»Wie ist es euch allen in den letzten Tagen ergangen?«, fragte er. »Ich hoffe, dass während meiner Abwesenheit alles reibungslos verlaufen ist.«
»Ziemlich reibungslos«, erwiderte Vervel gelassen. »Wie ich sehe, warst du sehr beschäftigt.«
»Ja.« Nekaun wandte sich zu den Plattans um. Die Diener hatten begonnen, die Gefangenen von den Ringen loszubinden. Die Siyee waren an den Knöcheln aneinandergekettet. »Die Götter haben mich davon in Kenntnis gesetzt, dass Krieger aus Si nahten, um Klaff anzugreifen, und dass ich mich um sie und ihre Zauberin kümmern solle.«
»Zauberin?«, wiederholte Shar.
Nekaun sah zum Himmel auf und ließ seinen Blick umherwandern. »Die ehemalige Weiße.«
Imenja sog scharf den Atem ein und sah ebenfalls zum Himmel empor. »Auraya?«
Er lächelte. »Ja. Sie ist uns hierher gefolgt, daher habe ich keinen Zweifel daran, dass sie irgendwo in der Nähe ist.«
»Ist sie eine Gefahr?«, fragte Vervel.
»Das denke ich nicht. Die Siyee glauben, Aurayas Götter hätten ihr verboten, gegen uns zu kämpfen.« Nekaun lächelte, dann blickte er auf die Himmelsleute hinab. »Ich sollte unsere Gefangenen besser in ihre Zellen bringen.« Er trat einen Schritt zurück, und ein Stich der Enttäuschung durchzuckte Reivan. Er hatte sie nicht angesehen. Nicht einmal flüchtig.
»Es gibt keine Gefängniszellen im Sanktuarium«, bemerkte Imenja.
Nekaun drehte sich um und lächelte sie an. »Oh doch, die gibt es durchaus, sie sind nur seit sehr langer Zeit nicht mehr benutzt worden.«
Als er sich zum Gehen wandte, stieß Imenja einen leisen, erstickten Laut aus.
»Die Höhlen«, sagte sie mit offenkundigem Abscheu. »Wie weit ist es mit uns gekommen?«
»Sie sind unsere Feinde, und sie haben versucht, uns anzugreifen«, rief Shar ihr ins Gedächtnis.
»Die Siyee gehören in den Gefängnistrakt«, sagte sie. »Außerhalb des Sanktuariums.«
»Nekaun muss in ihrer Nähe sein, um zu verhindern, dass Auraya sie rettet«, erwiderte Shar achselzuckend. »Wir können nicht von ihm erwarten, dass er in den Gefängnistrakt übersiedelt.«
Imenja musterte ihn stirnrunzelnd, dann seufzte sie. Reivan zögerte, als ihre Herrin sich umwandte und davonging. Die Zweite Stimme blieb stehen und blickte sich nach ihr um. Sie lächelte mit offenkundiger Anstrengung.
»Komm, Gefährtin Reivan«, sagte sie leise. »Auf uns wartet Arbeit.«
Sreil hatte Schmerzen am ganzen Körper. Seine Arme taten weh, weil sie so lange in einer Position festgehalten worden waren, und seine Handgelenke waren rot und blasig von den Seilen, aber das war nicht alles. Die Wagen, mit denen sie in die Stadt gebracht worden waren, waren unablässig hin- und hergeschwankt, bis Sreil glaubte, dass sich all seine Knochen aus ihren Verankerungen gelöst haben mussten. Seine Muskeln brannten nach all den Stunden, in denen er versucht hatte, die Schaukelbewegungen auszugleichen, und dort, wo er immer wieder gegen das Gitter geworfen worden war, hatte er blaue Flecken.
Das war nur der Anfang. Es würde gewiss noch Schlimmeres kommen. Dessen war er von dem Moment an, als das Netz ihn zu Boden gedrückt hatte, sicher gewesen. Die Pentadrianer hatten sie nicht getötet, also mussten sie irgendeinen anderen schrecklichen Plan verfolgen.
In der vergangenen Nacht, gefesselt in einem großen, mit trockenem Gras ausgelegten Raum und in der Gesellschaft der Tiere, die die Wagen zogen, hatte er nur unruhig geschlafen. Albträume hatten ihn verhöhnt, geformt aus alten Geschichten aus den frühen Tagen der Siyee. Aus einer Zeit, da ihre Körper verbogen und verändert worden waren. Die Älteren flüsterten diese Geschichten in späten Abendstunden. Es sei klug, sich an die Opfer und den Preis für die Verwandlung zu erinnern, wisperten sie. An den Schmerz. Die furchtbaren Fehlschläge. Die Verkrüppelten.
