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Auraya. Was geht da vor?

Sie erklärte ihm, dass Nekaun einen Siyee freigelassen hatte, um ihr eine Nachricht zu überbringen, und sie berichtete von seiner Bitte.

Soll ich mich mit ihm treffen?, fragte sie.

Es könnte eine Falle sein, warnte Juran sie.

Ich bin bereit, dieses Risiko auf mich zu nehmen. Wenn ich mich nicht mit Nekaun treffe, könnte er zurückschlagen, indem er einen oder mehrere Siyee tötet.

Dann geh. Finde heraus, was er will.

Sie blickte zu dem winzigen Punkt empor, der alles war, was man von dem fliehenden Siyee noch sehen konnte.

Falls Nekaun ein Lösegeld für die Siyee will, wärst du damit einverstanden?

Das würde vom Preis abhängen.

Sie holte tief Luft, zog Magie in sich hinein, schuf eine Barriere um sich herum und ließ sich langsam nach unten sinken. Dann spürte sie eine Bewegung in ihrem Bündel und fluchte leise. Wenn sie doch nur daran gedacht hätte, den Siyee zu bitten, Unfug mitzunehmen. Aber der Veez hätte ein zusätzliches Gewicht dargestellt und somit ein zusätzliches Problem für den Siyee.

Die drei Personen auf dem Dach beobachteten sie. Die Frau wandte sich plötzlich zu Nekaun um, machte eine Bewegung mit den Händen und ging dann davon. Sie hob eine Luke im Dach an und stieg in die Dunkelheit hinab.

Auraya landete einige Schritte entfernt von den beiden Männern.

Nekaun lächelte. »Willkommen in Glymma, Auraya«, sagte er auf Hanianisch, wenn auch mit einem starken Akzent.

Auraya betrachtete den Mann, der neben der Stimme stand, und las aus seinen Gedanken, dass er Turaan war, Nekauns Gefährte, der als Übersetzer fungieren sollte. Sein Herr kannte noch keine der nördlichen Sprachen allzu gut und bezweifelte, dass Auraya irgendeine der südlichen Sprachen gelernt hatte.

Ich muss darauf achten, so zu tun, als verstünde ich nichts von dem, was in den südlichen Sprachen gesprochen wird, überlegte sie. Nekaun könnte denken, dass ich sie irgendwie gelernt habe, aber die Götter werden wissen, dass das nicht wahr ist, und erraten, dass ich Gedanken lese.

»Willkommen?«, erwiderte sie auf Hanianisch. »Ich bezweifle, dass ich willkommen bin.«

Nekauns Lächeln wurde breiter. Er sagte etwas in seiner eigenen Sprache, und Turan wiederholte seine Worte auf Hanianisch. »Einigen magst du nicht willkommen sein, aber sie verstehen die Gründe für deine Anwesenheit nicht.«

»Und du tust es?«

»Vielleicht. Ich muss zugeben, dass ich in einigen Punkten nur raten kann. Aus den Gedanken der Siyee habe ich erfahren, dass es dir verboten ist zu kämpfen. Ich vermute, dass du nur hier bist, um sie zu beschützen. Ich denke, dass du meinem Volk vielleicht nichts Böses willst.«

»Nur wenn ihr meinem Volk nichts Böses wollt.«

Er zog die Augenbrauen hoch. »Und doch sind die Siyee hergekommen, um meinem Volk Schaden zuzufügen.«

Sie lächelte dünn. »Das ist nicht wahr.«

Er runzelte die Stirn, dann lachte er leise. »Ah, das ist richtig. Sie sind hergekommen, um den Vögeln Schaden zuzufügen. Wenn einige Menschen ihnen dabei in die Quere gekommen wären, hätten die Siyee ihnen also nichts getan?«

Auraya verschränkte die Arme vor der Brust. »Ich bin nicht diejenige, die ihnen ihre Anweisungen gegeben hat.«

»Es muss schwer sein, ein Volk zu lieben und doch zusehen zu müssen, wie es von anderen schlecht regiert wird.«

»Ich bin nicht die Erste, die in einer solchen Position wäre.«

Sein Blick flackerte kurz, als hätten ihre Worte ihm Grund zum Nachdenken gegeben. »Ich werde dir ein Angebot machen. Wenn du hierbleibst und mir erlaubst, dir mein Volk und meine Stadt zu zeigen, werde ich die Siyee freilassen. Für jeden Tag, den du hier verbringst, wird einer von ihnen die Freiheit wiedererlangen.«

