Bisher waren die Siyee in einem Gebäude in Nekauns Nähe eingekerkert gewesen. Sobald sie draußen waren, wäre Nekaun der Einzige, der Auraya daran hindern konnte, sie zu befreien. Jeder Befreiungsversuch musste geschehen, bevor sie Glymma erreichten. Sobald sie in der Stadt waren, dessen war Auraya gewiss, würde eine Flucht viel schwerer zu bewerkstelligen sein.
Eine Reihe von Plattans stand nun vor dem Gebäude bereit. Die Erste Stimme erschien und ging um die Wagen herum, als unterzöge er sie einer genauen Musterung. Als sie die wachsende Angst der Siyee spürte, verkrampfte sie sich unwillkürlich. Sie wurden soeben aus dem Raum geführt, in dem sie eingekerkert gewesen waren. Mehrere Pentadrianer geleiteten sie ins Freie. Auraya beobachtete, wie die Siyee einer nach dem anderen nach draußen gebracht, in einen Plattan gehoben und an eiserne Ringe gekettet wurden, die an den Seiten des Wagens befestigt waren.
Wenn Nekaun doch nur nicht hier wäre, dachte sie.
Aber selbst wenn er nicht zugegen gewesen wäre, wie hätte sie die Siyee befreien können, ohne die Angriffe der Götterdiener abwehren zu müssen? Sie knirschte mit den Zähnen. Chaias Stimme hallte in ihren Gedanken wider.
Wenn dein Hinterhalt Auraya dazu treibt, sich von uns abzuwenden, wirst du es bereuen.
Sie war fest entschlossen, Huan zu enttäuschen.
Aber was ist, wenn die Siyee sterben, weil ich nicht eingreife? Auraya hatte die Zähne so fest zusammengebissen, dass ihr Kiefer schmerzte. Sie rieb sich das Kinn und seufzte. Das werde ich erst herausfinden können, wenn - falls - es so weit kommt. Aber wenn sie sterben, werde ich dafür sorgen, dass Huan dafür bezahlt. Irgendwie.
Sie verzog das Gesicht, bestürzt über ihre eigenen Gedanken. Wie war es so weit gekommen, dass sie den Wunsch hatte, sich an einer Göttin zu rächen, die sie einmal geliebt hatte?
Mirar würde das sehr komisch finden.
Die Plattans waren jetzt voll besetzt mit Siyee und Pentadrianern. In dem letzten Wagen saßen nur Nekaun und ein Fahrer. Die kleine Karawane setzte sich in Bewegung.
Als der Wagentross sich durch die Stadt schlängelte, blieben am Straßenrand immer wieder Menschen stehen, die das Geschehen verfolgten. Die Siyee waren ein eigenartiger Anblick für sie. Und ein erschreckender. Die Siyee hatten während des Krieges viele Pentadrianer getötet.
Als die Plattans am Stadtrand ankamen und auf die Straße nach Glymma einbogen, erhob sich Auraya. Unfug jammerte verschlafen, als sie ihn in ihr Bündel setzte.
»Bündel schlecht«, murmelte er.
»Es tut mir leid, Unfug«, erwiderte sie.
Dann stieß sie sich von der Felsspitze ab, auf der sie die ganze Nacht gesessen hatte, und flog hinter den Siyee und ihren Wächtern her.
21
Vor der Flamme des Sanktuariums stand mit gesenktem Kopf eine vertraute Gestalt. Reivan ging langsam auf die Frau zu und blieb einige Schritte von ihr entfernt stehen, da sie Imenja in ihren Gedanken nicht stören wollte. Sie hörte die Zweite Stimme ein Gebet murmeln, dann sah sie, wie sie sich aufrichtete.
»Ah, Reivan.« Imenja wandte sich ihr mit einem Lächeln zu. »Welche Probleme müssen wir heute lösen?«
Reivan trat neben Imenja. Die Flamme zuckte und wand sich wie zarter Stoff im Wind. Ihre unablässige Bewegung war hypnotisch, und es hieß, die Götter könnten einen Menschen um den Verstand bringen, falls er es wagte, die Flamme zu lange anzusehen. Sie zwang sich, den Blick davon zu lösen.
