

Eine Möglichkeit gab es, wie sie unter Deck gehen und sicherstellen konnte, dass sie nicht gestört werden würde. Sie trat neben den Kapitän und wartete, bis er sich zu ihr umwandte.

»Ich muss für eine Weile allein sein«, sagte sie mit einem schiefen Lächeln. »Wäre ich unter Deck ungestört?«

Er nickte knapp. »Ich werde dafür sorgen, dass niemand nach unten geht. Es steht ein Eimer dort.«

»Danke.«

Er deutete auf die Luke. Einige der Seeleute nickten ihr zu, als sie an ihnen vorbeiging. Sie erwiderte den Gruß und spürte, dass die Männer ihre Anwesenheit, jetzt, da sie Glymma verlassen hatten, eher mit Neugier als mit Furcht betrachteten. Dem Kapitän hatte sie erzählt, ihr Mann sei vor einigen Monaten nach Glymma gekommen, in der Hoffnung, einen Handelspartner zu finden. Er habe sie in der Stadt gelassen, während er nach Sennon zurückgekehrt sei, um Geschäfte zu tätigen. Der Krieg habe ihn daran gehindert, sie aus Glymma abzuholen, daher habe sie allein fliehen müssen.

Als sie die Luke erreicht hatte, stieg sie eine Leiter hinunter in die Dunkelheit. Sie schuf einen Lichtfunken und hielt Ausschau nach dem Eimer. Wenn sie ihn nicht benutzte, würde der Kapitän vielleicht argwöhnen, sie habe etwas von der Fracht gestohlen oder darin herumgeschnüffelt. Sie fand den Nachttopf nicht weit entfernt von der Stelle, an der die Männer ihre Reisetruhe mit dem Schatz verstaut hatten.

Nachdem sie eine Schnur aus ihrem Bündel genommen hatte, spannte sie diese über Haken zu beiden Seiten des Rumpfs, die normalerweise der Sicherung der Ladung dienten. Über die Schnur hängte sie ihr Kapas. Wenn doch jemand nach unten kam, würde er annehmen, sie habe es aufgehängt, um ungestört zu sein.

Sie überzeugte sich davon, dass der Eimer sauber war, dann drehte sie ihn um, setzte sich darauf und zog den Anhänger unter ihren Kleidern hervor.

Es war nicht einfach, den Diamanten auf einem schaukelnden Schiff ruhig zu halten. Schließlich benutzte sie Magie, um ihn in der Luft schweben zu lassen. Sie schuf einen Lichtfunken, ließ ihn in dem Diamanten kreisen und drehte den Stein so, dass die »Schlüssel«-Facette Schatten auf ihr Kapas warf.

Voller Spannung untersuchte sie das Diagramm. Eine gepunktete Linie kreuzte eine Seite des Achtecks, zwei kreuzten die nächste Seite, drei die darauffolgende und vier die letzte. Die Zahlen bezogen sich vielleicht auf Winkel. Das würde sie erst wissen, wenn sie es ausprobiert hatte.

Sie drehte den Anhänger so, dass die Seite mit der Aufschrift zwei Lichter/zwei Wahrheiten dem Umhang zugewandt war, und beschwor eine zweite Lichtquelle herauf. Dann bewegte sie die beiden Lichter im Zentrum des Diamanten umher. Als sie sich weiter voneinander entfernten, sah sie, dass die Schatten auf dem Kapas einander überlappten. Plötzlich bildeten sie erkennbare Schriftzeichen. Sie ließ die Lichtfunken verharren und zog sie ein wenig näher zu sich heran.

Da! Das ist es!

Gewöhnliche Zeichen der Sorli-Schrift bedeckten ihren Umhang. Mit einem gewisperten Jubeln des Triumphs begann sie zu lesen.

Als Surim das erste Mal in den Sumpf gekommen war, hatte er ihn für einen hässlichen, übelriechenden Ort gehalten. Nachdem er einige tausend Jahre lang in Luxus gelebt hatte, war ihm die schlammige, allzeit feuchte Wildnis wie ein Ort aus seinem schlimmsten Albtraum erschienen.

Aber während er sich an seine neue Heimat gewöhnt hatte, hatte er ihre Schönheit zu schätzen gelernt. So viel Leben, dachte er, während er das Boot durchs Wasser gleiten ließ. Solche Vielfalt an Pflanzen, Tieren und Insekten an diesem einzigartigen Ort. Die Einheimischen wussten dies bis zu einem gewissen Maß ebenfalls zu schätzen. Sie passten ihr Leben an den Sumpf an, ebenso wie sie den Sumpf an ihr Leben anpassten. Außenseiter verstanden es nicht - sie versuchten nicht, es zu verstehen. Sie fällten die Bäume, hoben tiefere, breitere Flüsse aus und versuchten, das wasserdurchtränkte Land trockenzulegen.

