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Und dann begann er, Letzteres zu tun. Obwohl einige Siyee verärgert aufstöhnten, spürte Sreil, dass die Worte ihn beruhigten. Es war tröstlich zu hoffen, all dies sei Teil eines größeren Plans.

Und nicht meine Schuld, sagte er sich.

Er schloss die Augen und konzentrierte sich auf die Worte des jungen Priesters in der Hoffnung, dass sie dunklere Gedanken fernhalten würden.

Die Wände in den unteren Stockwerken des Palastes von Hannaya waren so dick, dass es den Anschein hatte, als seien die Räume durch kurze Flure miteinander verbunden. In diese Flure waren Nischen gehauen worden, und Büsten wichtiger Männer und Frauen, deren Mienen einförmig mürrisch waren, spähten heraus.

Etliche Männer und einige Frauen eilten umher. Es fiel Emerahl leicht, sich vorzustellen, dass sie darauf brannten, diesem bedrückenden Ort zu entkommen, aber sie spürte keine Furcht bei ihnen. Sie konnte lediglich die gewohnte Unterströmung von Verärgerung, Zielstrebigkeit und Sorge wahrnehmen, Gefühle, die sie in einem Dutzend anderer Städte aufgefangen hatte.

Den Zwillingen zufolge war der Palast das Heim des Königshauses, das früher einmal über Mur geherrscht hatte, inzwischen aber schon lange ausgestorben war. Das Labyrinth der Räume wurde noch immer von der gleichen Auswahl an Dienstboten, Höflingen und Künstlern bewohnt, aber der Herrscher war jetzt ein pentadrianischer Ergebener Götterdiener, bekannt als der Wächter.

Zwei der Denker, die nach den Schriftrollen suchten, stammten aus wohlhabenden, einflussreichen Familien, die im Palast lebten. Sie boten den anderen Quartier. Während des größten Teils des Tages versammelten sich die fünf Denker jedoch in der Bibliothek. Und genau dorthin wollte Emerahl jetzt.

Der Junge, den sie dafür bezahlt hatte, dass er sie hierherbrachte, bog in einen anderen Flur ein und führte sie tiefer in die Klippen. Ihr Puls beschleunigte sich, als er kurze Zeit später vor zwei großen, geschnitzten Holztüren stehen blieb. Der Junge streckte ihr die Hand hin. Sie ließ eine Münze hineinfallen, und er rannte davon.

Emerahl hielt inne, um tief Luft zu holen, dann klopfte sie.

Ein langes Schweigen folgte. Sie konzentrierte sich auf den Raum hinter der Tür und fing Gefühle mehrerer Personen auf. Die meisten waren geistesabwesend und still, aber einer der Menschen war zielstrebig und ein wenig verärgert.

Dann wurde der Türgriff angehoben, und die Tür schwang nach innen auf. Ein alter Mann spähte an seiner langen Nase entlang auf sie nieder.

»Ja?«

»Ich wünsche, die Denker zu sehen«, erklärte sie ihm. »Sind sie hier?«

Er zog die Augenbrauen hoch, sagte jedoch nichts. Stattdessen trat er zurück und deutete auf den Raum hinter sich.

Und es gab eine Menge Raum, auf die man deuten konnte. Die Decke war wie in den meisten Räumen des Palastes verwirrend niedrig. Die gegenüberliegende Wand dagegen war ziemlich weit entfernt. Die langen Seitenwände waren gesäumt von Regalen, auf denen sich Schriftrollen und andere Gegenstände türmten. Statuen und Tische, auf denen seltsame und uralte Dinge bereitgelegt waren, unterteilten den Raum in drei Bereiche.

Der alte Mann ging zu einem mit Schriftrollen bedeckten Tisch neben einem halbleeren Regal. Er nahm einen nassen Lappen von einer Tontafel und legte ihn beiseite, dann griff er nach einem Schreibwerkzeug. Als er seine Aufmerksamkeit wieder auf seine Schriftrollen richtete, lächelte Emerahl schief. Offenkundig sollte sie die Denker selbst finden.

Langsam ging sie durch die gesamte Bibliothek und besah sich die zur Schau gestellten Gegenstände. Mehrere Männer verschiedener Altersstufen waren im Raum verteilt, einige lasen, andere schrieben, und wieder andere unterhielten sich leise miteinander. Am entfernten Ende der Bibliothek saßen fünf Männer auf Bänken und unterhielten sich entspannt. Duftender Rauch aus einem Rauchholzbrenner, der zwischen ihnen stand, hüllte sie ein, höchstwahrscheinlich irgendeine Art von Stimulans.

