Auraya wird sich nicht mit den Feinden der Weißen verbünden, hatte Mirar geantwortet, obwohl er sich nicht ganz sicher gewesen war, ob das der Wahrheit entsprach. Sie hatte schon zuvor eine Menge geopfert, um die Siyee zu retten.
Nur gut, dass sie nicht wissen, wie ihr beiden wirklich zueinander steht, wie?, hatte Surim gesagt. Sie müssten nur entscheiden, welchen von euch sie einkerkern und welchen sie erpressen wollen.
Erpressung wird bei ihr nicht funktionieren, hatte Mirar den Zwillingen ins Gedächtnis gerufen.
Ah, aber bei dir würde sie eindeutig funktionieren.
Surim hatte recht, aber Mirar hatte sich mit zwei Tatsachen getröstet: Er würde es niemals rechtzeitig bis nach Glymma schaffen, und es bedurfte großer Magie, um jemanden, der so mächtig war wie Auraya, einzukerkern. Es würde eine oder mehrere Stimmen Tag und Nacht beschäftigen, so dass sie im Falle eines Angriffs der Weißen mehr Mühe haben würden, sich zu verteidigen.
Er und Genza hatten inzwischen die Barkasse erreicht. Sie geleitete ihn an Bord und zeigte ihm die Kajüte, die für ihn vorbereitet worden war. Sie war winzig, aber sauber.
Die Seeleute lösten die Seile von den Pfählen und stießen das Boot mit Staken in den Fluss hinaus. Mit ihrem flachen Rumpf schaukelte die Barkasse schwerfällig hin und her. Genza ging zum Bug, dann drehte sie sich um und sagte etwas zu der Mannschaft, die daraufhin die Staken wieder einzog.
Dann machte Mirar unwillkürlich einen Schritt rückwärts, als das Boot sich durch den Fluss pflügte und zu beiden Seiten Wellen aufpeitschte. Sein Magen krampfte sich zusammen, während ihm das Herz gleichzeitig leichter wurde.
Sieht so aus, als bestünde doch eine gute Chance, dass ich es rechtzeitig nach Glymma schaffen werde, um Auraya zu sehen.
26
Auraya war durch Flure gegangen, die in kunstvollen Mustern gefliest waren, sie hatte Räume mit Teppichen in üppigen Farben gesehen und war durch Innenhöfe geschlendert, die durch elegante Springbrunnen und exotische Pflanzen gekühlt wurden. Man hatte ihr kunstvoll zubereitete Speisen in getöpfertem Geschirr und Glasschalen von höchster Qualität serviert, und sie hatte mit goldenem Besteck gegessen. Sie hatte fremdartige, wunderschöne Musik gehört und Skulpturen und Kunstwerke bewundert, deren erheiterndstes eine Karte von ganz Ithania gewesen war. Die Karte war aus winzigen Glaskacheln gemacht, die die Elai als goldhaarige Mädchen mit Fischschwänzen zeigten und die Siyee als Menschen mit gefiederten Flügeln, die ihnen aus dem Rücken sprossen.
Nekaun tat sein Bestes, sie zu beeindrucken.
Obwohl sie sich nicht sicher war, ob dies sein wahres Ziel war, machte er kein Geheimnis daraus, dass er beabsichtigte, sie auf seine Seite zu ziehen. Die Möglichkeit, dass er glauben könnte, sie würde sich von den zirklischen Göttern abwenden und mit den Pentadrianern verbünden, war so lächerlich, dass sie sie zuerst einfach abgetan hatte. Aber eines wurde ihr bald klar: Er musste die Möglichkeit erwägen, dass sie die Weißen wegen eines Konflikts verlassen und sich vielleicht sogar von ihren Göttern abgewandt hatte. Sie würde vielleicht die Seiten wechseln, wenn sie Rache wollte oder eine Rückkehr an die Macht oder wenn ihr die Glaubenswelt der Pentadrianer einfach mehr zusagte.
Wenn sie zu erkennen gab, dass sie unerschütterlich in ihren Überzeugungen war, würde er aufgeben. Aber je eher er das Gefühl hatte, sie für sich gewonnen zu haben, umso eher würde er aufhören, es zu versuchen. In den Höhlen unter dem Sanktuarium waren noch immer siebenundzwanzig Siyee eingekerkert, daher musste sie dieses Spiel noch für weitere achtundzwanzig Tage aufrechterhalten.
Ich muss beeindruckt wirken, aber nicht allzu interessiert. Er muss Widerstand spüren, der jedoch nicht unüberwindlich wirken darf, sagte sie sich. Ich sollte gelegentlich einen Augenblick der Schwäche vortäuschen, um seine Hoffnung zu schüren, dass er mich am Ende doch für seine Sache würde gewinnen können.
