Sie drehte sich zu ihm um. »Steht es so schlecht?«
»Was?«
»Kann ich ihn nicht selbst danach fragen?«
Er verzog das Gesicht. »Nein. Wie Bar schon sagte, du bist eine Frau und eine Fremdländerin.«
Sie seufzte und verdrehte die Augen. »Nun, ich nehme an, es ist immer noch besser als zu Hause. Dort kann man alte Schätze nur sehen, indem man sie von einem reichen Adligen kauft, und das auch nur, wenn er oder sie bereit ist zu verkaufen.«
Er führte sie von dem Tisch weg zu dem alten Mann, der seine Schriftrollen katalogisierte. »All das gehört den Pentadrianern«, sagte er in einem Tonfall, der darauf hindeutete, dass er nicht viel von diesem Umstand hielt.
»Zumindest haben sie diese Dinge nicht zerstört. Die Zirkler hätten es getan. Ich kann von Glück sagen, dass ich dies hier gerettet habe.« Sie klopfte auf das Kästchen.
»Also… Was ist da drin?«
»Nur ein Fragment einer Schriftrolle.«
»Warum bist du damit hierhergekommen?«
Sie ließ einen Moment verstreichen und musterte ihn eingehend. »Sie ist auf Sorl geschrieben.«
Er starrte sie ungläubig an. Sie sprach weiter, als missdeute sie sein Schweigen als Verwirrung.
»Das ist eine uralte Priestersprache von Mur. Ich hätte gedacht, das wüsstest du.« Sie schüttelte den Kopf, als sei sie verärgert. »Ich hatte gehofft, ein Einheimischer könnte sich eher einen Reim auf den Text machen. Jemand, der die Orte kennt, auf die er sich bezieht, und der weiß, was ›Atemgabe‹ bedeutet.« Sie steckte das Kästchen wieder in einen Beutel an ihrer Taille. »Könnten wir den Bibliothekar jetzt nach diesen Schätzen fragen? Ich denke, sie sind alles, was diese Reise für mich lohnend machen wird.«
Die Anspannung und die Erregung des jungen Mannes waren deutlich spürbar. Mit bewunderungswürdiger Selbstbeherrschung bewahrte er Stillschweigen. Sie hatte das erwartet: Die jüngeren Denker taten kaum je etwas, ohne zuvor den Rat ihrer mächtigen Gefährten zu suchen.
»Dann werde ich dafür Sorge tragen, dass der alte Rikron dir alles zeigt.«
22
Auraya hatte während der letzten Tage einige ihrer Fähigkeiten bis an die Grenzen erprobt. Sie konnte nicht gleichzeitig schlafen und in der Luft bleiben, daher war sie wach geblieben, während sie über Glymma schwebte. Nach einigen schlaflosen Tagen war es schwierig geworden, sich zu konzentrieren, daher hatte sie sich in der vergangenen Nacht auf Jurans Drängen hin in die Hügel zurückgezogen, um ein wenig zu ruhen.
Auch ihre Bereitschaft, den Göttern zu gehorchen, wurde beständig auf die Probe gestellt. Sie konnte die Gedanken der Siyee hören und wusste, dass sie irgendwo tief unter dem Sanktuarium angekettet waren. Sie wusste, dass sie Angst hatten und verzweifelt waren.
Aber man hatte ihnen keinen körperlichen Schaden zugefügt. Niemand im Sanktuarium - niemand, dessen Gedanken sie lesen konnte - wusste, was Nekaun mit den Gefangenen vorhatte. Einige der Pentadrianer glaubten, er habe die Absicht, ein Lösegeld für sie zu verlangen. Andere erwogen eine Möglichkeit, die die Siyee noch nicht in Betracht gezogen hatten, und darüber war Auraya froh: Die Himmelsleute könnten auch einer Gruppe übergeben werden, die als Denker bekannt waren und die sie wahrscheinlich studieren und mit ihnen experimentieren würden.
Nachdem Auraya wieder ihre Position hoch über dem Sanktuarium eingenommen hatte, begann sie, die Gedanken der Menschen unter ihr abzuschöpfen.
Der erste Geist, den sie fand, war der einer Götterdienerin, die die Stimmen verständigen sollte, falls Auraya sich dem Tempel näherte. Die Frau hatte Auraya bereits gesehen und Nekaun telepatisch durch ihren Sternenanhänger informiert.
Auraya ignorierte die Frau und schöpfte die Gedanken anderer Götterdiener und Domestiken ab, die alltäglichen Pflichten nachgingen. Bruchstücke von Gebeten, Rezepten, Rechenaufgaben und Liedern erreichten sie. Müßige Gespräche, Anweisungen und Intrigen, die sie mitbekam, drohten sie abzulenken. Aber ihr Wunsch, die Siyee zu finden, überlagerte alles.