Als Emerahl näher kam, blickten die drei Männer, die nicht ins Gespräch vertieft waren, zu ihr auf. Der jüngere betrachtete sie neugierig, während die anderen ihre Aufmerksamkeit alsbald wieder auf die Sprecher richteten. Sie blieb zwischen den Bänken der beiden stehen, die sprachen, und die Unterhaltung endete. Ein hochgewachsener Mann mit dichten Augenbrauen und ein dünner Mann, der praktisch keine Lippen zu haben schien, sahen zu ihr auf und runzelten verärgert die Stirn.

»Seid mir gegrüßt, Denker«, sagte sie. Jetzt beobachteten sie alle fünf Männer. Sie schaute von Gesicht zu Gesicht und entschied sich, den Blick des größeren Mannes zu erwidern. »Bist du Barmonia Zehntmeister?«

Die Augenbrauen zuckten schwach in die Höhe. »Der bin ich.«

»Ich bin Emmea Sternensucher, Tochter von Karo Sternensucher, einem edlen Mann und Mathematiker aus Toren.«

»Du hast deine Heimat weit hinter dir gelassen«, bemerkte der jüngste der Männer.

»Ja. Mein Vater und ich interessieren uns für Antiquitäten.« Sie hob das Kästchen hoch, das die gefälschte Schriftrolle enthielt. »Vor kurzem kaufte mein Vater dies hier, aber da sein Gesundheitszustand ihm das Reisen unmöglich macht, hat er mich an seiner Stelle hergeschickt, um weitere Informationen zusammenzutragen. Meine Nachfragen haben mich zu euch geführt. Ich denke, ihr werdet dies hier überaus interessant finden.«

Der große Mann stieß einen skeptischen Laut aus. »Das bezweifle ich.«

»Ich meinte nicht den Kasten«, erwiderte sie trocken. »Ich meinte den Inhalt.«

»Das hatte ich vermutet«, sagte er.

Wieder sah sie ihm in die Augen. »Man hat mich gewarnt, dass die Denker keine Manieren hätten, keinen Respekt vor Frauen, ebenso wenig wie persönliche Hygiene, aber ich hatte doch erwartet, auf kluge und forschende Geister zu treffen.« Diese Worte brachten ein Lächeln auf das Gesicht des jüngeren Denkers, aber die anderen wirkten gleichgültig.

»Wir sind weise genug, um zu wissen, dass keine Fremdländerin jemals etwas von Interesse zu uns bringen könnte.«

Sie sah den Brenner an, dann lächelte sie und nickte vor sich hin. »Ich verstehe.«

Sie wandte sich ab und schlenderte durch die Bibliothek zurück. Auf einem schweren Tisch lag eine Steintafel, in die alte Glyphen eingemeißelt waren. Zu ihrer Überraschung handelte es sich um einen Gedenkstein aus einem schon vor langer Zeit niedergerissenen Tempel in Jarime - oder Raos, wie die Stadt einst geheißen hatte. Sie war wahrscheinlich viele Male an ebendiesem Stein vorbeigekommen, als er noch an seinem ursprünglichen Platz gelegen hatte. Wie war er nach Mur gekommen?

Schritte näherten sich, doch Emerahl hielt den Blick auf den Stein gerichtet, in der Annahme, der Mann würde vorbeigehen, aber er tat es nicht. Er trat neben sie, und als sie aufblickte, stellte sie fest, dass es der jüngere der Denker war.

Sie verkniff sich ein Lächeln. Natürlich war er es.

»Bar war schon immer so«, sagte er. »Er mag Frauen nicht besonders. Ich hoffe, du bist nicht allzu enttäuscht.«

»Es ist sein Schaden, nicht meiner. Verrate mir, wie ist dieser Gedenkstein hierhergekommen?«

Er zuckte die Achseln. »Er war schon immer hier.«

Sie kicherte. »Jetzt bin ich aber wirklich enttäuscht. Haben eure Räucherkräuter euch Denkern derart den Geist vernebelt, dass ihr die Schätze, die ihr hier habt, nicht einmal kennt?«

»Das ist kein Schatz.«

»Ein Gedenkstein aus dem alten Raos soll kein Schatz sein? Weißt du, wie selten diese Steine sind? Die Zirkler haben so vieles aus dem Zeitalter der Vielen zerstört, dass unsere Geschichte nur noch aus Bruchstücken besteht.« Sie zeigte auf eine Glyphe. »Dieser Priester, Gaomea, ist einer der wenigen, deren Namen noch bekannt sind.« Sie zeichnete mit dem Finger die Linie von Symbolen nach und übersetzte ins Murianische. »Gibt es noch andere Steine wie diesen hier?«

Jetzt starrte er sie an. »Ich weiß es nicht, aber ich kann den Bibliothekar für dich fragen. Wenn noch mehr Steine hier sind, wird er sie dir zeigen, wenn ich ihn darum bitte.«