Beinahe so, als wäre ich gar nicht fort gewesen, überlegte sie. Nur dass sie mich diesmal nicht ignorieren.
Ray erhob sich und lächelte. »Sei mir gegrüßt. Danke, dass du noch einmal zurückgekommen bist. Hier«, er deutete auf einen freien Stuhl. »Bitte setz dich.«
Sie nahm auf dem Stuhl Platz und sah die Männer um sie herum an.
»Dies ist Emmea Sternensucher, für den Fall, dass ihr ihren Namen beim letzten Mal nicht mitbekommen habt«, sagte Ray zu den anderen Männern. Dann deutete er nacheinander auf jeden seiner Gefährten, beginnend mit dem hochgewachsenen Mann. »Das ist Barmonia Zehntmeister, unser Anführer und Sachverständiger, was Geschichte und alte Sprachen betrifft. Dies ist Mikmer Gesetzmacher, ein weiterer Historiker. Kereon Kelchmann, Entdecker und Sammler von Artefakten, und Yathyir Gold, der ein einmaliges Gedächtnis für Fakten hat.« Dann legte er eine Hand auf seine Brust. »Ich bin Raynora Vorn, und ich habe viel Zeit auf das Studium toter Götter und ihrer Anhänger verwandt.«
Sie tat ihr Bestes, beeindruckt dreinzublicken. »Bei solchen Qualifikationen würde es mich überraschen, wenn keiner von euch mir bei dieser Schriftrolle helfen könnte.« Sie hielt ihr Kästchen hoch.
»Nun, dann zeig sie uns«, sagte Barmonia und streckte die Hände aus.
Als sie ihm das Kästchen übergab, begann ihr Herz schneller zu schlagen. Obwohl die Zwillinge sie bei der Herstellung der Schriftrolle angeleitet hatten, hatten sie sie doch nicht mit eigenen Augen gesehen. Auf Emerahl machte sie einen durchaus überzeugenden Eindruck, aber diese Männer waren Experten.
Barmonia öffnete das Kästchen und entnahm vorsichtig die Pergamentrolle. Er rollte sie auf, und ein feiner Staub wehte heraus. Er zog die Brauen hoch, dann ließ er den Blick aufmerksam über die Glyphen gleiten.
Plötzlich stand er auf und trat an einen Tisch. Dort beschwerte er die Ecken der Schriftrolle und rollte sie vorsichtig weiter auf. Als die anderen Männer sich erhoben und zu ihm hinübergingen, um ihn zu beobachten, folgte Emerahl ihnen.
»Das bedeutet ›Priester‹«, sagte Barmonia und zeigte auf eine Glyphe. »Und dies heißt ›bevorzugt‹ oder ›besonders‹.« Er hielt inne.
»Hier steht: ›… die Göttin hat ihrem bevorzugten Priester befohlen, ihre Worte auf eine Schriftrolle zu schreiben…‹«, erklärte Emerahl ihm.
Angespanntes Schweigen folgte, dann stieß Barmonia einen tiefen Seufzer aus. »Du kannst das lesen?«
»Ja. Manches verstehe ich allerdings nicht. Was bedeutet ›Atemopfer‹?«
Barmonia lächelte. »Es bedeutet, dass man seinen letzten Atemzug der Göttin opfert. Was eine von verschiedenen Möglichkeiten ist, wie ein Mensch seine Gefolgschaft offenbart in der Hoffnung, dass ein Gott oder eine Göttin seine Seele aufnehmen wird, wenn er stirbt.«
Emerahl nickte. »Ich verstehe. Ich hatte mir schon ein wenig Sorgen gemacht, es könnte von einer freiwilligen Strangulation oder etwas Ähnlichem die Rede sein.«
»Wenn es um historische Belange geht, läuft ein Laie nur allzu leicht Gefahr, sich seiner Phantasie zu überlassen, so dass die Wahrheit dahinter verschwindet. Das gilt besonders für junge Frauen.«
Emerahl hielt seinem Blick ungerührt stand. Das Gesicht des Mannes rötete sich. Dann spürte sie eine Hand auf ihrer Schulter.
»Wir sind alle sehr beeindruckt, Emmea«, sagte Ray. »Würdest du uns die ganze Schriftrolle vorlesen?«
Sie wandte ihre Aufmerksamkeit wieder dem Pergament zu und trat näher an Barmonia heran. Angeblich handelte es sich um das Bruchstück eines Berichts der Priester der Göttin Sorli, und den Zwillingen zufolge waren alle enthaltenen Informationen korrekt. Nachdem sie den Männern den Text vorgelesen hatte, herrschte für eine Weile nachdenkliches Schweigen.
»Nun denn, was können wir ihr sonst noch zu lesen geben?«, fragte Ray.
Barmonia seufzte. »Hol die Knochen her.«
»Knochen?«, wiederholte Emerahl.
Ray lächelte, gab ihr jedoch keine Antwort. Sie beobachtete, wie Kereon und Mikmer durch eine Tür verschwanden und kurze Zeit später zurückkehrten. Sie trugen gemeinsam eine lange, schwere Kiste, die sie auf den Tisch stellten. Barmonia hob den Deckel an.