»Karneya hat sich abermals mit der Bitte an uns gewandt, seinen Sohn aus der Sklaverei zu entlassen. Ich sollte dir Bericht erstatten, wann immer er das tut.«
Imenja verzog das Gesicht. »Er tut mir leid. Es ist schwer zu akzeptieren, dass das eigene Kind ein schreckliches Verbrechen begangen hat.«
»In jedem anderen Land wäre sein Sohn hingerichtet worden.«
»Ja«, pflichtete die Zweite Stimme ihr bei. »Und wir können ihm seine Bitte nicht erfüllen, aber ich werde ihm schreiben. Was noch?«
»Tiemel Ruderer möchte ein Götterdiener werden, aber er glaubt, dass sein Vater seinen Entschluss missbilligen wird.«
»Er hat recht. Dies wird eine schwierige Angelegenheit werden.«
»Sein Vater kann ihn nicht daran hindern.«
»Er wird es versuchen. Selbst wenn das bedeutet, dass er ihn entführen lassen und nach Jarime bringen muss.«
»Missbilligt er uns so sehr?«
Imenja lachte. »Nein, ganz im Gegenteil. Aber Tiemel ist sein einziger Sohn. Wer wird die Schiffe führen, wenn er zu alt ist?«
Reivan antwortete nicht. Es war besser, das Geschäft zu verkaufen, als den Sohn dazu zu zwingen, viele Jahre mit einer Beschäftigung zu verbringen, die er hasste und bei der seine magischen Befähigungen vergeudet wurden.
Imenja drehte sich langsam um und blickte in die Ferne. Sie runzelte die Stirn, dann entspannten ihre Züge sich.
»Diese Angelegenheiten werden warten müssen«, sagte sie. »Unser launenhafter Bekannter ist zurückgekehrt.«
Prickelnde Hoffnung stieg in Reivan auf. »Nekaun?«
Imenja nickte und lächelte wissend. »Ja.«
Als Reivan errötete, wurde das Lächeln der Zweiten Stimme noch breiter. »Dann komm. Lass uns gehen.«
Sie führte Reivan weg von der Flamme in das Innere des Sanktuariums. Zuerst waren die Götterdiener, die sie sahen, recht still und hielten nur kurz inne, um das Zeichen des Sterns zu machen, wenn sie Imenja begegneten. Dann rannte ein Bote an ihnen vorbei, und Imenja runzelte die Stirn angesichts seiner Eile. Als sie sich dem Eingang des Sanktuariums näherten, stießen sie auf kleine Gruppen von Götterdienern, die miteinander tuschelten.
»Was geht hier vor?«, fragte Reivan.
Imenja seufzte. »Sie haben Berichte gehört, nach denen er Gefangene mitbringt. Und es sind keine gewöhnlichen Menschen.«
Als sie den Ärger in Imenjas Stimme hörte, beschloss Reivan, ihre Fragen für sich zu behalten. Es war bereits offenkundig, dass ihre Herrin Nekauns Heimlichtuerei missbilligte. Wenn die Menschen erfuhren, dass die anderen Stimmen den Grund für sein Verschwinden nicht gekannt hatten, würden sie daraus vielleicht den Schluss ziehen, dass Nekaun ihnen nicht traute oder ihre Meinung nicht ernst nahm.
Sie erreichten die Halle und gingen auf die andere Seite hinüber. In einem der Bogengänge standen Shar und Vervel. Imenja trat auf sie zu.
»Da kommt er«, murmelte Shar.
Als Reivan dem Blick der anderen folgte, sah sie eine Menschenmenge aus einer der Seitenstraßen der Promenade kommen. Die Menge ergoss sich hinaus auf die Hauptdurchgangsstraße und teilte sich dort, um mehreren offenen Plattans Platz zu machen, die sich dem Sanktuarium näherten.
In den Plattans saßen Götterdiener und einige Kinder, wobei Letztere mit den Handgelenken an die Gitter der Wagen gekettet waren.
Reivan hörte ihre Gefährten erschrocken aufkeuchen und gab ihnen im Stillen recht. Warum hatte Nekaun all diese Kinder gefangen genommen? Was konnten sie getan haben, um diese Behandlung zu verdienen?
»Siyee«, sagte Vervel, und seine Stimme klang tief und dunkel von Hass.
Siyee? Reivan schaute genauer hin. Die Gesichter der Gefangenen waren nicht die von Kindern, sondern von Erwachsenen. Erinnerungen an den Krieg stiegen in ihr auf. Es war schwer gewesen, die Größe der Himmelsleute abzuschätzen, als sie in der Luft waren. Sie hatte jedoch tote Siyee auf dem Boden gesehen, hatte einen von ihnen sogar näher in Augenschein genommen, fasziniert und abgestoßen zugleich von ihren verzerrten Gliedmaßen und der Membran, die ihre Flügel bildete. Mehrere der anderen Denker hatten einige Siyee zu Studienzwecken mit nach Glymma nehmen wollen, aber die Stimmen hatten es verboten.
In dem letzten Plattan saß nur ein einziger Mann, und ihr Herz schwoll an, als sie den breit lächelnden Nekaun sah. Als der Plattan anhielt, sprang Nekaun heraus und lief ohne Anstrengung die Treppen hinauf. Er blickte nicht zu Reivan hinüber; seine Aufmerksamkeit galt ausschließlich den anderen Stimmen.