Sie musterte ihn mit schmalen Augen. »Ich brauche nur hierzubleiben?«

»Und mir gestatten, dir mein Volk zu zeigen.«

»Warum?«

Seine Miene wurde ernst. »Dein Volk versteht das meine nicht. Ihr haltet uns für grausam und verdorben. Ich möchte dir zeigen, dass das nicht wahr ist.« Er verzog das Gesicht. »Ich möchte den Siyee keinen Schaden zufügen, ebenso wie ich sie nicht versklaven möchte, was nach unseren Gesetzen gestattet wäre. Ich könnte Geld im Gegenzug für ihre Freilassung verlangen, aber ich brauche kein Geld. Was ich mir mehr wünsche, ist Frieden. Du bist keine Weiße mehr, aber ich bezweifle, dass ein Weißer jemals hierherkommen würde, ganz gleich, wie demütig wir um einen Besuch bitten würden. Du bist jedoch die Verbündete der Weißen. Du kannst ihnen mitteilen, was du hier siehst.« Er blickte sie durchdringend an. »Wirst du bleiben?«

Auraya musterte ihn argwöhnisch. Es könnte nach wie vor eine Falle sein. In Turaans Gedanken konnte sie zwar nichts von einer Falle lesen, aber es war möglich, dass Nekaun ihn nicht in seine Pläne eingeweiht hatte.

Und? Um der Siyee willen lohnt es sich, einige Risiken einzugehen.

»Einen Siyee für jeden Tag«, sagte sie.

»Ja.«

»Ich muss mich selbst davon überzeugen, dass sie die Stadt verlassen.«

»Natürlich.«

»Du wirst ihnen Essen und Wasser für die Heimreise geben?«

»Dafür wird gesorgt sein.«

»Und Waschmöglichkeiten für diejenigen, die zurückbleiben?«

»Ich habe bereits Anweisung erteilt, eine Lösung für dieses Problem zu suchen.«

»Wirst du mir bei deinen Göttern schwören, dass du dein Versprechen halten wirst?«

Er lächelte. »Ich schwöre bei Sheyr, Hrun, Alor, Ranah und Sraal, dass ich für jeden Tag und jede Nacht, die du hierbleibst, einen Siyee freilassen werde und dass dir während dieser Zeit kein Schaden zugefügt werden wird.«

Sie wandte den Blick ab, als denke sie nach.

Juran?

Sie beschrieb ihm die Bedingungen des Handels.

Er wird versuchen, dich für seine Zwecke zu gewinnen oder dich zu bekehren.

Das vermute ich auch. Er wird scheitern.

Ja. Das glaube ich ebenfalls. Dies ist ein gefährliches Spiel, Auraya, aber wenn du bereit bist, es zu spielen, hast du unsere Zustimmung. Viel Glück.

Auraya sah Nekaun in die Augen und nickte knapp.

»Ich werde bleiben.«

Nachdem Mirar Emerahl und den Zwillingen Bericht erstattet und ihnen von Genzas Bitte erzählt hatte, sie nach Glymma zu begleiten, ließ er sich in einen tiefen Schlaf sinken. Er träumte, dass Auraya versuchte, ihm etwas mitzuteilen, aber ein Klopfen unterbrach sie. Dann wurde ihm bewusst, dass seine Augen geöffnet waren und er an die Decke starrte.

Irgendetwas hat mich gerade geweckt. Er setzte sich auf und lauschte. Dann blickte er zur Tür und spürte sowohl Hoffnung als auch Unsicherheit. Eine vertraute Person stand und ihre Entschlossenheit geriet zunehmend ins Wanken.

Dardel. Sie hat endlich den Mut aufgebracht, wieder zu mir zu kommen.

Einen Moment lang rangen widersprüchliche Gefühle in ihm. Die Erinnerung an Aurayas Anwesenheit in seinem Traum ließ ihn nicht los. Andererseits wusste er, dass eine solche Gelegenheit, Dardel ihre Sicherheit zurückzugeben, vielleicht nicht wiederkommen würde.

Auraya ist nicht hier, sagte er sich. Sie liebt dich nicht mehr.

Schließlich stand er auf, ging zur Tür und öffnete sie. Dardel sah ihn mit großen Augen an.

»Was kann ich für dich tun?«, fragte er.

»Ich habe gehört, dass du fortgehen wirst. Ich bin gekommen, um… um auf Wiedersehen zu sagen.«

Obwohl sie ihm nicht in die Augen sah, konnte er ihre widerstrebenden Gefühle wahrnehmen. Sie hoffte, dass sie mehr tun würden, als nur auf Wiedersehen zu sagen.

»Ich bin froh, dass du gekommen bist«, erwiderte er. »Dardel…«

Sie blickte auf. Er zog eine Augenbraue hoch. Ein Lächeln umspielte ihre Lippen. »Ich hoffe, es macht dir nichts aus, dass es schon so spät ist. Ich konnte nicht schlafen.«