Dort. Sie sind immer noch da.
Das Ungemach, über lange Zeit hinweg in derselben Position angekettet zu sein, zeigte langsam Wirkung. Neben ihrer Angst nahm sie Demütigung und Abscheu wahr. Dann spürte sie, dass ihre Angst sich vertiefte. Als sie genauer hinschaute, sah sie, dass man einen der Siyee weggebracht hatte. Ihr Magen krampfte sich zusammen, und sie stellte fest, dass sie unwillkürlich tiefer hinabgesunken war. Sie stieg wieder in die Höhe und wartete mit wachsender Furcht.
Durch die Augen dieses Siyee konnte sie jetzt Nekaun sehen. Nekaun sagte etwas, aber der Siyee hatte zu große Angst, um es zu verstehen. Es ging darum, die Stadt zu verlassen.
Dann nahm jemand die Fesseln an den Handgelenken des Siyee ab. Türen wurden geöffnet, und der Himmel erschien. Der Siyee machte einen Schritt nach vorn, aber der Mann packte ihn an der Schulter.
»Sag ihr, sie soll mich auf dem Dach des Sanktuariums treffen«, erklärte er langsam.
Der Siyee nickte. Er sollte als Bote fungieren. Das war der Preis für seine Freiheit. Der Mann, der den Siyee festgehalten hatte, ließ ihn los. Der Siyee taumelte auf die Türen zu. Draußen ging es ins Bodenlose. War das ein Fenster? Egal. Der Wind war gut. Die Beine des Siyee waren immer noch steif. Er streckte die Arme aus - er sollte seine Muskeln aufwärmen, bevor er zu fliegen versuchte, aber er würde keinen Moment länger bleiben als notwendig.
Als er die Öffnung erreichte, sprang er hinaus, und sein Herz jubilierte, als der Wind ihn emportrug.
Frei… Aber was ist mit den anderen? Er bewegte sich kreisend höher. Der Mann will mit Auraya sprechen. Vielleicht kann sie irgendetwas ausrichten. Aber wo ist sie?
Auraya ließ sich hastig hinuntersinken. Der Siyee sah sie und kam ihr entgegen.
»Der Anführer hat mich freigelassen«, erklärte er. »Und er hat mir eine Nachricht für dich gegeben. Er möchte dich treffen. Auf dem Dach der Gebäude.«
Sie pfiff zum Zeichen, dass sie verstanden hatte.
»Was ist mit den anderen?«
Er beschrieb ihr das, was sie bereits in den Gedanken der Siyee gelesen hatte: die Halle, den Mangel an Waschmöglichkeiten und seine Angst, dass sie schon bald die Fähigkeit zu fliegen verlieren würden.
»Ich habe Zyee und Siti Essen und Wasser gegeben, das sie an den Stellen hinterlegen sollten, an denen wir unsere Lager hatten«, erklärte sie ihm. »Ist dein Wasserschlauch leer?«
»Ja.«
»Dann tausch ihn gegen meinen.«
Sie flog neben ihm her, um den Tausch vorzunehmen. Im Anschluss kreiste er um sie herum und blickte ängstlich hinab.
»Kann ich helfen?«
»Nein. Flieg nach Hause.«
Er pfiff eine Bestätigung.
»Dann viel Glück. Sei vorsichtig. Es könnte eine Falle sein.«
»Ich weiß.«
Sie sah ihm nach, als er davonflog. Er war müde und hungrig. Wie würde er es schaffen, nach Si zurückzukehren, quer über die sennonische Wüste und ohne Essen bis auf das wenige, was sie aus Klaff gestohlen hatte, und mit nur einem einzigen Wasserschlauch?
Ich hätte mehr stehlen und es zu einigen unserer Lagerplätze in Sennon bringen sollen. Sie runzelte die Stirn. Vielleicht sollte ich das jetzt tun und ihn einholen und…
Auraya?
Sie blickte hinab. Ein Geist rief ihren Namen. Sie konzentrierte sich und erkannte die Götterdienerin, die die Aufgabe hatte, nach ihr Ausschau zu halten. Die Frau war sich nicht sicher, ob ihr Ruf gehört werden würde, aber Nekaun hatte sie gebeten, es zu versuchen.
Auraya suchte nach der Frau. Sie entdeckte drei Gestalten auf dem Dach des obersten Gebäudes des Sanktuariums. Es waren die Frau, Nekaun und ein anderer Mann, der voller unterdrückter Erregung war. Außerdem spürte sie, dass er sich selbst ungeheuer wichtig nahm.
Juran?, rief Auraya.