Wir könnten es versuchen, meinte Tamun.
Mit vereinten Kräften, ergänzte Mirar.
Wenn wir zu sechst wären, beendete die Möwe ihre Überlegungen. Wir sind nur fünf.
Auraya könnte…, begann Mirar.
Das wird sie nicht tun, bemerkte Emerahl. Sie glaubt immer noch, ihnen zu dienen.
Was das betrifft, könnte sie in letzter Zeit ihre Meinung geändert haben, entgegnete er.
Dieses Risiko können wir nicht eingehen, sagte Tamun entschieden. Wenn sie weiß, wozu wir in der Lage sind, könnte sie die Götter warnen. Im Gegensatz zu den Göttern können wir nicht binnen eines Augenblicks auf die andere Seite der Welt fliehen, falls es nicht funktioniert.
Man sollte ihr den Rest erzählen - alles, was wir erfahren haben, abgesehen davon, wie die Götter getötet wurden, sagte Emerahl. Sie muss über die wahre Natur der Götter, denen sie dient, Bescheid wissen.
Die anderen murmelten zustimmend.
Also, was tun wir ohne sie?, fragte Mirar. Warten, bis ein anderer Unsterblicher seine Macht erringt? Das könnte tausend Jahre dauern.
Wenn es notwendig ist, werden wir darauf warten, dass das geschieht, erwiderte Tamun. Oder wir warten, bis die Götter Auraya so sehr gegen sich aufgebracht haben, dass wir sicher sein können, dass sie sie genauso sehr hasst, wie wir es tun.
Was immer als Erstes geschieht, stimmte die Möwe ihr zu. Obwohl uns vielleicht keine andere Wahl bleiben wird, als auf einen neuen Unsterblichen zu warten, sollte Aurayas gegenwärtige Situation ein schlimmes Ende nehmen.
Nicht, wenn ich es verhindern kann, sagte Mirar.
Ich bitte dich, Mirar, begann Tamun. Geh keine törichten Risiken ein. Es wird lange dauern, wenn wir darauf warten müssen, dass zwei Unsterbliche ihre…
Ich muss Schluss machen, sagte Mirar abrupt.
Als Mirar aus ihrer Vernetzung verschwand, stieß Surim einen Seufzer aus.
Ich wünschte wirklich, du würdest aufhören, ihn auf solche Weise zu ermutigen, Schwester.
42
Das Ziehen in ihren Schultern war zu einem scharfen Schmerz geworden, während ihre Hände vor einiger Zeit alles Gefühl verloren hatten. Auraya öffnete die Augen und zwang sich, die Beine auszustrecken. Ihre Knie knackten, und ihre Oberschenkelmuskeln begannen zu zittern.
Das ist nicht gut, dachte sie. Ich werde schwächer. Ich brauche Bewegung. Sie dehnte die Muskeln und verlagerte ihr Gewicht von einem Bein aufs andere. Als das Gefühl in ihre Hände zurückkehrte, kam es ihr vor, als würden tausend Nadeln ihre Haut durchstechen. Was würde ich nicht alles tun für einen Stuhl…
Plötzlich verzehnfachte sich der Schmerz, als etwas ihren Arm berührte. Sie rang nach Luft und blickte auf, dann keuchte sie überrascht, als zwei runde Augen in ihre blickten.
»Unfug!«
Der Veez hockte auf der Sitzfläche des Throns und beugte sich zu ihr vor. Er sprang hinunter, und als er auf ihren wunden Schultern landete, zuckte sie zusammen.
»Was tust du hier?«, flüsterte sie. »Ich habe dir doch gesagt, du sollst bei der netten Dienerin bleiben.«
»Owaya«, erwiderte er, und seine Schnurrhaare kitzelten sie am Ohr. »Böser Mann. Jagen.«
Er verströmte Furcht und Erregung. Auraya konzentrierte sich auf seine Gedanken und fing bruchstückhafte Erinnerungen auf. Ein Mann, den er kannte. Einer, mit dem sie viel Zeit verbracht hatte. Schreie. Ein Ausweichen vor magischen Angriffen. Flucht.
»Nekaun«, zischte Auraya. »Er hat versucht, dich zu töten.« Sie sandte dem Veez ein Gefühl von Mitleid und Stolz. Kluger Unfug.
