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Unfug sprang, die Ohren aufgestellt und mit zuckender Nase, auf das Fenstersims.

»Bleib hier«, warnte sie ihn. Er ließ die Ohren enttäuscht herabhängen, schlang jedoch den Schwanz um den Körper und blieb sitzen, ganz in sein Schicksal ergeben.

Aus dem Nebenzimmer erklang ein Klopfen. Auraya erstarrte, dann sog sie den Atem ein und stieß ihn langsam wieder aus. Sie entfernte sich vom Fenster und ging zu den Doppeltüren des Hauptraums hinüber. Als sie sie öffnete, begrüßte Nekauns Gefährte, Turaan, sie mit einem Nicken, und die Schar von Dienern hinter ihm tat es ihm gleich.

Es sind keine Diener, rief sie sich ins Gedächtnis. Es sind Domestiken.

»Guten Morgen, Priesterin Auraya«, sagte Turaan. »Ich bringe dir etwas zu essen und Wasser.«

Sie trat beiseite. Die Domestiken, die jeder etwas in Händen hielten, kamen herein. Turaan gab ihnen Anweisungen. Einige der Männer und Frauen stellten ihre Lasten auf einen Tisch, dann hoben sie die gewobenen Deckel der Schüsseln an, und kunstvoll angerichtete Speisen wurden sichtbar, darunter Früchte und Brot. Zwei riesige Tonkrüge wurden auf den Boden gestellt, dann füllten mehrere Männer sie mit Wasser aus großen Gefäßen, bis sie beinahe überflossen.

Andere Domestiken verschwanden im Schlafzimmer. Als Auraya hineinblickte, waren sie gerade damit beschäftigt, das Bett mit der Geschicklichkeit langer Übung herzurichten und die Kleider, in denen sie geschlafen und jene, die sie ignoriert hatte, einzusammeln, bevor sie wieder aus dem Raum marschierten.

Sie rührten ihr Bündel nicht an und schienen Unfug, der immer noch auf dem Fenstersims hockte, gar nicht zu bemerken.

Eine junge Frau wandte sich mit gesenktem Blick zu Auraya um. Sie zeigte zuerst auf den gefliesten Raum, dann auf die Wasserkrüge.

Auraya schüttelte den Kopf, wenn auch nicht ohne einen Anflug von Bedauern. Es war lange her, seit sie das letzte Mal ein heißes Bad genossen hatte, aber sie würde sich nicht entspannen können, während ihr bewusst war, dass sie schon bald die Gastgeberin für Nekaun würde spielen müssen.

»Priesterin Auraya.«

Sie drehte sich zu Turaan um.

»Die Erste Stimme hat mich gebeten, dir auszurichten, dass er in Kürze bei dir sein wird. Bitte, iss und erfrische dich. Du wirst ihn auf das Dach begleiten, um die Freilassung eines Siyee zu bezeugen.«

Sie nickte und sah dann zu, wie die Diener den Raum verließen. Obwohl sie still und zurückhaltend waren, waren ihre Gedanken doch voller Neugier, Groll und Furcht. Sie war der Feind. Sie war gefährlich. Warum behandelte Nekaun sie wie einen Gast?

Als die Türen sich hinter ihnen geschlossen hatten, ging Auraya zu dem Tisch hinüber und nahm das Essen in Augenschein. Am vergangenen Abend hatte sie die Möglichkeit erwogen, dass Nekaun versuchen könnte, sie zu vergiften. Sie hatte ihre heilende Gabe noch nicht an Gift erprobt, aber als sie darüber nachgedacht hatte, wie sie mit einer solchen Bedrohung fertigwerden würde, war sie voller Zuversicht gewesen.

Sie nahm sich etwas Obst und Brot und ging ans Fenster, um zu essen. Ein leiser, dumpfer Aufprall lenkte ihre Aufmerksamkeit zurück auf den Tisch. Unfug beschnupperte einen der Teller. Als er sich daranmachte, an einem der Leckerbissen zu nagen, durchzuckte sie ein Stich der Furcht. Was war, wenn er etwas Giftiges aß? Sie könnte ihn wahrscheinlich heilen, aber was war, wenn sie nicht zugegen war, wenn es geschah?

Ich werde ihn einfach überallhin mitnehmen müssen.

Sie beendete ihre Mahlzeit, dann holte sie ihr Bündel aus dem Schlafzimmer. Es befanden sich nur wenige Dinge darin. Lediglich ein leerer Wasserschlauch, einige Heilmittel, eine Tunika und einer Hose zum Wechseln.

Nachdem sie ihr Bündel geleert hatte, schüttelte sie den Sand und den Staub heraus und stellte es beiseite. Dann setzte sie sich hin, um zu warten.

Nicht lange darauf erklang abermals ein Klopfen von der Tür. Diesmal stand Nekaun auf der Schwelle, in Begleitung von Turaan.

