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»Die Prüfungen waren unterhaltsamer, als ich erwartet hatte«, erwiderte er. »Ich bin dir sehr dankbar für deine Einladung.«

Sie lachte leise. »Das ist schön. Also. Einer dieser fünf Kandidaten wird am Ende des Tages zum Hohen Häuptling von Dekkar ausgerufen werden«, erklärte sie. »Was glaubst du, wer siegen wird?«

»Derjenige, den ihr, du und die Menschen von Dekkar, am geeignetsten findet«, antwortete er.

»Wie diplomatisch. Möchtest du eine Vermutung abgeben, welcher das sein wird?«

Er zuckte die Achseln. »Ich weiß nicht genug über sie.«

Sie zog die Augenbrauen hoch. »Im Grunde interessiert dich der Ausgang der Prüfungen gar nicht, nicht wahr?«

»Nein.«

»Ich hätte gedacht, dass es dir nicht ganz gleichgültig wäre, wer der nächste Hohe Häuptling ist. Er oder sie wird derjenige sein, mit dem du zu tun haben wirst.«

»Ich bezweifle, dass ich dazu einen Grund haben werde. Ich ziehe es vor, mich nicht mit Politik zu befassen.«

Sie lächelte. »Aber was ist, wenn die Politik beschließt, sich mit dir zu befassen?«

»Dann werde ich danach trachten, sie davon abzubringen.«

»Und was ist mit mir? Wirst du auch versuchen, mich davon abzubringen?«

Mirars Haut kribbelte angesichts der verborgenen Warnung in ihren Worten. Er zwang sich zu lächeln. »Ich werde es tun, wenn es sein muss, obwohl ich zugebe, dass es mir wenig Freude machen würde.«

Ihr Lächeln wurde breiter. »Dann tu es nicht. Ich werde in einigen Tagen nach Glymma zurückkehren, und ich möchte, dass du mich begleitest. Du solltest die anderen Stimmen kennenlernen.«

Ein kalter Schauer lief Mirar über den Rücken. Dies war keine Einladung, auch wenn es kein direkter Befehl war. Er musterte sie ernst. »Sei versichert, dass die Einladung eine Ehre für mich ist. Ich habe tatsächlich die Absicht, Glymma zu besuchen, und ich würde mich freuen, die anderen Stimmen kennenzulernen. Allerdings würde ich es vorziehen, zuerst mehr von Südithania zu sehen. Muss mein Besuch so bald stattfinden?«

Sie nickte. »Deine Reisen können warten. Im Moment kann es für dich nichts Wichtigeres geben, als eine freundschaftliche Beziehung zu uns aufzubauen.« Ihre Miene wurde weicher, und sie neigte den Kopf zur Seite. »Außerdem denke ich, dass du mir auf meinem Heimweg ein unterhaltsamer Gesellschafter sein wirst.«

Mirar unterdrückte ein Seufzen. Er würde ihre Einladung nicht ablehnen können.

»Wann brichst du auf?«

»In zwei Tagen.«

Neuerlicher Applaus lieferte ihm einen Vorwand, seine Aufmerksamkeit wieder auf die Kandidaten zu richten. Der muskulöse junge Mann vollführte gerade einige akrobatische Kunststücke, um die Wähler zu unterhalten. Genza schnaubte leise.

»Den Göttern sei Dank, dass der Häuptling nicht allein aufgrund seiner Beliebtheit gewählt wird«, murmelte sie.

»Haben die Prüfungen überhaupt eine Auswirkung auf die Entscheidung?«

Sie warf ihm einen gekränkten Blick zu, der offenkundig gespielt war. »Natürlich haben sie das. Wenn wir die Menschen nicht glauben machen würden, dass sie einen Anteil daran haben, würden sie unsere Entscheidung vielleicht nicht akzeptieren.«

Er nickte. »Ich hatte etwas Derartiges vermutet.«

»Und du missbilligst es?«

»Keineswegs. Ich weiß, dass du eine kluge Wahl treffen wirst.«

»Wie kannst du dir da so sicher sein?«

»Du und die anderen Stimmen, ihr mögt bereit sein, jedwedes Problem in Kave zu regeln, aber ich bin davon überzeugt, dass du die lange Reise hierher lieber nicht allzu oft unternehmen möchtest, erst recht nicht im Sommer.«

Sie kicherte. »Kave zeigt sich zu dieser Jahreszeit gewiss nicht von seiner schönsten Seite. Aber es gibt kaum eine bessere Zeit, um Glymma zu besuchen. Wirst du mich begleiten?«

Er unterdrückte ein Seufzen und dachte nach. Ich habe keinen zwingenden Grund, ihre Einladung abzulehnen und damit zu riskieren, sie und die anderen Stimmen vor den Kopf zu stoßen. Da ich diese Stimmen höchstwahrscheinlich irgendwann kennenlernen werde, kann ich geradeso gut ihrer Einladung folgen. Er nickte.

