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Sie fand Imenja in düsterer Stimmung vor.

»Du hast also schon von unserem besonderen Gast gehört«, sagte ihre Herrin, sobald sie Reivan sah, und erhob sich von ihrem Platz, von dem aus sie die Lichter der Stadt betrachtet hatte. »Ich nehme an, die Neuigkeit hat sich inzwischen in der ganzen Stadt verbreitet. Nekaun hat beschlossen, den Gastgeber für den Feind zu spielen.«

»Sie gehört nicht mehr zu den Weißen«, rief Reivan ihr ins Gedächtnis.

»Nein. Aber sie ist immer noch eine zirklische Priesterin.«

Während sie an die andere Seite des Fensters trat, blickte Reivan Imenja forschend an. »Hat Nekaun die Hoffnung, etwas an diesem Umstand ändern zu können?«

Imenja zog die Brauen zusammen. »Einen anderen Grund kann ich mir nicht vorstellen.«

Reivan runzelte die Stirn. »Wie hat er sie dazu gebracht… ah, die Siyee.«

»Ja. Er hat versprochen, einen Siyee für jeden Tag freizulassen, den sie hierbleibt.«

»Sonst nichts?«

»Ich nehme an, er hätte damit drohen können, die Siyee zu foltern oder zu töten«, murmelte Imenja. »Aber selbst er hat genug Verstand, um zu begreifen, dass ein solches Vorgehen Auraya kaum dazu bewegt hätte, sich uns anzuschließen.«

»Ich meinte: Er hat nicht mehr von ihr verlangt, als hierzubleiben?«

Imenjas Lippen verzogen sich zu einem dünnen Lächeln. »So ist es. Ich bezweifle, dass sie sich als Gegenleistung für die Befreiung der Siyee bereitfinden würde, sich uns anzuschließen. Nein, er wird sie umgarnen müssen, und sie weiß es. Seine größte Herausforderung. Eine Verführung, die seiner würdig….« Sie hielt inne und verzog entschuldigend das Gesicht. »Es tut mir leid. Diese Worte waren schlecht gewählt.«

Reivan wandte den Blick ab und versuchte, das unbehagliche Gefühl, das sie ergriffen hatte, beiseitezuschieben. Sie hatte in der vergangenen Nacht auf einen Besuch Nekauns gehofft, jetzt, da er endlich zurückgekehrt war, aber ihr Bett war leer geblieben.

Es war nur eine einzige Nacht, sagte sie sich.

Er war damit beschäftigt, seine Verführung Aurayas zu planen, fügte eine düstere Stimme tief in ihren Gedanken hinzu.

»Heute Abend wird ein großes Festmahl für sie veranstaltet. Wir sind nicht eingeladen. Er möchte sie nicht mit mächtigen Zauberern umgeben, damit sie sich nicht bedroht fühlt.«

»Ich nehme an, du wirst sie über kurz oder lang kennenlernen.«

Imenja nickte, dann schärfte sich ihr Blick plötzlich. Sie zeigte aus dem Fenster. »Da ist sie.«

Reivan drehte sich um und sah in die Richtung, in die Imenja gedeutet hatte. Eine Bewegung in einem Innenhof einige Stockwerke weiter unten erregte ihre Aufmerksamkeit. Zwei Personen gingen über das Pflaster und blieben im Lichtschein einer Lampe stehen: ein Mann in schwarzen Roben und eine Frau in den weißen Gewändern einer zirklischen Priesterin. Unter dem fremdartigen Überwurf trug sie eine kurze Tunika.

Und Hosen, bemerkte Reivan. Wie seltsam.

Die beiden gingen zum Springbrunnen hinüber. Es war der Brunnen, in dem sich Imi, die Elai-Prinzessin, während ihres Aufenthalts erholt hatte. Als Auraya sich umdrehte, um die Statue näher in Augenschein zu nehmen, konnte Reivan ihr Gesicht deutlich sehen. Mutlosigkeit stieg in ihr auf.

Selbst von hier aus ist sie schön und exotisch. Widerstrebend zwang sie sich, die Botschaften zu deuten, die Nekauns Haltung aussandte. In ihren Gedanken flammte das Wort »Verführung« wieder auf. Vielleicht war das intensive Interesse an Auraya, das Reivan bei ihm wahrnahm, nur gespielt, aber wenn es so war, war seine Darbietung recht überzeugend.

Zu überzeugend?

Sie schüttelte den Kopf und konzentrierte sich auf die praktischeren Aspekte des Ganzen.