Diese Geschichten suchten ihn jetzt wieder heim, ausgelöst vielleicht durch die Fesseln, die ihm die Arme verbogen. Eine Fackel auf einem Ständer war das einzige Licht in dem riesigen Raum, in dem sie sich jetzt befanden, und ihre Flamme ließ die breiten Säulen, an denen sie angekettet waren, wie die Bäume im Offenen Dorf aussehen. Auf einem erhöhten Podest auf einer Seite des Raums überragte sie ein gewaltiger, steinerner Stuhl, der so alt war, dass er schon verfiel. Vielleicht kam von Zeit zu Zeit einer der pentadrianischen Götter hierher. Bei dem Gedanken konnte er nicht umhin, sich vorzustellen, dass die Siyee hierhergebracht worden waren, um geopfert zu werden.
Wenn er seine Gedanken gewaltsam von solch dunklen Orten vertrieb, grübelte er über seine Mutter nach und über die Trauer, die sie empfinden würde, wenn sie von ihrem Scheitern hörte. Er hoffte, dass die beiden Siyee, die entkommen waren, es zurück nach Hause schaffen würden. Wenn sie es nicht taten, würde seine Mutter vielleicht weitere Siyee herschicken, um herauszufinden, was geschehen war. Es war offenkundig, dass er und seine Krieger verraten worden waren, daher war es wahrscheinlich, dass andere, die ihnen folgten, ebenfalls in einen Hinterhalt gelockt und gefangen werden würden.
»Sreil.«
Beim Klang der Stimme zuckte er zusammen und drehte sich um. Der Siyee, der an der anderen Seite der Säule angekettet war, spähte zu ihm hinüber.
»Tiseel?«
»Ich habe nachgedacht«, sagte der Krieger. »Darüber, wer uns verraten hat.«
Sreil bemerkte, dass die anderen Siyee Tiseels Worte ebenfalls gehört hatten und ihn nun beobachteten.
»Das habe ich auch getan«, erwiderte er.
»Du glaubst doch nicht… du glaubst nicht, dass Auraya es getan haben könnte?«
»Nein«, entgegnete Sreil energisch.
»Aber sie hat uns nicht geholfen.«
»Sie darf uns nicht helfen. Die Götter haben ihr verboten zu kämpfen, vergiss das nicht.«
Tiseel seufzte. »Warum haben sie das getan? Es ergibt keinen Sinn. Oder vielleicht behauptet sie nur, sie hätten es verboten.«
»Teel hat das Gleiche gesagt. Wenn sie uns verraten hätte, wäre sie mit den Pentadrianern gefahren, statt uns aus der Luft zu folgen«, erzählte Sreil. »Der pentadrianische Anführer hat sie die ganze Zeit über beobachtet, als fürchte er, sie könne ihn angreifen.«
Einige andere Siyee nickten zustimmend.
»Wer war es dann?«, fragte Tiseel. »Gewiss kein Siyee.«
Sreil schüttelte den Kopf. »Nein. Was hätte irgendjemand durch einen solchen Verrat zu gewinnen?«
»Es waren Landgeher«, zischte jemand. »Ein Spion, der von den Weißen von unseren Plänen gehört hat.«
»Das ist möglich«, stimmte Sreil ihm zu.
»Oder vielleicht die Elai«, sagte ein anderer.
Mehrere Köpfe wandten sich dem Sprecher zu. Er zuckte die Achseln. »Ich habe gehört, der Sandstamm argwöhne, dass die Elai mit den Pentadrianern Handel treiben.«
»Sie würden uns niemals verraten«, erwiderte Tiseel. »Außerdem, wie sollten sie von unseren Plänen erfahren haben?«
»Huan sagt, der pentadrianische Zauberer sei ein Gedankenleser«, erklang jetzt eine neue Stimme. Aller Augen wandten sich zu Teel um. »Er hat unsere Absichten wahrscheinlich aus unseren Gedanken gelesen, als wir über die Stadt geflogen sind.«
Sreil sank ein wenig weiter in sich zusammen. Ich habe uns über die Stadt geführt. Es war alles meine Schuld. Aber wie hätte ich wissen können, dass ihr Anführer Gedanken lesen kann? Das hat mir niemand erzählt. Nicht Auraya und auch nicht Teel…
»Werden die Götter Auraya gestatten, uns zu retten, Teel?«, fragte jemand.
»Ich weiß es nicht«, gestand Teel. »Vielleicht nur dann, wenn sie es tun kann, ohne zu kämpfen.«
»Gehörte unsere Gefangennahme zu einem größeren Plan?«
»Ich weiß es nicht«, wiederholte der Priester. »Wir können nur unser Vertrauen in die Götter setzen und beten.«