»Wunderbar!«, rief sie aus. »Ich werde veranlassen, dass man auf meiner Barkasse eine Kajüte für dich bereitmacht.«

Die Menge brach abermals in Jubel aus. Während Mirar auf die Stadt hinausblickte, dachte er an die Schlacht zwischen den Zirklern und den Pentadrianern zurück. An jenem Tag hatte er eine in schwarze Roben gewandete Frau beobachtet, eine der pentadrianischen Anführerinnen, die mithilfe von Magie Sterbliche niedergemetzelt hatte. Mit einem Mal wurde ihm klar, dass Genza die Stimme war, die die schwarzen Vögel gezüchtet hatte - jene Vögel, die die Siyee mit solcher Wildheit angegriffen hatten. Sie hatten ihnen die Flügel zerfetzt und die Augen ausgehackt, bis die Himmelsmenschen in den Tod gestürzt waren.

Und? Auraya hat wahrscheinlich ebenso viele Pentadrianer getötet, rief er sich ins Gedächtnis.

Aber irgendwie fiel es ihm leichter, sich vorzustellen, dass Auraya deswegen ihr Gewissen zu schaffen machte, als dass Genza von Skrupeln geplagt wurde.

Auraya hatte seit dem vergangenen Tag viel über Nekaun, die Erste Stimme der Götter, in Erfahrung gebracht. Nachdem sie den beiden Siyee einige von ihr gestohlene Lebensmittel gebracht hatte, hatte sie Unfug zu einem neuen Ausguck getragen. Von dort aus hatte sie sowohl mit dem Geist als auch mit den Augen das Treiben unter ihr beobachtet. Obwohl sie den Geist der Ersten Stimme nicht spüren konnte, konnte sie diese Stimme doch durch andere beobachten.

Er war von seinem Volk gewählt worden, nicht von seinen Göttern. Vor seiner Wahl hatte er einen Tempel geleitet, der Hrun, einer der pentadrianischen Göttinnen, geweiht war. Hrun war eine gütige Göttin, die Göttin der Liebe und der Familie, und Nekauns Aufgabe war es gewesen, die Rituale des Tempels vorzubereiten und zu leiten.

Die Zweite Stimme der Götter, Imenja, mochte Nekaun angeblich nicht und war oft uneins mit ihm. Dieser Umstand wurde der Tatsache zugeschrieben, dass Imenjas Ratgeberin, Gefährtin Reivan, Nekauns derzeitige Geliebte war. Man erwartete allenthalben, dass diese Situation sich bessern würde, sobald der für seine Launenhaftigkeit berüchtigte Nekaun sich eine neue Geliebte nahm.

Es ist gut zu sehen, dass unsere Feinde sich genauso sehr an Skandalen und Gerüchten ergötzen, wie wir es tun, dachte sie.

Imenja und zwei der anderen Stimmen hielten sich derzeit in Glymma auf. Ironischerweise war Genza, die Frau, deren Vögel die Siyee anzugreifen versucht hatten, am weitesten von der Stadt entfernt, um im Süden des Kontinents einer Zeremonie beizuwohnen.

Außerdem hatte Auraya viel über die pentadrianische Religion erfahren. Aus Berichten, die die Spione der Weißen zusammengetragen hatten, kannte sie die Namen der Stimmen und ihrer Götter, ebenso wie die einiger Ergebener Götterdiener, aber die zirklischen Spione hatten nicht allzu viele Einzelheiten beisteuern können, was den Glauben und die Hierarchie der Pentadrianer betraf. Alle Götterdiener geboten über Magie - mit einer interessanten Ausnahme: Diese Gefährtin, Reivan, die ihre Position zum Dank für eine gute Leistung während des Krieges erhalten hatte, besaß keine magischen Gaben.

Reivan war Mitglied einer Gruppe von Gelehrten gewesen, die als die Denker bekannt waren. In Jarime gab es gesellschaftliche Kreise von Akademikern und Fanatikern, aber nichts, was sich mit dieser organisierten Kaste von gelehrten Männern und Frauen vergleichen ließ.

Nicht lange nach Sonnenaufgang hatte die Stadt sich zu regen begonnen. Mit Unfug auf dem Schoß hatte Auraya zugesehen, wie die Städter ihr Tagewerk versahen. Einige der Pentadrianer waren jedoch mit einer weniger alltäglichen Arbeit beschäftigt: Sie kümmerten sich um den Transport der Siyee-Gefangenen nach Glymma.

Auraya konnte sehen, dass in einem Teil der Stadt offene Plattans angemietet wurden, während in einem anderen Teil Wasser und Brot an die Siyee ausgegeben wurde. Sie beobachtete Nekaun durch die Augen seiner Götterdiener. Die ganze Zeit über hielt sie Ausschau nach Mängeln in ihren Plänen, die den Siyee eine Gelegenheit zur Flucht verschaffen könnten.