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Also, warum bin ich noch hier? Nun, man hat mir ein Angebot gemacht, das zu gut war, um es abzulehnen

»Worüber lächelst du, Ray?«

Als er sich umdrehte, stellte er fest, dass Mikmer ihn argwöhnisch beobachtete, und sein Gewissen regte sich. Zum Ausgleich dafür grinste Ray umso breiter. »Ich habe gerade ausgerechnet, wie viel Gold mir die Schriftrolle einbringen wird, wenn ich sie verkaufe.«

Die anderen starrten ihn an.

»Wir werden die Schriftrolle nicht verkaufen!«, erklärte Barmonia, dessen Gesicht bereits rot angelaufen war.

»Oh, das hatte ich auch nicht erwartet«, stimmte Ray ihm zu. »Aber ihr werdet sicher eine Menge bezahlen, um sie von mir zu bekommen.«

Yathyir lächelte. »Er hat die Absicht, sie selbst zu finden.«

Barmonia zog die Augenbrauen hoch. »Du glaubst, du schaffst das ohne unsere Hilfe, ja?«

»Vielleicht«, antwortete Ray und lehnte sich mit bewusster Lässigkeit auf seinem Stuhl zurück. »Sofern ich diese Frau überreden kann, mir zu helfen, nachdem ihr sie neulich so rüde behandelt habt.«

»Diese Frau aus dem Norden!«, schnaubte Barmonia. »Du kannst sie gern haben. Alles, was du von ihr bekommen wirst, ist die Krätze.«

»Weil alle Frauen aus dem Norden krank sind, nicht wahr?«

Der hochgewachsene Mann erwiderte seinen Blick ungerührt. »Keine Frau von einwandfreier Moral würde allein reisen.«

»Zumindest keine moralisch einwandfreie Frau ohne Befähigungen«, bemerkte Mikmer.

»Sie besitzt Befähigungen?«, fragte Yathyir und wandte sich zu Mikmer um. »Woher weißt du das?«

Der ältere Mann zog die Schultern hoch. »Eine wohlbegründete Vermutung.«

»Aber du weißt es nicht mit Bestimmtheit?«, hakte Yathyir nach.

Mikmer verdrehte die Augen. Er war nicht gerade der geduldigste, erst recht nicht Yathyir gegenüber, wenn dieser eine seiner Bemerkungen wieder einmal zu wörtlich nahm. »Natürlich nicht. Hat sie Magie benutzt, während sie hier war? Nein. Ist es wahrscheinlich, dass ich sie aufgesucht und sie gebeten habe, mir ihre Fähigkeiten zu demonstrieren, und sie sich dazu bereitgefunden hat? Nein.«

»Oh«, erwiderte Yathyir nachdenklich. Glücklicherweise nahm er niemals Anstoß an Mikmers Sarkasmus. Er akzeptierte ihn als das normale Benehmen eines älteren, erfahreneren Denkers.

»Denkst du, wir sollten diese Frau benutzen?«, fragte Kereon Ray.

Alle wandten sich zu ihm um. Kereon sprach nur selten, aber wenn er das Wort einmal ergriff, konnte er sich stundenlang in ein Thema verbeißen.

»Ja, allerdings«, antwortete Ray. »Sie hat die Tafel gelesen, als sei sie in ihrer eigenen Sprache geschrieben, und angedeutet, dass sie Alt-Sorl lesen könne.«

»Und wenn wir sie hierherholen und sie es nicht kann?«, fragte Mikmer.

»Dann ist kein Schaden entstanden.«

»Es sei denn, sie erführe von uns etwas über die Schriftrolle«, warnte Yathyir.

»Sie wird nichts erfahren, was wir sie nicht wissen lassen wollen. Sie braucht lediglich zu versuchen, die Knochen zu lesen.«

»Und wenn sie sie versteht, wird sie wissen, worauf wir aus sind«, wandte Barmonia ein. »Dieses Risiko können wir nicht eingehen.«

»Warum nicht? Was kann sie schon mit dieser Information anfangen?«

»Sie könnte sich selbst auf die Suche nach der Schriftrolle machen.«

»Nicht wenn wir sie einladen, sich uns anzuschließen.«

»Sie soll sich uns anschließen?«, rief Barmonia aus. »Wir arbeiten nicht mit irgendeiner fremdländischen Schlampe zusammen.«

»Sie wird uns die Anerkennung dafür streitig machen«, pflichtete Mikmer ihm bei.

