»Es macht mir überhaupt nichts aus. In diesen heißen Nächten ist es schwer, Ruhe zu finden. Möchtest du hereinkommen und.. reden?«
Sie trat an ihm vorbei in den Raum. Als er die Tür geschlossen hatte und sich umdrehte, sah er, dass Dardel aus ihrem Wams schlüpfte. »Bei dieser Hitze möchte ich mir am liebsten alle Kleider vom Leib reißen.«
Er lachte leise. »Ich dachte schon, ich sei in dieser Hinsicht der Einzige.«
Sie kam auf ihn zu und griff nach seinem Wams. »Lass dir helfen.«
Nachdem sie ihre Traumweberroben abgelegt hatten, gingen sie zum Bett hinüber. Dardel roch nach Schweiß und Dschungelblumen, und das Mondlicht zeichnete die Wölbung ihrer Schultern nach. Ihrer Brüste. Ihrer Hüften. Warme Haut unter seinen Fingern. Hände, die über seinen Körper strichen. Sie kamen sich immer näher und erkundeten einander mit Fingern und Lippen, bis sie einander Haut auf Haut berührten. Er spürte, wie sie ihm die Fersen in den Rücken bohrte, dann wiegten sie sich hin und her, und die einzigen Geräusche waren ihre Atmung und das leise Knarren des Bettes, während er jenem Augenblick, da die Lust jedes Denken beiseitedrängte, immer näher kam.
Als die Gedanken zurückkehrten, löste sie sich von ihm. Er wollte sie berühren, aber sie hielt seine Hand fest. Überrascht musterte er sie und spürte eine gewisse Nachdenklichkeit.
»Irgendetwas ist anders«, sagte sie und sah ihn an. »Ich dachte, es würde aufregender sein, jetzt, da ich weiß, wer du bist. Aber das ist es nicht. Es ist…« Sie runzelte die Stirn und schüttelte den Kopf. »Ich weiß es nicht.«
Er lehnte sich an die Wand. »Manchmal ist eine Phantasie aufregender als die Wirklichkeit«, erwiderte er.
Sie nickte, dann schüttelte sie abermals den Kopf. »Das ist es nicht.« Sie betrachtete ihn und lächelte. »Nun, vielleicht ein wenig. Aber du hast etwas an dir, das mich schon immer beunruhigt hat. Du erinnerst mich an… Hast du…?« Sie brach ab. »Ich werde das Gefühl nicht los, dass irgendetwas dich ablenkt, selbst wenn du am, äh, aufmerksamsten bist.« Sie hielt einen Moment lang inne. »Normalerweise würde ich vermuten, dass es eine Frau ist. Ich hoffe, das ist nicht zu anmaßend von mir.«
Sie war sehr scharfsichtig, überlegte er. Außerdem kannte er ihre Stimmung. Ein vertrauliches Gespräch rundete Schlafzimmerbegegnungen bisweilen auf recht hübsche Weise ab, obwohl Frauen mehr Wert darauf legten als Männer. Er hatte dies vor langer Zeit schätzen gelernt. Sie konnten frivol sein, witzig oder schamlos, oder sie offenbarten große Intelligenz und Scharfblick. Manchmal hatten sie einfach das Bedürfnis, über ihre Probleme zu reden. Bisweilen übertrieben sie es damit ein wenig. Das kostete Geduld.
Dardel neigte jedoch nicht dazu zu jammern. Er hätte ihre Vermutung mit einem Achselzucken abtun können, aber dafür gab es keinen Grund, solange er nur Aurayas Identität geheim hielt.
»Es gibt eine Frau«, antwortete er.
Sie blickte zu ihm auf. »Warum bist du dann nicht bei ihr? Ist sie im Norden?« Ihre Augen weiteten sich. »Stehen die zirklischen Götter zwischen euch?«
Er lächelte. »Nein. Bedauerlicherweise empfindet sie nicht das Gleiche für mich wie ich für sie.«
»Oh.« Dardels Schultern sanken ein wenig herab, und sie schenkte ihm ein mitfühlendes Lächeln. »Dann ist sie eine Närrin.«
Er kicherte. »Wie oft ich das in der entgegengesetzten Situation schon zu Frauen gesagt habe. Jetzt bin ich mir sicher, dass es hilft - ein wenig.«
Aber Dardel schien ihm nicht zuzuhören. Plötzlich blickte sie auf und versetzte ihm einen leichten Schlag gegen die Schulter. »Und du hast gerade mit mir geschlafen! Wie kannst du das tun, wenn du eine andere liebst!«
Er schlang die Arme um ihre Taille und hielt sie fest. »Erwartest du wirklich von mir, dass ich ein keusches Leben führe wegen einer Frau, die kein Interesse an mir hat?«
Sie lächelte. »Nein, wahrscheinlich nicht.«
»Mir fallen da verschiedene Methoden ein, wie du mir zeigen könntest, dass du mich in meiner Entscheidung, nicht keusch zu bleiben, unterstützt.«
Sie zog die Augenbrauen hoch. »Das könnte ich sicher.« Sie neigte nachdenklich den Kopf zur Seite. »Es ist schön zu wissen, dass du menschlich genug bist, um dich in Liebesdingen zum Narren zu machen.«
»Ach ja?« Er verzog das Gesicht. »Freut mich, dass irgendjemand es schön findet.«
»Ah.« Sie grinste und tätschelte ihm die Wange. »Dann werde ich dafür sorgen müssen, dass es ganz besonders schön für dich wird.« Sie beugte sich vor und ließ die Finger über seine Brust wandern. Er lächelte, hielt ihre Hand fest und zog sie näher an sich.