Der Sumpf war wunderschön während des Tages, aber unheimlich in der Nacht. Ohne sein Licht, das den Weg erhellte, hätte Surim sich in absoluter Dunkelheit verirrt. Er duckte sich unter einem Netz, das über den Fluss gespannt war, dann drehte er sich um und grüßte die gewaltige Spinne, die in der Mitte hockte.

»Sei vorsichtig, wo du deine Netze webst, oder ich werde dich zu meinem Abendessen machen«, erklärte er der Spinne. Er wandte sich wieder um und blickte an der Felswand vor ihm hinauf. Während er sein Boot daran entlangsteuerte, lauschte er den Geräuschen des Sumpfs. Jedes Zirpen, jedes Summen und jeder Ruf beschworen vor seinem inneren Auge den Besitzer der Stimme herauf. Ein Regenbogenflieger huschte an seinem Ohr vorbei.

Er manövrierte das Boot um eine Biegung des Flusses und hielt auf die dunklen Löcher im Sockel der Felswand zu. Als es hineinglitt, wichen die Schatten vor seinem Licht zurück.

»Flieht, Schatten!«, flüsterte er. »Flieht, so schnell ihr könnt!«

Das Boot trieb in eine Höhle. Ein anderes Licht und eine Gestalt zogen ihn auf die gegenüberliegende Seite hinüber. Tamun hatte die Arme vor der Brust verschränkt.

»Du kommst spät.«

»Ach ja?« Er lächelte. »Ich wusste nicht, dass ich zu einer bestimmten Zeit an einem bestimmten Ort sein sollte.«

Sie sah ihn mit schmalen Augen an. »Du weißt, was ich meine. Normalerweise kehrst du vor Einbruch der Dunkelheit zurück.«

»Das ist wahr«, pflichtete er ihr bei. »Es war eine ungewöhnliche Nacht. Oder die gewöhnlich ungewöhnliche Nacht.« Er lenkte das Boot zu dem Felsvorsprung hinüber und erhob sich. »Wie viele Male muss etwas ungewöhnlich sein, um gewöhnlich ungewöhnlich sein zu können?«

Sie rümpfte die Nase. »Erheblich seltener, als du dumme Fragen stellst. Beeil dich. Emerahl hat die Geheimnisse entschlüsselt.« Mit diesen Worten wandte sie sich ab und ging über den Felssims in die Höhlen.

Eine Welle der Erregung stieg in Surim auf. Er sprang aus dem Boot, band es hastig fest und eilte ihr nach.

Den Göttern widerstrebte es bekanntermaßen, mit Sterblichen oder Unsterblichen über ihre eigenen Beschränkungen zu sprechen. Als er und Tamun Hinweise darauf gefunden hatten, dass es irgendwo in Südithania möglicherweise eine Schriftrolle voller Geheimnisse eines toten Gottes gab, hatte dieses Wissen sich zu einer quälenden Verlockung entwickelt. Surim hatte sogar erwogen, die Höhle zu verlassen, um selbst danach zu suchen. Es war das Risiko einer Entdeckung durch die Götter beinahe wert. Beinahe. Davon abgehalten hatte ihn nicht der Gedanke, dass die Götter ihn vielleicht bemerken und seine Ermordung veranlassen könnten, sondern der Umstand, dass Tamun in diesem Fall allein zurückbleiben würde. Zum ersten Mal in zwei Jahrtausenden. Er bildete sich gern ein, dass er ohne sie überleben könne. Von ihnen beiden hatte er sich während des letzten Jahrhunderts am meisten verändert. Er wollte das Risiko nicht eingehen, dass sie ohne ihn nicht überleben konnte.

Unsere Stärke ist unsere Schwäche. Unsere Schwäche ist unsere Stärke. Die Trennung unserer Körper war schon schwer genug zu akzeptieren. Der Tod ist unvorstellbar.

Dann war Emerahl gekommen und hatte die Suche nach der Schriftrolle der Götter mit Freuden aufgenommen. Tamuns Meinung nach war sie ein zu großes Risiko eingegangen, als sie die Denker verlassen und darauf gesetzt hatte, dass die Geheimnisse sich irgendwo in dem Schatz befanden. Surim kümmerte das nicht. Nur jemand, der bereit war, einige Risiken einzugehen, konnte die Suche überhaupt übernehmen. Und Emerahl hatte recht gehabt.