»Mach dich nicht lächerlich«, sagte Kereon, was ihm einen erstaunten Blick von Barmonia eintrug. »Wer würde ihr glauben? Niemand.« Er beugte sich vor und richtete seine nächsten Worte vor allem an Barmonia. »Wenn sie uns helfen kann, werden wir sie in unserer Mitte willkommen heißen. Sie wird das Angebot annehmen, weil sie anderenfalls weder unsere übrigen Artefakte zu sehen bekäme, noch erfahren würde, was wir wissen. Wenn wir herausfinden, wo die Schriftrolle ist, endet die Rolle dieser Frau.«

In Barmonias Augen war Interesse aufgeflackert. »Sie wird uns nicht verraten, was die Knochen sagen, es sei denn, wir nehmen sie mit.«

»Sie ist klug. Aber dennoch, sobald wir die Schriftrolle erst einmal haben, brauchen wir ihr nichts zu geben - gewiss keinen Anteil am Ruhm.« Kereon lächelte. »Denkt ihr wirklich, irgendjemand würde glauben, sie habe etwas mit der Auffindung der Schriftrolle zu tun, abgesehen davon, dass sie vielleicht für uns gekocht hat?«

Barmonia lehnte sich zurück und schüttelte den Kopf. »Nein. Also gut. Holt sie her.«

Kereon sah Ray an. »Sie wird Verdacht schöpfen, wenn ein anderer an sie herantritt als du.«

Ray nickte. »Ich werde sie finden. Allerdings kann ich nicht garantieren, dass ich sie überreden kann, sich uns anzuschließen, nach dem, wie ihr sie neulich behandelt habt, aber ich werde es versuchen.« Er musterte Barmonia mit schmalen Augen. »Du wirst es am schwersten haben.«

»Es wird nicht leicht sein, mit ihr fertigzuwerden«, bekräftigte Yathyir nickend.

»Nein«, erwiderte Ray. »Und es wird dir gewiss schwerfallen, dich daran zu erinnern, wie man sich benimmt.«

Während die anderen das Gesicht verzogen oder die Augen verdrehten, dachte Ray darüber nach, wie er Emmea überreden könnte, mit ihnen zusammenzuarbeiten. Er machte sich keine Illusionen, dass die anderen nicht einmal versuchen würden, höflich zu sein. Wenn die Frau ihnen über einen gewissen Zeitraum hinweg helfen sollte, würde sie einen Freund brauchen, der mit ihr fühlte.

Oder mehr als einen Freund, überlegte er. Ich bin davon überzeugt, dass sie neulich mit mir geflirtet hat, obwohl sie es wahrscheinlich nur getan hat, um meine Unterstützung zu gewinnen. Sie ist nicht mehr jung, aber sie ist trotz ihres Alters immer noch attraktiv. Außerdem heißt es, von älteren Frauen könne man sehr viel lernen

Die Nachricht hatte sich verbreitet wie ein kühler Wind; sie war durch Flure und Hallen bis in den letzten Winkel des Sanktuariums vorgedrungen. Seither waren Götterdiener und Domestiken gleichermaßen gefangen in einem Rausch von Erregung und Entsetzen.

Auraya ist hier!, flüsterten sie. Nekaun hat eine ehemalige Weiße in das Sanktuarium gebracht! Diejenige, die fliegen kann! Diejenige, die Kuar getötet hat!

Zwischen der Begegnung mit einem Händler, der gegen die Einschränkungen für seine Einfuhrwaren protestiert hatte, und dem Vetter des neuen dekkarenischen Hohen Häuptlings, der eine großzügige Spende seiner Familie brachte, hatte Kikarn Reivan von den Neuigkeiten erzählt. Reivan hatte zuerst an Imenja gedacht. Ihre Herrin hatte der ehemaligen Ersten Stimme großen Respekt entgegengebracht und seinen Tod betrauert. Was würde sie denken, wenn Kuars Mörderin jetzt ungehindert im Sanktuarium umherstreifte?

Reivan rechnete halb damit, dass sie vor Imenja erscheinen musste, aber bis zum Abend kam kein Gedankenruf durch den Anhänger. Während sie ihre Arbeit fortsetzte, fragte sie sich immer wieder, ob sie Auraya auf ihrem Weg zu Imenja begegnen würde. Der Gedanke gefiel ihr nicht. Als sie all ihre Aufgaben erfüllt hatte, fürchtete sie den Augenblick, da sie in das Obere Sanktuarium hinaufgehen musste. Der Weg erschien ihr länger als gewöhnlich, aber sie begegnete nur anderen Götterdienern, und die Bruchstücke der Gespräche, die sie mitbekam, weckten quälende Neugier in ihr.