23
Das Sanktuarium war im Gegensatz zum Tempel in Jarime ein Wirrwarr miteinander verbundener Gebäude auf mehreren Stockwerken. Auraya kam es so vor, als steige sie in ein Labyrinth hinab, doch wann immer sie das Gefühl hatte, in der Falle zu sitzen und die Orientierung zu verlieren, führte Nekaun sie in einen Flur, der an einer Seite offen war, oder auf einen Hof hinaus. Ihr wurde klar, dass diese Form der Architektur es den Luftströmungen erlaubte, durch das Gebäude zu wehen, so dass die trockene Hitze erträglich wurde.
Die meisten ihrer Gedanken kreisten um die Situation, in der sie sich jetzt befand. Die Siyee waren Geiseln. Sie konnten sich glücklich schätzen, dass es so war, da sie hierhergekommen waren, um pentadrianisches Eigentum anzugreifen - oder Streitkräfte, je nachdem, wie die Pentadrianer ihre Vögel betrachteten -, und sie hätten im Gegenzug getötet werden können.
Stattdessen wurden sie dazu benutzt, Auraya zu erpressen. Der Preis schien gering zu sein. Sie brauchte lediglich für eine Weile hierzubleiben und Nekauns Volk kennenzulernen. Das war alles.
Es muss noch mehr dahinterstecken. Bestenfalls wird er versuchen, von mir mehr über die Weißen zu erfahren. Schlimmstenfalls will er mich hier festhalten, während er an der Frage arbeitet, ob er mich töten kann.
Bisher hatte Nekaun sie nur durch das Sanktuarium geführt und war hier und da stehen geblieben, um sie auf Dekorationen hinzuweisen oder ihr den Verwendungszweck und die Bedeutung einzelner Gegenstände zu erläutern. Er spielte den großzügigen Gastgeber. Sie spürte, dass ihr Körper zwar Schritt hielt, dass ihr Geist jedoch weit zurückgefallen war und die Ereignisse der letzten Tage nicht ganz erfasste. Ebenso waren ihr die Konsequenzen ihres Handels mit Nekaun nicht vollkommen klar.
Nekaun machte eine Bemerkung.
»Und hier«, übersetzte Turaan, »ist dein Quartier.«
Ein Diener öffnete eine große Doppeltür. Auraya konzentrierte sich wieder auf ihre Umgebung und folgte Nekaun. Der erste Raum hatte die Größe eines Hauses und war nur spärlich möbliert. Nekaun deutete auf eine Tür. Als Auraya hindurchtrat, fand sie sich in einem langgestreckten Raum mit einem riesigen Bett wieder. Durch einen Bogengang auf der einen Seite gelangte man in einen Raum, der ganz und gar mit Kacheln ausgelegt war. In der Mitte befand sich ein in den Boden eingelassenes, leeres Becken.
»Die Domestiken werden dir Wasser bringen, wann immer du zu baden wünschst«, ließ Nekaun durch Turaan erklären. Er zeigte auf Flaschen aus Glas und Ton. »Eine Auswahl an Parfüms und Ölen.«
Also soll ich hier im Luxus leben, während die Siyee in den Gewölben unter der Erde angekettet sind.
»Ich möchte mit den Siyee sprechen«, sagte sie plötzlich. »Es ist unnötig grausam, sie im Unklaren über unsere Vereinbarung zu lassen.«
Nekaun musterte sie nachdenklich.
»Ich werde dich zu ihnen führen«, übersetzte Turaan. »Aber nur wenn du bei deinen Göttern schwörst, dass du nicht versuchen wirst, sie zu befreien. Ich würde dich daran hindern müssen, und die Siyee könnten dabei verletzt werden. Ich möchte ihnen keinen Schaden zufügen.«
»Ich verstehe«, erwiderte sie. »Ich schwöre bei den Göttern des Zirkels, dass ich, solange unser Handel gilt, nicht versuchen werde, die Siyee zu retten, die du gefangen hältst.«