Er schmiegte sich an ihr Ohr. »Kraulen.«
»Ich kann nicht«, antwortete sie und demonstrierte ihm, was sie meinte, indem sie an den Ketten zog. »Auraya gefangen.«
»Owaya befreien«, sagte er entschieden. Dann huschte er ihren Arm hinauf und schnupperte an den Handschellen. Ein Hoffnungsschimmer stieg in ihr auf, und sie blickte zu den Wachen hinüber. Sie schienen ganz in ein Gespräch vertieft zu sein. Unfugs Schnurrhaare bebten, dann legte er plötzlich die Ohren flach an den Kopf. Sie spürte seine Verwirrung, und plötzlich verstand sie.
»Keine Magie«, erklärte sie. »Keine Magie hier. Du benutzt Magie, um Schlösser zu öffnen.«
Der Veez verstand nicht. Er sprang auf den Thron und hockte sich an den Rand der Sitzfläche. Sein Fell stand ihm zu Berge, und sie spürte, dass er zutiefst unglücklich war.
Sie konnte nichts sagen, um ihn zu trösten, daher schwieg sie. Seufzend schloss sie die Augen und sandte ihren Geist in die Welt hinaus.
Gewohnheitsmäßig streifte sie die Geister der beiden Götterdiener, die sie bewachten. Sie sprachen gerade über die beiden Male, da Sheyr Besitz von Sterblichen ergriffen und die Halle betreten hatte. Es war ihnen nicht in den Sinn gekommen, dass der Gott möglicherweise nicht der gewesen war, als der er sich ausgegeben hatte. Sie wussten nicht, dass der eine Mann den Verstand verloren hatte, während der andere jetzt jede Nacht mehrmals schreiend aufwachte. Auraya wusste das, weil sie den Geist der beiden abgeschöpft hatte.
Sie bewegte sich weiter weg und fing die Gedanken anderer Götterdiener auf. Sie waren beschäftigt mit ihren alltäglichen Aufgaben, kleinen Kümmernissen, Klatsch und Tratsch, Freunden und Verwandten und mit dem Krieg. Auf der Suche nach etwas Ungewöhnlichem streifte sie weiter umher. Mehrmals erregte Nekauns Name ihre Aufmerksamkeit. Einige Frauen, Götterdiener und Domestiken grübelten voller Unbehagen über seinen Besuch in ihrem Schlafzimmer nach. Auraya schrak vor diesen Erinnerungen zurück, dann stolperte sie über die Dienerin, die Unfug versorgt hatte. Es freute sie zu sehen, dass die Frau sehr erregt war, sowohl über Nekauns Versuch, den Veez zu töten, als auch darüber, dass das Tier nicht zurückgekehrt war.
Schließlich verließ Auraya das Sanktuarium und blickte in die Gedanken der Bürger von Glymma. Sie waren mit alltäglichen Belangen beschäftigt: Arbeit, Familie, Liebe, Hunger, Essen, Ehrgeiz, Schmerz und Freude. Der Krieg war allen gegenwärtig.
Am vergangenen Tag war es ihr gelungen, sich über die Grenzen der Stadt hinaus zu einigen Dörfern am Fluss zu bewegen. Heute hatte sie ihre Sinne in eine andere Richtung ausgestreckt. Dort fanden sich weniger Menschen, was nicht überraschend war, da dieses Gebiet ringsum von Wüstensand umgeben war. Die meisten Menschen konzentrierten sich darauf, Magie und körperliches Geschick einzusetzen, um eine Art Gefährt zu kontrollieren. Als sie genauer hinschaute, wurde ihr langsam klar, dass es sich dabei um Boote handelte, die, vom Wind angetrieben, über den Wüstensand glitten.
Sieht so aus, als würde das Spaß machen, ging es ihr durch den Kopf.
Auraya!
Als der Ruf kam, ließ sie sich automatisch in eine Traumtrance sinken.
Mirar?
Wie geht es dir?
Ich bin müde, und mir tut alles weh. Nekaun hat versucht, Unfug zu töten. Er ist jetzt hier.
Der Bastard. Es ist eine Schande, dass dieses Volk von einem solchen Mann regiert wird. Die anderen scheinen erheblich netter zu sein.
Selbst Shar, derjenige, der seine Worns in Toren unschuldige Menschen hat töten lassen?
Nun… ich habe mich bisher nicht allzu oft mit ihm unterhalten. Aber wie dem auch sei, ich muss dir etwas mitteilen. Die anderen Unsterblichen fanden, du solltest es wissen.
Die anderen Wilden?