Dann wandte Nekaun sich zu ihr um und lächelte. »Jetzt musst du deinen Teil des Handels einhalten, Zauberin Auraya, und ich habe dir viel zu zeigen.«
Jeden Tag wurde Kave abwechselnd von Regen und von Hitze heimgesucht, so dass die Luft zum Schneiden dick war. Gewaschene Kleider wollten nicht trocknen, und trockene Kleider waren feucht von Schweiß, sobald man sie überstreifte. Der Gestank des Unrats unter der Stadt überzog alles mit widerwärtiger Fäulnis. Stechende Insekten schwärmten in Wolken aus und zwangen die Bewohner der Stadt, in ihren Häusern zu bleiben. Deshalb sahen Mirar und Tintel, als sie zum Fluss hinuntergingen, nur wenige Menschen.
Tintel wischte sich mit einem nassen Tuch die Stirn ab und seufzte. »Ich liebe diese Jahreszeit«, bemerkte sie trocken.
»Wie lange hält dieses Wetter an?«, fragte er.
»Bis zu vier Wochen. Einmal waren es sechs. Jeder, der es sich leisten kann, verlässt Kave im Sommer. Selbst wenn die Menschen die Hitze ertragen können, wollen sie dem Sommerfieber ausweichen.«
Mirar dachte an die zunehmende Zahl von Kranken, die in das Hospital kamen. Die anderen Traumweber hatten ihm erklärt, dass dies ein jährliches Ereignis sei, und schon bald würde das ganze Traumweberhaus mit Betten für die Kranken gefüllt sein. Das Fieber war jedoch nur selten tödlich.
Einige hundert Schritte vom Flussufer entfernt endete die Bebauung abrupt. Über schmale Holztreppen gelangte man zu dem schlammigen Boden hinab, wo eine provisorische, aus Brettern gezimmerte Straße zum Wasser führte.
Mirar und Tintel blieben stehen. Sie konnten eine Barkasse erkennen, die an Pfähle gebunden war, und um die Barkasse herum standen etliche Götterdiener. Männer, die nur mit kurzen Hosen bekleidet waren, trugen Kisten und Truhen an Bord, und ihre nackten Oberkörper glänzten von Schweiß.
»Ich habe ein Abschiedsgeschenk für dich«, sagte Tintel.
Mirar wandte sich zu ihr um. »Du brauchst mir nichts…«
»Warte es ab«, erwiderte sie streng. »Du wirst dieses Geschenk brauchen.«
Sie öffnete den Beutel, der an ihrer Schulter hing, und nahm einen Tonkrug mit einem schmalen Hals heraus. Er war mit einem Wachsklumpen verschlossen, aus dem eine Schnur ragte. Tintel griff nach der Schnur und zog den Wachsstöpsel heraus.
»Streck die Hände aus.«
Mirar tat wie geheißen. Sie kippte die Flasche, und ein gelbliches Öl ergoss sich in seine Hand. Es roch angenehm würzig nach Kräutern.
»Reib dich damit ein«, wies Tintel ihn an und ließ etwas von dem Öl in ihre eigene Hand fließen. »Es hilft, die Insekten und das Sommerfieber fernzuhalten.«
»Also bringen die Insekten die Krankheit mit sich?«, fragte er, während er sich zuerst die Hände, dann das Gesicht mit dem Öl einrieb.
»Vielleicht.« Tintel zuckte die Achseln. »Vielleicht ist es nur eine günstige Nebenwirkung des Öls. Es hilft in jedem Fall, das Fieber zu senken.«
»Es ist überraschend erfrischend. Macht die Hitze ein wenig erträglicher.«
Sie stöpselte die Flasche zu, schob sie wieder in den Beutel und nahm dann eine kleine Holzschachtel heraus. Sie öffnete sie und zeigte ihm, dass sie voller Kerzen war.
»Die Kerzen sind mit den gleichen Extrakten versetzt. Benutze sie sparsam, und du wirst während der ganzen Reise bis zur Steilwand damit auskommen. Wir verkaufen in jedem Sommer sowohl Öl als auch Kerzen zu dem Preis, den wir für die Herstellung benötigen. Wir sind die Einzigen, die diese Dinge herstellen, obwohl wir das Rezept jedem geben, der es haben will.«
»Also könnte jemand, der auf Gewinn aus ist, nicht mit euch mithalten. Habt ihr jemals einen Mangel an Öl und Kerzen?«
»Ja.« Sie runzelte die Stirn. »Würdest du von uns wollen, dass wir mit einem Heilmittel Gewinn machen?«
»Wenn Menschen durch den Mangel an Öl zu Schaden kämen, dann ja. Die Gewinne könnten dem Traumweberhaus oder den Kranken zukommen.«
»Du hast keine Ahnung, welche Erleichterung es ist, dich das sagen zu hören.« Sie schloss die Schachtel, legte sie wieder zurück und reichte ihm dann den Beutel.