»Sei mir gegrüßt, Zauberin Auraya.«

»Priesterin«, verbesserte sie ihn.

»Priesterin Auraya. Es ist an der Zeit, dass ich meine Seite unseres Handels einhalte«, sagte Nekaun lächelnd.

»Einen Moment.« Sie griff nach dem Bündel und rief nach Unfug. Der Veez kam herbeigehüpft und sprang in ihre Arme. Da er wusste, was von ihm erwartet wurde, schlüpfte er direkt in das Bündel. Sie hängte es sich über die Schulter und wandte sich dann zu Nekaun um.

»Ich bin bereit.«

Er nickte und geleitete sie in den Flur hinaus.

»Wie nennst du dieses Geschöpf?«

»Es ist ein Veez«, erwiderte sie. »Aus Somrey.«

»Ein Schoßtier?«

»Ja.«

»Es spricht.«

»Sie lernen die Wörter, die sie brauchen, um ihre Bedürfnisse oder Sorgen auszudrücken, Dinge wie Essen, Wärme und Gefahr - was sie nicht gerade zu anregenden Gesprächspartnern macht.«

Er kicherte. »Das kann ich mir vorstellen. Hast du gut geschlafen?«

»Nein.«

»Hat die Hitze dir zu schaffen gemacht?«

»Zum Teil.«

»Du hast dir den heißesten Teil des Jahres für deinen Besuch ausgesucht«, rief er ihr ins Gedächtnis.

Sie beschloss, auf diese Bemerkung nicht zu antworten. Er führte sie eine Treppenflucht hinauf.

»War das Essen nach deinem Geschmack?«, erkundigte er sich.

»Ja.«

»Hast du noch einen Wunsch?«

Sie spürte, wie Unfug sich auf ihrer Schulter regte. In dem Bündel war es unbehaglich warm und ein wenig stickig.

»Rohes Fleisch für Unfug«, antwortete sie. »Und ich möchte, dass alle Speisen aus meinem Zimmer entfernt werden, wenn ich es verlasse. Ich möchte nicht, dass er etwas Ungeeignetes frisst.«

Das Fleisch wird er mögen, dachte sie. Und wenn er vergiftet wird, werde ich wissen, dass der Angriff ihm galt, um mich zu treffen, statt annehmen zu müssen, dass das vergiftete Essen für mich bestimmt war.

»Ich werde es veranlassen«, entgegnete Nekaun. »Da wären wir.«

Er ging eine schmale Treppe hinauf und stieg durch ein Loch in der Decke. Sie traten in helles Sonnenlicht hinaus, auf das Dach eines Gebäudes. Sie hatte auf vielen Dächern des Sanktuariums Sitzplätze und eingetopfte Bäume gesehen, was darauf schließen ließ, dass die Dächer ähnlichen Zwecken dienten wie die Innenhöfe.

In der Nähe eines weiteren Lochs im Dach standen vier Götterdiener, die Nekaun erwartungsvoll ansahen. Er sagte nur ein einziges Wort, und sie drehten sich um, um in die Öffnung hinabzublicken.

Aurayas Herz krampfte sich zusammen, als ein Siyee auf das Dach stieg. Er blinzelte heftig, während seine Augen sich an das Licht gewöhnten. Seine Handgelenke waren mit einem Seil gefesselt, was sehr unbequem sein musste, da die Fasern in die Membran seiner Flügel schnitten. Er drehte den Kopf hin und her, während er das Dach betrachtete, auf dem er stand. Als er Auraya neben Nekaun und Turaan entdeckte, hielt er inne.

Ich bin der Erste, dachte er glücklich. Dann überkam ihn eine Woge von Schuldgefühlen. Die anderen… ich möchte sie nicht zurücklassen… aber ich muss. Wenn ich es nicht tue, würde ich damit womöglich den Handel zunichtemachen, den Auraya geschlossen hat.

Ein Götterdiener durchschnitt seine Fesseln, und ein anderer hielt ihm einen Wasserschlauch und ein Päckchen mit Essen hin. Der Siyee beäugte beides voller Argwohn, dann verstaute er den Proviant in seinem Wams.

Schließlich sah er sie an, und seine Gedanken waren voller Dankbarkeit. Sie nickte ihm zu.

Flieg einfach, dachte sie.

Als die Götterdiener beiseitetraten, kehrte der Siyee ihnen den Rücken zu, rannte los, sprang von dem Gebäude und glitt davon.

Auraya stieß langsam den Atem aus, den sie angehalten hatte. Die geflügelte Gestalt entfernte sich schwebend vom Sanktuarium, umkreiste den Hügel und flog in Richtung Süden davon. Sie blickte dem Siyee nach, bis sie ihn nicht mehr sehen konnte.