»Seit einigen Monaten.«
»Dann hast du dich zunächst also nicht zu erkennen gegeben?«
»Ich wusste nicht, ob ich hier sicher sein würde.« Er hielt inne, dann sah er die Frau mit hochgezogenen Augenbrauen an. »Bin ich hier sicher?«
Sie lächelte. »Das hängt von deinen Plänen ab. Wenn du beschließen solltest, selbst über Dekkar zu herrschen, würden wir dafür sorgen, dass es die kürzeste Herrschaft eines Häuptlings in der ganzen Geschichte wird. Und es hat einige sehr kurze Regentschaften gegeben.«
»Ich habe nicht den Ehrgeiz, irgendein Land zu beherrschen. Das ist eine Aufgabe, für die Menschen wie du weit besser geeignet sind.«
»Und was für ein Mensch bin ich?«
Er sah sie an, überrascht von ihrer Frage. »Du erfreust dich der Gunst der Götter. Du bist klug. Schön. Die Menschen mögen diese Eigenschaften bei ihren Anführern.«
Genza lehnte sich zurück und musterte ihn mit halb geschlossenen Augen. »Du bist charmant - und du siehst selbst nicht gerade schlecht aus. Ich muss zugeben, dass ich einen alten Mann erwartet hatte.«
Er lächelte. »Ich bin ein alter Mann.«
Sie lachte. Dann beugte sie sich vor und berührte ihn sacht am Knie. »Ich werde dir ein Geheimnis verraten. Ich bin auch nicht so jung, wie ich aussehe.«
Wieder konnte Mirar nur staunen. Genzas Augen waren dunkel, ihr Lächeln schelmisch.
Ich würde denken, dass sie mit mir flirtet, wenn sie keine Stimme wäre…
Andererseits hatte er nichts gehört, was darauf schließen ließ, dass die Stimmen Keuschheit geloben mussten. Er wusste, dass ihre Götterdiener keinem Keuschheitsgelübde unterlagen, obwohl er immer den Verdacht gehabt hatte, dass die Gerüchte über rituelle Orgien Übertreibungen waren.
Wollte sie lediglich freundlich sein, oder bot sie ihm mehr als Freundlichkeit an? Wenn dies tatsächlich die Erklärung für ihr Verhalten war, was würde er dann tun? Sie war attraktiv, und etwas sagte ihm, dass sie sehr erfahren war … aber etwas anderes ließ ihn zögern.
Vielleicht war es natürliche Vorsicht. Er hatte keine Ahnung, welche Konsequenzen es haben könnte, eine Affäre mit einer Frau von solcher Macht anzufangen. Dann fiel ihm wieder ein, dass die Pentadrianer hinter den Morden an Traumwebern in Jarime steckten, die jetzt einige Monate zurücklagen. Genza könnte durchaus etwas damit zu tun haben, und der Gedanke war mehr als genug, um sein Interesse zunichtezumachen.
Sie schien es zu spüren und lehnte sich wieder auf ihrem Platz zurück. »Also, wie sehen deine Pläne für die Zukunft aus, Traumweber Mirar?«, fragte sie.
Er zuckte die Achseln. »Mein Volk ist überall in Südithania ansässig. Ich würde gern den Kontinent bereisen, die Sprachen und Sitten der Menschen kennenlernen und die Heilkunst unterrichten, wie ich es früher getan habe.«
Sie nickte. »Dann musst du nach Glymma kommen. Komm ins Sanktuarium und mach dich mit den anderen Stimmen bekannt.« Ihr Lächeln wurde breiter, und sie senkte den Kopf und blickte zu ihm auf. »Selbst wenn die anderen kein großes Aufhebens um dich machen, ich werde es tun. Ich erkenne die Möglichkeiten eines einträglichen Bündnisses zwischen uns.«
Er lachte leise und musterte sie nachdenklich. »Ah, deine Götter haben eine gute Wahl getroffen. Warum bin ich mir nicht sicher, ob du versuchst, mich in politischer oder in körperlicher Hinsicht zu verführen?«
Ihre Augen blitzten, und sie grinste breit. »Erfolg ist das Erreichen einer Position, in der man seine Talente zum besten Nutzen einsetzen kann.«
Er nickte. »Das ist wahr. Ich fürchte, ich war bisweilen ein schlechtes Vorbild für die Traumweber. Ich versuche, Dinge zu vermeiden, für die ich kein Talent habe. Meine Talente sind die eines Heilers und Lehrers, daher kann ich nur sehr begrenzt für die Traumweber sprechen.«
»Und doch könnten deine Taten einen Einfluss auf die Zukunft der Traumweber haben. Du könntest die Traumweber zum Beispiel immer noch davon abbringen, ihre Freundschaft mit den Pentadrianern fortzusetzen.«
»Das könnte ich, aber selbstverständlich würde ich es nicht tun.«
»Selbstverständlich.«
»Und ich könnte um ihretwillen nach einer Bestätigung suchen, dass die Pentadrianer uns keinen weiteren Schaden zufügen werden.«
Ihre Augen wurden schmal; vermutlich hatte sie seine Anspielung auf die Morde an Traumwebern in Jarime durchaus verstanden.