Er lächelte. »Stellst du mich auf die Probe, Tintel?«
Sie kicherte. »Möglich. Absicht und Wille können sich im Laufe vieler Jahre verändern. Einige Traumweber glauben, du hättest es verboten, Heilmittel zu verkaufen.«
»Es ist nicht…«
»Traumweber Mirar?«
Die Stimme war befehlsgewohnt und voller Zuversicht. Er drehte sich zu ihrer Besitzerin um, die soeben die letzten Stufen zur Plattform heraufkam.
»Vierte Stimme Genza«, erwiderte er und deutete dann auf Tintel. »Das ist Traumweberin Tintel, die das Traumweberhaus von Kave leitet.«
Genza nickte Tintel zu. »Ich muss mich dafür entschuldigen, dass ich euch euren Begründer und Führer abspenstig machte. Mir ist klar, dass sein Wissen und seine Fähigkeiten der Stadt zu dieser Jahreszeit von großem Nutzen wären.«
Tintel zuckte die Achseln. »Wir sind über Jahrhunderte hinweg jeden Sommer mit dem Fieber zurechtgekommen. Ich bin davon überzeugt, dass wir es auch ohne ihn schaffen werden.«
In Genzas Augen blitzte Erheiterung auf. »Ihr habt der Stadt tatsächlich in all dieser Zeit große Dienste geleistet. Kave verdankt euch viel.« Sie wandte ihre Aufmerksamkeit wieder Mirar zu. »Wir sind bald bereit für die Abreise.«
Er nickte und sah Tintel an. »Danke, dass du dir so viel Mühe mit mir gegeben hast. Ich hoffe, dass die sommerliche Hitze in Kave diesmal ein frühes Ende nimmt.«
Tintel neigte den Kopf. »Und ich hoffe, dass sich in Glymma alles zum Besten entwickeln wird. Ich nehme an, du wirst anschließend deine Entdeckungsreise durch Südithania fortsetzen. Ich freue mich darauf, dich wieder in Kave zu sehen, wenn auch vielleicht zu einer besseren Jahreszeit.«
»Ich würde die Stadt gern zu ihrer besten Zeit sehen«, erwiderte er.
»Vielleicht nächstes Mal.« Sie machte das alte Traumweberzeichen, indem sie Herz, Mund und Stirn berührte. »Leb wohl.«
Überrascht erwiderte er die Geste, dann drehte er sich zu Genza um, die ihn zur Treppe hinüberführte.
Während er ihr die Bretterstraße entlang zu der Barkasse folgte, dachte er an die Neuigkeiten, die er während einer Traumvernetzung in der letzten Nacht von den Zwillingen erfahren hatte.
Auraya ist in Glymma, hatten sie ihm erzählt. Als sie ihm von der Mission der Siyee und ihrem Fehlschlag berichtet hatten, war Mirar fassungslos darüber gewesen, dass die Weißen etwas so Törichtes hatten tun können. Es überraschte ihn nicht, dass der Angriff gescheitert war, obwohl er es besorgniserregend fand, dass die Pentadrianer offensichtlich vorgewarnt gewesen waren. Gab es in den Reihen der Siyee einen Spion? Unter den Vertrauten der Weißen konnte sich kein Spion befinden, sonst hätten die Auserwählten der Götter den Verrat in seinen Gedanken gelesen.
Es hatte ihn nicht erstaunt zu erfahren, dass Auraya Nekauns Angebot angenommen und sich bereiterklärt hatte, als Gegenleistung für die Freilassung der Siyee in Glymma zu bleiben. Ich frage mich, wie die Weißen zu dem Umstand stehen, dass sie einen Handel mit dem Feind geschlossen hat. Oder vielmehr, dass sie sich mit einer Erpressung dazu hat bringen lassen, dort zu bleiben.
Es waren noch achtundzwanzig gefangene Siyee übrig. Einer musste heute freigelassen worden sein. Tintels Beschreibung der Flussreise zu der Steilwand hatte er entnommen, dass drei Viertel der Siyee frei sein würden, bevor er ein Drittel der Strecke nach Glymma hinter sich gebracht hatte. Zu dieser Zeit des Jahres strömte der Fluss so träge dahin, dass Barkassen mit Staken oder Riemen bewegt werden mussten.
Also brauchen Tamun und Surim sich keine Sorgen zu machen. Die Zwillinge hatten befürchtet, dass Nekaun beabsichtige, Auraya und Mirar gegeneinander auszuspielen.
Jeder denkt, dass du und Auraya Todfeinde sind. Manche glauben, dass Nekaun sich erbieten werde, dich als Gegenleistung für Aurayas Unterstützung zu töten. Oder dass er anbieten wird, Auraya zu töten, um dich auf seine Seite zu ziehen.