Keiner der Kandidaten bewegte sich, obwohl der muskulöse junge Mann sichtbar schauderte.
»Gut. Wer möchte den Anfang machen?«
Die Kandidaten tauschten einen Blick, dann trat der scharfäugige Mann vor. Die Menge jubelte. Genza wies ihn an, einen Korb zu nehmen und ihn in den Käfig zu tragen. Er stellte ihn in einer Ecke ab, dann zog er sich auf die entgegengesetzte Seite des Käfigs zurück. Die Netze wurden sorgfältig wieder festgezogen.
Genza wartete, bis alles still war, dann machte sie eine winzige Geste mit einer Hand. Der Deckel flog von dem Korb, und eine schwarze Wolke strömte heraus.
Der Mann griff sofort mit Magie an und lenkte die Aufmerksamkeit der Zapper auf sich. Man konnte die Insekten kaum sehen, so schnell bewegten sie sich. Mirar konnte nur flüchtige Blicke auf segmentierte Schwänze und Fühler werfen. Das Surren ihrer Flügel war ohrenbetäubend, aber die lähmenden Blitze ihrer Magie waren lautlos.
Mirar hatte von diesen Dschungelinsekten gehört. Der magische Stich eines einzigen Insekts war schmerzhaft, wenn auch nicht tödlich, aber wenn sich ein Tier mehrere Stiche gleichzeitig zuzog, konnte es gelähmt werden. Meistens griffen die Insekten nur an, um ihre Nester zu schützen. Aber zu bestimmten Zeiten, ausgelöst durch den Vollmond, stachen die Insekten auch, um Eier in lebendem Fleisch abzulegen. Wenn man eine Lampe über einen Korb mit Zappern hängte, löste man den gleichen Instinkt aus.
Was für diese Prüfung kaum notwendig gewesen wäre. Die Zapper würden auch ohne den Trieb, Eier zu legen, mit großer Wildheit angreifen, und die Kandidaten mussten nicht ihre Fähigkeit, gegen die Insekten zu kämpfen, unter Beweis stellen, sondern zeigen, wie lange sie brauchten, um alle Tiere zu töten.
Das Summen war inzwischen leiser geworden. Als der Kandidat im Käfig das letzte Insekt tötete, warf Genza einen Blick auf die Wasseruhr.
»Fünfeinhalb Maßeinheiten. Gut gemacht.«
Gegen seinen Willen wurde Mirar von der allgemeinen Spannung erfasst, während die anderen Bewerber ihr Können im Käfig unter Beweis stellten. Der Mann mit den scharfen Gesichtszügen hatte die besten Ergebnisse erzielt, auch wenn der ältere Mann fast genauso schnell war. Der ernste junge Mann brauchte viel Zeit, um die Zapper auszuschalten, was Mirar sagte, dass seine Gaben wahrscheinlich nicht groß genug waren, um Magie für mehrere Angriffe gleichzeitig in sich hineinzuziehen.
Die toten Zapper klapperten auf dem Boden des Käfigs, als dieser davongerollt wurde. Jetzt durften die Kandidaten auf Hockern Platz nehmen und bekamen Wasser und Früchte, um sich zu stärken. Genza lud einen Patriarchen in den Pavillon ein, der den Bewerbern Fragen stellen sollte. Er beschrieb komplizierte Handelsszenarien, deren Beantwortung Kenntnisse der Mathematik und des Handelswesens voraussetzte, und es wurde schnell offenbar, dass der ältere Mann in beiden Bereichen Schwierigkeiten hatte.
Während Genza einen Patriarchen nach dem anderen zur Befragung der Kandidaten in den Pavillon bat, fragte Mirar sich langsam, ob alle anwesenden Anführer irgendwann an die Reihe kommen würden. Die Kriegsführer und die Ergebenen Götterdiener ergriffen die Gelegenheit mit spürbarer Begeisterung und stellten Fragen, die sich um Strategie und Religion drehten. Die anderen Patriarchen und Matriarchinnen prüften die Kandidaten auf den Gebieten des Gesetzes und der Moral.
Als alle ihre Fragen gestellt hatten, wandte sich Genza zu Mirar um. »Ich habe dich nicht gebeten, eine Frage vorzubereiten, Traumweber Mirar, aber du darfst eine stellen, wenn du es wünschst.«
Er nickte. »Vielen Dank. Es wäre mir eine Ehre.« Er wandte sich den Kandidaten zu. »Dies ist eine Frage an euch alle. Zu ihrer Beantwortung bedarf es weder komplizierter Berechnungen noch genauer Kenntnis der Gesetze. Mich interessiert nur eins: Was werdet ihr während eurer Regentschaft für die Menschen unten tun?«
Die Frau lächelte, und der ältere Mann errötete vor Freude und straffte sich voller Stolz, aber die drei anderen Kandidaten runzelten die Stirn. Bei dem dünnen, ernsthaften jungen Mann war dies jedoch eine Geste der Nachdenklichkeit. Die beiden anderen blickten finster drein.
