Er nickte. »Folge mir.«
Zu ihrer Erleichterung hielt er nicht länger auf Schritt und Tritt inne, um sie auf die Besonderheiten des Sanktuariums hinzuweisen, wie er es zuvor getan hatte. Allerdings schlug er auch kein besonders schnelles Tempo an.
»Die Siyee betrachten dich als ihre persönliche Weiße«, sagte er. »Sie glauben, dass du sie als dein eigenes Volk empfindest. Ist das wahr?«
»Ja und nein. Ich bin keine Siyee, und ich werde niemals eine sein.«
»Aber du hast viel mit ihnen gemein. Das Fliegen zum Beispiel.«
»Ja.«
»Betrachtest du Si als dein Zuhause oder Hania?«
Sie runzelte die Stirn. »Im Augenblick ist Si meine Heimat, aber ich werde immer eine Verbindung zu Hania haben.«
Er lächelte. »Natürlich. Hast du die Weißen verlassen, um bei den Siyee leben zu können?«
»Ich werde dir meine Gründe, warum ich die Weißen verlassen habe, nicht offenlegen.«
Er lachte leise. »Das hatte ich auch nicht erwartet. Aber ich musste fragen. Dieses Ereignis hat hier viele Spekulationen ausgelöst.«
Sie waren in einen unterirdischen Flur hinabgestiegen. Die Wände waren kahl und die Böden staubig, was vermuten ließ, dass dieser Bereich der Anlage nur selten benutzt wurde. Die Mitte der Räume und Flure lag etwas tiefer als der Rest - ein Zeichen der Abnutzung nach vielen Jahrhunderten, vielleicht Jahrtausenden. Fasziniert hielt Auraya Ausschau nach anderen Anzeichen, die ihr vielleicht Aufschluss darüber geben würden, welchem Zweck dieser Teil des Sanktuariums früher einmal gedient haben mochte.
Nekaun führte sie durch ein Tor in einen Tunnel. Sie kamen an mehreren Nischen vorbei, in denen jeweils eine Lampe stand. Am Ende des Gangs gelangten sie in einen kleinen Raum. Vor einem großen Bogengang war ein Eisentor eingelassen, und links und rechts davon standen zwei Götterdiener Wache. Dahinter befand sich eine erheblich größere Halle, die von Säulen getragen wurde. Am gegenüberliegenden Ende stand ein Stuhl von gewaltigen Ausmaßen.
Es ist ein alter Tempel, überlegte sie. Dies ist der Thron eines Gottes. Eines toten Gottes höchstwahrscheinlich.
Dann lenkte eine Bewegung ihre Aufmerksamkeit auf den Sockel einer Säule, und ihre Schultern sackten unwillkürlich herab.
Die Siyee waren an die Säulen gekettet. Sie saßen oder kauerten auf dem Boden, und ihre Gedanken waren voller Angst und Mutlosigkeit. Neben jedem Siyee standen hölzerne Schalen für seine Exkremente, und Auraya konnte ihren Gestank riechen.
»Du hast gesagt, deine Leute würden für bessere Hygiene sorgen«, bemerkte sie und drehte sich zu Nekaun um. »Diese Zustände sind nicht gesund.«
Nekaun zog die Augenbrauen hoch. »Sie sind immerhin Gefangene. Du kannst nicht von mir erwarten, dass ich sie wie Ehrengäste behandle.«
Sie dachte an die Räume, die er ihr zur Verfügung gestellt hatte. »Das tue ich auch nicht«, erwiderte sie. »Aber ich erwarte, dass sie gesund genug sind, um nach Hause zurückzukehren, wenn du sie freilässt. Wenn sich an ihrer Situation nichts ändert, werden sie erkranken. Sie müssen die Erlaubnis erhalten, sich zu bewegen, oder ihre Muskeln werden zu schwach werden, um zu fliegen.«
Er sah die Siyee an und nickte langsam. »Ich verstehe. Sobald ich mich davon überzeugt habe, dass diese Halle sicher ist, werde ich sie von den Säulen losbinden lassen. Außerdem wird man einen Bereich für die Sammlung von Exkrementen abteilen.« Er wandte sich an die Götterdiener. Einer zog einen Schlüssel unter seinen Roben hervor, trat an das Tor und schloss es auf.
Auraya ging hindurch. Als sie näher kam, blickten die Siyee auf, und in ihren Gesichtern und ihren Gedanken regte sich Hoffnung. Sie hielt Ausschau nach Sreil. Als sie ihn entdeckt hatte, durchquerte sie den Raum und ging neben dem jungen Mann in die Hocke.
»Ist irgendjemand von euch verletzt?«
Sreil schüttelte den Kopf. »Kratzer und Prellungen, aber mehr nicht.«
Sie betrachtete die hoffnungsvollen Gesichter. »Ich bin nicht hier, um euch zu befreien«, erklärte sie. »Zumindest nicht heute. Aber ich habe eine Vereinbarung mit Nekaun getroffen, dem Anführer der Pentadrianer. Für jeden Tag, den ich hierbleibe, wird er einen von euch freilassen.«
»Wir sind über dreißig«, sagte einer der Siyee. »Das ist ein ganzer Monat. Wenn wir eine Woche unter diesen Umständen leben, werden wir nicht mehr fliegen können.«
»Das habe ich ihm erklärt«, erwiderte sie. »Er hat sich bereitgefunden, euch loszubinden.«
»Vertraust du ihm?«, fragte Sreil.