»Dann sei versichert, dass wir den Traumwebern nicht mit Feindseligkeit begegnen«, erwiderte sie.
Keine Feindseligkeit, überlegte er. Aber du würdest keinen Moment zögern, abermals einzelne Personen zu benutzen, um deine Ziele zu verfolgen.
»Was weißt du über die Kandidaten?«, wechselte sie plötzlich das Thema.
Er zuckte die Achseln. »Sehr wenig. Ich kenne nur die Gerüchte, die ich von anderen Traumwebern gehört habe. Im Grunde verstehe ich nicht ganz, wozu die Prüfungen dienen. Warum diese Erprobung körperlicher Stärke? Ist das notwendig? Körperliche Stärke bedeutet nicht, dass jemand auch die Stärke hat zu regieren.«
Genza hob die Schultern. »Die Prüfungen sind eine Tradition. Außerdem erhöhen sie die Chancen, dass ein Herrscher sich eine Weile halten wird. Die körperliche Prüfung ist nicht übermäßig anspruchsvoll, aber sie scheidet die Schwachen und jene aus, die zu Trägheit und Unmäßigkeit neigen.«
»Sie könnten Trägheit und Unmäßigkeit gerade lange genug beiseitedrängen, um zu siegen.«
»Ja«, stimmte sie ihm zu. »Und es besteht immer die Gefahr, dass ein Kandidat aufgrund seiner Jugend eine Stärke an den Tag legt, die später durch Maßlosigkeit zerstört wird. Ah, da wir gerade von Maßlosigkeit sprechen…«
Einige Diener kamen mit Tabletts voller Speisen und großen Krügen in den Pavillon. Während der nächsten Stunde ermutigte Genza all ihre Gefährten, zu essen und zu trinken. Aufgrund der wiederholten Dankesbekundungen der anderen vermutete Mirar, dass Genza für das Festmahl bezahlt hatte.
Ab und zu konnte man einen der Kandidaten sehen, und das Gespräch wandte sich Spekulationen über den Ausgang der Prüfungen zu, Wetten wurden erhöht. Die beiden jungen Männer, die als Erste in den Pavillon zurückkehrten, bekamen die Aufgabe, schwere Steinkugeln von zunehmender Größe zu stemmen. Die Frau kam als Nächste an, hatte aber Mühe mit den Steinen. Kurz darauf folgte der Mann mit den intelligenten Augen und bewältigte seine neue Aufgabe sehr gut, während der ältere Mann als Letzter zurückkehrte, aber alle Anwesenden mit seiner Stärke überraschte.
Jetzt wurde ein etwa raumgroßer Holzrahmen von mehreren muskulösen Männern zum Pavillon gerollt. Er war mit einem feinen Netz überzogen. Vor Genza stellte man einen einfachen, aber formschönen Zeitmesser aus Glasröhren auf. Dann hörte Mirar ein tiefes Summen, das die ringsum geführten Gespräche übertönte. Es wurde noch lauter, als fünf große Körbe gebracht und vor dem Rahmen auf die Erde gestellt wurden.
In der Stadt herrschte summendes Stimmengewirr, und Mirar spürte die wachsende Erregung und Neugier der Menschen. Bei den Kandidaten nahm er Nervosität und ein wenig Furcht wahr. Der muskulöse junge Mann schien sich am meisten zu ängstigen.
Genza untersuchte den Rahmen, indem sie langsam darum herumging. Als sie ihren Ausgangspunkt wieder erreicht hatte, wandte sie sich den Kandidaten zu.
»Dies ist eine Prüfung eurer magischen Fähigkeiten. Wie ihr alle erraten habt, enthält jeder dieser Körbe Zapper. Es sind jeweils hundert Insekten in den Körben, und ich kann euch versichern, dass es nicht einfach war, sie dort unterzubringen. Ihr werdet den Käfig betreten, woraufhin das Netz zugezogen wird. Dann wird man die Zapper freilassen. Ihr müsst euch so schnell wie möglich mit Magie schützen und den gesamten Schwarm töten.« Sie lächelte. »Falls einer von euch an seiner Fähigkeit zweifeln sollte, diese Aufgabe zu erfüllen, möge er jetzt beiseitetreten. Wir haben einen Traumweber hier, aber er würde es gewiss vorziehen, wenn er nicht den ganzen Nachmittag darauf verwenden müsste, Zapper-Larven aus euren Körpern zu entfernen.«