»Ich würde sie fragen, was sie brauchen und wollen, und ihnen geben, was wir uns leis…«, begann die Frau.
»Ich würde Plattformen bauen«, sagte der ältere Mann. »Die Stadt kann sie sich leisten. Sobald wir vom Boden weg sind, werden wir die gleichen Chancen haben wie alle anderen auch, und die Stadt wird insgesamt gesünder sein.«
Mirar wandte sich dem scharfäugigen Mann zu. Der Mann sah Genza an, dann zuckte er die Achseln.
»Ich würde nichts tun. Es wird immer Menschen unten geben. Wir können ihnen nicht helfen, wenn sie sich nicht selbst helfen.«
Der ältere Mann funkelte ihn wütend an. Er öffnete den Mund, aber als Genza sich räusperte, zog er sich zurück und sank verdrossen in sich zusammen.
Mirar sah die beiden jungen Männer an. Der muskulösere zuckte die Achseln. »Ich würde nur jenen Hilfe anbieten, die bereit wären, dafür zu arbeiten.«
»Ja«, pflichtete ihm der ernste Mann bei. »Obwohl wir von den wahrhaft Gebrechlichen oder den sehr jungen nicht erwarten können, dass sie arbeiten. Eine gewisse Hilfe könnten wir ihnen ohne Gegenleistung anbieten. Wir müssen allerdings akzeptieren, dass es immer Ausgestoßene geben wird und jene, die sich nicht selbst helfen können, aber zum Wohle der Stadt und um des Anstands willen sollten wir nach Wegen suchen, um die Lebensbedingungen dieser Menschen zu verbessern.«
»Eine interessante Frage zum Abschluss«, sagte Genza. Dann stand sie auf, und kurz darauf hallte ihre Stimme durch die Stadt. »Nun beginnt die Prüfung des Rufs.«
Die Kandidaten standen auf und traten zur Seite. Die Hocker wurden fortgeschafft. Mirar wurde mit einem Mal bewusst, dass es aufgehört hatte zu regnen und dass das schwache Sonnenlicht ein wenig heller geworden war.
Genza ergriff abermals das Wort. »Jetzt wird der Ruf eines jeden Kandidaten einer genauen Prüfung unterzogen«, rief sie. »Jeder darf für oder gegen sie sprechen. Wir werden zuhören und eure Worte abwägen.«
Während der nächsten Stunden zogen die Menschen durch den Pavillon und berichteten von ihren Begegnungen mit einem Kandidaten oder mehreren. Einige kamen nur, um einen Blick auf Genza zu werfen oder von geringfügigen Vergehen wie der Herausgabe von zu wenig Wechselgeld zu sprechen.
Mirar erkannte, dass der ältere Mann als Anführer bei den Menschen unten großes Ansehen genoss, während die Frau sich der Gunst der Menschen oben erfreute. Kaum jemand hatte ein schlechtes Wort für sie.
Die jüngeren Männer hatten weniger Anhänger und mehr Kritiker. Der muskulöse junge Mann neigte zu törichtem Verhalten und Trunksucht. Die vernichtendste Kritik, die an dem scharfäugigen Mann geübt wurde, kam von einem humpelnden, zerschundenen Händler, der behauptete, ein gedungener Mörder habe ihn zu töten versucht, damit er die gesetzeswidrigen Geschäfte des Kandidaten nicht würde enthüllen können.
Eine Glocke erklang, das Zeichen, dass die Prüfung beendet war. Einige der Leute, die noch nicht zu Wort gekommen waren, waren verärgert, aber sie alle wurden weggeschickt. Wieder richtete Genza das Wort an die Menge.
»Jetzt beginnt die Prüfung der Beliebtheit. Legt eure Bänder in die bereitgestellten Körbe. Heute Abend werden die Körbe gewogen, die Punkte eines jeden Kandidaten vermerkt und der Name des neuen Hohen Häuptlings verkündet werden.«
Mirar beobachtete, wie die Bewohner Kaves über die Brücke gingen. Sie wählten Bänder aus einem großen Korb und legten sie dann in einen der fünf kleineren Körbe, die mit den Farben der jeweiligen Kandidaten geschmückt waren. Neben jedem Korb wachte ein Götterdiener.
Genza kehrte zu ihrem Platz zurück und sah Mirar entschuldigend an. »Ich fürchte, dies ist der uninteressanteste Teil der Riten, aber zumindest können wir einander Gesellschaft leisten.«