Sie sah ihn an und seufzte. »Mir bleibt nichts anderes übrig. Er hat bei seinen Göttern geschworen. Wenn er einen solchen Schwur nicht ehrlich meint, dann wird er nichts ehrlich meinen.«
»Was will er von dir?«, fragte der Priester.
»Ich weiß es nicht«, gab sie zu. »Er sagt, ich soll hierbleiben und sein Volk kennenlernen.«
»Er wird versuchen, dich zu verderben. Dich von den Göttern abzuwenden«, warnte Teel sie.
»Zweifellos«, pflichtete sie ihm bei. »Morgen früh werden wir sehen, ob er sein Wort hält. Ich werde darauf bestehen, zuzusehen, wenn er einen von euch freilässt.«
Neben den Zweifeln und Hoffnungen der Siyee fing sie ein Gefühl der Sorge um sie, Auraya, auf und Dankbarkeit für das Risiko, das sie um ihretwillen auf sich nahm. Unwillkürlich stieg eine Woge der Zuneigung für sie in ihr auf. Wenn Nekaun nicht zugehört hätte, hätte sie mit jedem Einzelnen geredet und ihm Trost zugesprochen, aber sie wollte nicht, dass er sah, wie viel die Siyee ihr bedeuteten, weil sie fürchtete, dass er seine Forderungen in diesem Fall erhöht hätte. Schließlich stand sie auf und brachte ein Lächeln zustande.
»Seid stark und habt Geduld«, sagte sie. »Ich werde jeden Augenblick des Tages an euch denken.«
»Und wir an dich«, erwiderte Sreil.
Sie wandte sich widerstrebend ab und zwang sich, zum Tor zurückzugehen. Als sie hindurchgetreten war, drehte sie sich zu Nekaun um.
»Sollte auch nur einer von ihnen nicht in der Lage sein, fortzufliegen, wird unser Handel nichtig.«
Er lächelte und nickte. »Natürlich. Ich werde dafür sorgen, dass sie es von jetzt an bequemer haben.«
Die Palastbibliothek wurde abends für alle mit Ausnahme der »Mitglieder« geschlossen, eine Regelung, die den Denkern im Allgemeinen die Ungestörtheit gab, die sie brauchten, während sie ihre Fortschritte bei der Suche nach der Schriftrolle der Götter erörterten.
Oder ihren Mangel an Fortschritten, dachte Raynora. Ich frage mich, wie viele andere Hinweise meine Gefährten übersehen oder missachtet haben mögen, weil ihnen das Geschlecht oder die Rasse desjenigen, der die Informationen beigesteuert hat, nicht gefiel. Hat ihre Eifersucht auf all jene, die magische Befähigung besitzen, sie dazu getrieben, auch wichtige Fakten zu ignorieren?
Ein vertrauter Stich des Neids durchzuckte ihn, und er lächelte schief. Alle Denker begehrten magische Macht, selbst er. Man wollte immer das, was man nicht haben konnte. Das Wissen, dass er kein Götterdiener werden konnte, hatte nur dazu geführt, dass diese Menschen ihn umso mehr faszinierten. Er hatte früher einmal selbst Götterdiener werden wollen, aber als eine Denkerin nach dem Krieg geweiht worden war, war sein Interesse verebbt. Er konnte nicht auf eine so angesehene Rolle wie die eines Gefährten hoffen, und das bescheidene Leben eines gewöhnlichen Götterdieners hatte keinen allzu großen Reiz mehr, wenn dabei keine Magie im Spiel war.
Während meine Zugehörigkeit zu den Denkern mir bei anderen einen gewissen Respekt verschafft. Außerdem brauche ich deshalb mein Vermögen nicht aufzugeben, so klein es auch sein mag.
Nachdem er zu diesem Schluss gekommen war, hatte auch sein Interesse an der Schriftrolle der Götter nachgelassen. Sie hatte einen Teil der Faszination ausgemacht, mit der ihn seine Religion erfüllte, aber jetzt, da dieser Anreiz nicht mehr existierte, fand er die unerfreulichen Charaktere der wichtigsten Forscher ermüdend. Barmonia war die treibende Kraft der Gruppe, aber seine Arroganz verärgerte Ray. Mikmers Zynismus war nicht länger erheiternd, und die Götter mochten jedem beistehen, wenn er einen Vortrag Kereons über eins seiner Lieblingsthemen erdulden musste. Der einzige Denker, der Ray im Alter nahe stand, war Yathyir, aber Ray vermutete insgeheim, dass seine dekkarenischen Eltern einen Pakt mit den Göttern geschlossen haben mussten: Die Götter hatten ihrem Sohn anscheinend ein brillantes Gedächtnis für Fakten mitgegeben und ihm im Gegenzug jedwede Fähigkeit genommen, gesellschaftliche Normen, Scherze oder Unterströmungen eines Gesprächs zu verstehen.