»Was wird geschehen, wenn er Erfolg bei seinem Versuch hat, sie zu verführen? Werden wir wieder in den Krieg ziehen?«

Imenja stieß einen kehligen Laut aus. »Ich hoffe nicht.«

»Es ist möglich«, murmelte Reivan. »Oder es geht ihm einfach darum, die Weißen um einen Vorteil zu bringen, den sie uns gegenüber haben.«

»Und den Spieß umzudrehen.« Imenja blickte nachdenklich drein.

»Nur für den Fall, dass die Weißen eine Invasion vorbereiten.« Sie hielt inne und sah Imenja an. »Tun sie das?«

»Ich hätte diese Möglichkeit nicht in Erwägung gezogen, wäre da nicht der Angriff der Siyee auf Klaff gewesen. Wenn sie sich mit der Absicht trügen, einen Krieg gegen uns zu führen, würde es Sinn ergeben, die Vögel zu töten.« Imenja verschränkte die Arme vor der Brust. »Die Siyee glauben, ihr Angriff sei eine Vergeltungsmaßnahme gewesen.«

»Wofür?«

»Für eine gescheiterte Verschwörung. Es war nicht meine Verschwörung.«

Der wachsame Tonfall in Imenjas Stimme entlockte Reivan ein Lächeln. Offensichtlich war diese Verschwörung ein weiteres Thema, das ihre Herrin nicht zu erörtern wünschte. Sie blickte abermals in den Innenhof hinab. Auraya deutete auf das Becken. Plötzlich sprang etwas aus der Tasche der Frau auf den Rand des Beckens.

Es war irgendein Tier, und es war klein und flink. Nachdem es aus dem Becken getrunken hatte, huschte es um den Springbrunnen herum, bevor es sich auf eine Geste von Auraya hin widerstrebend wieder in ihren Beutel sinken ließ.

Eine Bemerkung eines Götterdieners in dem Kloster, in dem sie aufgewachsen war, kam ihr in den Sinn. »Die Art, wie ein Mensch Tiere behandelt und wie sie ihn behandeln, sagt eine Menge über seinen Charakter.«

Inzwischen waren Auraya und Nekaun aus ihrem Blickfeld verschwunden, und Reivan seufzte. Wenn es Nekaun tatsächlich gelang, Auraya zu »verführen«, würde sie dann hier in Glymma bleiben? Wenn ja, wäre sie den meisten Pentadrianern nicht willkommen. Immerhin hatte sie den Schlag geführt, der Kuar getötet und den Zirklern zum Sieg verholfen hatte. Sie würde hier keine Freunde finden.

Imenja trat abrupt vom Fenster weg. »Wenn ich sie kennenlerne, möchte ich, dass du für mich übersetzt.«

Reivan folgte ihrer Herrin zu den Sesseln.

»Ich werde da sein. Ich bin mir nicht sicher, ob ich mich auf diese Begegnung freue, aber es wird gewiss interessant werden.«

Ein schwaches Lächeln umspielte Imenjas Lippen.

»Ja, aber interessant bedeutet nicht immer angenehm.«

24

Emerahl näherte sich langsam der Bibliothekstür und konzentrierte sich auf das, was dahinter lag. Sie spürte nur eine Handvoll Geister auf der anderen Seite. Einige waren dunkel von Ärger und Skepsis, andere neugierig. Einer war ein wenig vertrauter als die übrigen und voller Erwartung.

Ray, vermute ich.

Er hatte sie auf dem Markt abgefangen, wobei er ihre Verlegenheit darüber, beim Verkauf von Heilmitteln ertappt zu werden, anscheinend nicht bemerkt hatte. Stattdessen hatte er sie eingeladen, so bald wie möglich noch einmal zu den Denkern zu kommen. Sie hatten eine Zeit für diesen Nachmittag ausgemacht, und sie war in ihr Zimmer zurückgekehrt, um ihren Beutel mit Heilmitteln abzulegen und die gefälschte Schriftrolle zu holen.

Jetzt legte sie eine Hand auf den Türgriff, drehte ihn und spürte, wie der Riegel beiseiteglitt. Die Tür schwang mühelos nach innen auf. Sie trat in die Bibliothek und zog die Tür hinter sich zu.

Der Bibliothekar beäugte sie argwöhnisch; er saß noch immer an demselben Stapel mit Schriftrollen, die er bei ihrem letzten Besuch katalogisiert hatte. Sie beachtete ihn nicht weiter und ging zum anderen Ende des Raums. Dieselben fünf Männer wie beim letzten Mal saßen in derselben Haltung dort.