Nekaun führte sie einen breiten Flur hinunter, der anscheinend das Untere Sanktuarium mit dem Oberen Sanktuarium verband.
»Ist es wahr, dass die Weißen in Räumen leben, die ebenso schlicht und klein sind wie die ihrer Priester?«, fragte er, und sein allgegenwärtiger Gefährte, Turaan, wiederholte seine Worte auf Hanianisch.
»Schlicht, ja«, antwortete sie. »Klein, nein.«
Es kostete sie ständige Konzentration, nicht zu offenbaren, dass sie Gedanken lesen konnte. Je eher sie ein wenig von der Sprache der Einheimischen lernte, umso besser. Irgendjemand hatte ihr genau das geraten. In Gedanken hörte sie eine vertraute Stimme.
»Du kannst nie wissen, wann dir eine gewisse Kenntnis der einheimischen Sprache einmal von Nutzen sein kann. Vielleicht können diese Kenntnisse dir sogar das Leben retten.«
Danjin hatte das gesagt. Eine leichte Traurigkeit regte sich in ihr. Sie hatte ihn so lange nicht mehr gesehen, und sie vermisste seine Verlässlichkeit und seine Freundschaft.
»Du hast im Weißen Turm gelebt, nicht wahr?«, fragte Nekaun.
»Ja.«
»Leben alle Priester des Tempels im Turm?«
Sie sah ihn zweifelnd an. »Ich habe mich nur bereiterklärt hierzubleiben; es war nicht die Rede davon, dass ich dir Informationen über deine Feinde liefern soll.«
Sein Lächeln wurde breiter. »Verzeih mir. Ich hatte nicht die Absicht, dich auszunutzen. Es interessiert mich einfach. Hier…« Er deutete auf eine schmale Öffnung in der Wand. »Hier ist ein Ort, der uns sehr teuer ist. Der Sternensaal.«
Von Turaan kam eine plötzliche nervöse Erregung, und sie las aus seinen Gedanken, dass dies der wichtigste Huldigungsort der Pentadrianer war. Eine Art Altar. Als Nekaun durch die Öffnung trat, zögerte Auraya. Wie gefährlich konnte der Altar der feindlichen Götter sein? Konnten sie ihr dort etwas antun, dessen sie außerhalb des Altars nicht mächtig waren?
Nekaun hat bei diesen Göttern geschworen, dass mir nichts zustoßen würde, rief sie sich ins Gedächtnis. Und ich habe mich bereiterklärt, zu bleiben und mich herumführen zu lassen. Wenn einer von uns sein Wort bricht, werde ich nicht die Erste sein.
Sie holte tief Luft und folgte Nekaun in einen großen Raum. Die Wände, der Flur und die Decke waren schwarz. Die Wände standen außerdem in merkwürdigen Winkeln zueinander. Sie bemerkte, dass es fünf Wände waren; der Raum war ein Pentagon. Nekaun stand in der Mitte zwischen in den Boden eingelassenen, silbernen Linien. Ein kalter Schauer überlief sie, als ihr klar wurde, dass sie einen riesigen Stern formten.
Sie blickte zu Nekaun auf. »Willst du mich jetzt deinen Göttern vorstellen?«, fragte sie, erfreut zu hören, dass ihre Stimme gelassen klang.
Sein Lächeln, das sonst so bestrickend war, wirkte jetzt seltsam schief. »Nein. Die Götter entscheiden, wann sie erscheinen, nicht ich. Sie sprechen nicht oft zu uns und geben uns nur selten Anweisungen. Wir wissen die Freiheit zu schätzen, uns selbst zu regieren, und sie vertrauen darauf, dass wir unsere Sache gut machen.«
»Wenn sie niemals erscheinen, müssen einige deiner Landsleute daraus den Schluss ziehen, dass sie nicht existieren.«
Er lachte leise. »Ich habe nicht gesagt, dass sie niemals erscheinen. Du glaubst nicht, dass sie real sind, nicht wahr?«
»Ich weiß, dass zumindest einer von ihnen real ist«, erwiderte sie. »Weil ich ihn während des Krieges gesehen habe.«
Er blinzelte überrascht. »Du hast einen unserer Götter gesehen?«
»Sheyr, glaube ich.«
»Er ist nur das eine Mal erschienen.« Er kniff die Augen zusammen. »Du warst dort?«
»Ja. Als deine Leute aus den Minen kamen. Auf diese Weise haben wir erfahren, dass wir vom Pass abziehen und euch dort entgegentreten mussten.«