Emerahl brauchte kein Erstaunen zu heucheln. In der Kiste befand sich ein Skelett. Die Zwillinge hatte ihr erzählt, dass die Denker glaubten, »ein Haufen alter Knochen« könne von großer Bedeutung sein. Aber sie verstanden nicht, worin diese Bedeutung lag, da die Denker selbst es nicht verstanden.
Die Knochen waren bedeckt mit Schriftzeichen. Als Ray einen davon herausnahm und ihn ihr reichte, sah sie, dass die Glyphen in die Oberfläche geritzt und dann schwarz angemalt worden waren. Sie betrachtete sie voller Staunen.
»Wo habt ihr dieses Skelett gefunden?«
»Wir haben es in einem alten Tempel ausgegraben«, erwiderte Kereon leichthin. »Dieser Mann muss sehr wichtig gewesen sein.«
Sie blickte auf die Kiste hinab, las den Rest der Schriftzeichen und nickte. »Das war er allerdings. Es handelt sich um den letzten bevorzugten Priester der Göttin Sorli.«
Und die Glyphen bestätigten die Existenz der Schriftrolle und gaben den Ort preis, an dem sie zu finden war… Aber Letzteres würde Emerahl den Männern nicht verraten.
»Lies«, sagte Barmonia leise.
»Die Glyphen auf dem Schädel besagen: ›Ich bin der bevorzugte Priester der Göttin Sorli.‹ Auf dem rechten Arm steht: ›Mir sind die Geheimnisse der Götter anvertraut.‹ Es ist nicht von ›einem Gott‹ die Rede, sondern von Göttern im Plural. Auf dem linken Arm steht: ›Sucht die Wahrheit in der geheiligten Kammer, wenn die Götter besonders…‹ hm, ›besonders beschäftigt sind‹ wäre wohl die Übersetzung, die dem Text am nächsten kommt.« Sie kicherte. »Ein Rätsel. Ich liebe Rätsel. Auf dem Bein steht: ›Sorli wird euch den Weg weisen. Ein Sterblicher mag eintreten und die Geheimnisse mit sich nehmen.‹« Sie hielt inne.
Ein Sterblicher mag eintreten und die Geheimnisse mit sich nehmen? Bedeutet das, dass ein Unsterblicher es nicht kann? An welchen Ort kann ein Sterblicher gehen, zu dem ein Unsterblicher keinen Zutritt hat?
»Ist das alles?«, fragte Barmonia.
»Nein, es stehen auch Schriftzeichen auf den Rippen. Liegen die einzelnen Rippen in der richtigen Reihenfolge?«
Die Männer tauschten einen entsetzten Blick. Keiner von ihnen verstand besonders viel von Anatomie, das wusste sie.
»Was besagen sie? Vielleicht können wir die richtige Reihenfolge erarbeiten.«
Sie gab ihnen gerade genug Informationen, um den Ort zu beschreiben, der auf den Rippen genannt wurde, hielt jedoch die Hinweise zurück, wie man ihn finden konnte. »Wenn man sie so ordnet«, sie veränderte die Position einiger Rippen, »steht hier: ›Herz spricht mehr‹. Ich vermute, das bedeutet, dass es in dieser ›geheiligten Kammer‹ weitere Anweisungen gibt.«
Barmonia zog die Brauen zusammen, aber sie spürte, dass er zufrieden war.
»Dann werden wir dich einfach dorthin mitnehmen müssen«, sagte er.
Sie sah ihn mit schmalen Augen an und heuchelte Erschrecken und Argwohn.
»Wohin wollt ihr mich mitnehmen?«
»In die berühmte Stadt Sorlina.«
Der Plattan-Fahrer und sein Gehilfe eilten umher, bauten die Zelte auf und machten ein Feuer. Die Dunweger fühlten sich im Freien ebenso wohl wie in ihren Festungen, und selbst die mächtigsten und reichsten Clanführer schliefen mit Freuden während langer Reisen draußen. Entlang jeder Straße fanden sich Lagerplätze. Wenn es keinen Fluss gab, gab es immer einen Brunnen. Die Lagerplätze waren mit Feuerstellen verschiedener Größen und mit Feuerholz versehen, und an manchen Stellen waren Gebilde errichtet worden, in denen man seinen Körper ertüchtigen und sich in den Kampfkünsten üben konnte.
Ein anderer Vorteil des Lagerns im Freien war der, dass die Identität eines Reisenden wahrscheinlich eher verborgen blieb, als wenn er oder sie in einer Festung abstieg. Ella hatte in einigen Forts, die sie besucht hatten, um Essen zu kaufen, Spione gefunden. Obwohl diese Spione sie nicht erkannt hatten, hatten sie doch von ihrer Ankunft in Chon und ihrer späteren Abreise gehört und die Anweisung bekommen, nach ihr Ausschau zu halten, für den Fall, dass sie nicht nach Jarime zurückgekehrt war, wie I-Portak behauptete.