Fruchtbarkeit und Liebe. Kein allzu großer Unterschied. Und beide Seiten haben ihren Kriegsgott. Das sind wahrscheinlich die Dinge, um die die Menschen am ehesten beten. Gib mir einen Geliebten, schütze meinen Geliebten, gib mir Kinder, mach mich wohlhabend, lass mich nicht sterben…
Was den Rest der Götter betraf, schienen die Pentadrianer im Vorteil zu sein, ging es Emerahl durch den Kopf. Ein Gott des Wohlstands musste nützlicher sein als Saru, der ehemalige Gott des Glücksspiels - oder nützlicher sogar als ein Gott der Könige. Aber der südliche Kontinent hätte eine Göttin der Frauen gut gebrauchen können, wenn die Abneigung gegen ihr Geschlecht bei der gewöhnlichen Bevölkerung ebenso groß war wie bei diesen Denkern.
Barmonia stand auf und gähnte laut. »Wir fangen morgen in aller Frühe an«, warnte er. »Also, bleibt nicht zu lange auf.«
Als er zu den Zelten hinüberstolzierte, erhoben sich die anderen Männer wie gehorsame, aber widerstrebende Kinder. Emerahl ertappte Ray, dass er sie anlächelte.
»Würdest du mir die Ehre erweisen, dich zu deinem Zelt begleiten zu dürfen?«, fragte er.
Sie lachte leise. »Ich wäre diejenige, die sich geehrt fühlen würde«, antwortete sie mit der gleichen gespielten Förmlichkeit.
Kereon blickte zu ihnen hinüber und verdrehte die Augen, sagte jedoch nichts. Yathyir starrte sie an, und das leidenschaftliche Leuchten in seinen Augen und die Eifersucht des Heranwachsenden, die sie spürte, machten seinen Verdacht, was Rays Beweggründe betraf, überdeutlich.
Von Raynora fing sie erwartungsvolle Vorfreude auf. Es überraschte sie nicht. Männer nutzten jede Gelegenheit, die sich ihnen bot, und gingen häufig davon aus, dass Frauen, die eine andere Lebensform gewählt hatten als die einer pflichtschuldigen Ehefrau, dies taten, um sich Liebhaber zu nehmen, wann immer ihnen der Sinn danach stand.
Nicht dass das auf Emerahl nicht zugetroffen hätte.
Das Zelt war nicht weit entfernt, aber um dorthin zu gelangen, musste man über mehrere Seile steigen. Ray hielt sich dicht an ihrer Seite, bereit, ihr zu helfen, sollte sie stolpern, und als sie ohne jedes Missgeschick ihr Ziel erreichte, spürte sie Enttäuschung von ihm. Sie wandte sich zu ihm um.
»Du bist sehr schön«, sagte er leise.
Sie hätte um ein Haar laut aufgelacht. Er betrachtete sie, als sei er voller Ehrfurcht, aber sie konnte spüren, dass hinter seinem Verhalten hauptsächlich Begehren steckte.
Trotzdem, er war charmant und gutaussehend. Es könnte seine Vorteile haben, wenn sie ihn in ihr Bett ließ. Außerdem war er der erste Mann, der Interesse zeigte, seit Mirar …
… und daraus ist auch nichts geworden.
Bei dem Gedanken stiegen leichte Schuldgefühle in ihr auf. Es war ungerecht. Er hatte damals unter Leiards Kontrolle gestanden.
Dann fiel ihr plötzlich eine Szene in der Höhle in Si ein, als Leiard sie mit Mirars Augen angesehen hatte.
»… die Sache mit dem Bordell war notwendig… aber ich frage mich, ob du nicht unbewusst die gleiche Art von Bestätigung suchst, um die es auch Mirar zu tun ist. Du suchst die Bestätigung, dass du ein körperliches Wesen bist und kein Gott…«
Sie rückte ein Stück von Ray ab. Die Vorstellung, mit ihm zu schlafen, hatte plötzlich keinen Reiz mehr für sie. Die anderen Denker würden das vielleicht als Beweis dafür nehmen, dass ihre Vorurteile in Bezug auf fremdländische Frauen zutreffend waren - nicht dass sie sie mit einem Mal mit Respekt betrachtet hätten, wenn sie keusch blieb.
»Gute Nacht, Ray«, sagte sie. »Ich bin müde. Wir sehen uns dann morgen früh.«
Sie trat ins Zelt und zog die Türlaschen entschieden hinter sich zu. Zuerst kamen nur Überraschung und Enttäuschung von ihm, dann Erheiterung und Entschiedenheit. Kurz darauf hörte sie ihn davongehen und stieß einen Seufzer der Erleichterung aus. Sie zog Magie in sich hinein und legte eine Barriere über den Eingang.
Ich werde ihn wohl einige Male abweisen müssen, bevor er aufgibt, sagte sie sich. Dann betrachtete sie die schmale, mit einer dünnen Matratze belegte Bank, die als Bett diente, und zuckte die Achseln. Nun, es ist besser als die Planken eines Bootes, und ich möchte ohnehin nicht allzu schnell einschlafen.
Sie legte sich nieder, schloss die Augen und entspannte sich. Langsam begannen ihre Gedanken zu wandern. Schon bald hatte sie jedes Zeitgefühl verloren.
Emerahl.
Die Doppelstimme der Zwillinge war wie ein flüsterndes Echo in ihrem Geist.
Surim. Tamun.
Es war klug von dir, deinen Bewunderer abzuweisen, bemerkte Tamun.
Oh? Warum?
Surim hätte das viel zu interessant gefunden.
Eine Woge der Erleichterung stieg in Emerahl auf. Sie hatte nicht bedacht, dass die Zwillinge durch die Augen Raynoras ihre Schlafzimmermätzchen beobachten könnten. Die Vorstellung war beunruhigend.
Du hättest mir doch nicht zugesehen, oder, Surim?
Ich hätte es tun müssen, für den Fall, dass dir etwas zugestoßen wäre. Ich hätte es ausschließlich zu deinem eigenen Schutz getan.
Ich verstehe. Und wenn tatsächlich etwas passiert wäre, was hättest du tun können, um mich zu beschützen?
Er antwortete nicht.
Wir haben die wahre Quelle des Geldes entdeckt, das man Raynora für die Schriftrolle angeboten hat, sagte Tamun. Es kommt von den Stimmen. Sie oder ihre Götter müssen gewusst haben, dass die Denker nach der Schriftrolle suchen, und das hat ihnen nicht gefallen.
Was unseren Argwohn bestätigt, dass die Schriftrolle etwas enthält, von dem eine Gefahr für die Götter ausgeht, ergänzte Surim.
Könnte ich Ray mit einer Bestechung dazu bringen, sie mir zu geben?, fragte Emerahl.
Nein. Damit würdest du das Risiko eingehen, ihm dein Wissen über seine Mission zu offenbaren. Seine Götter könnten ihn beobachten.
Wenn sie das tun, werden sie mich bereits mit Argwohn betrachten, da sie meine Gedanken nicht lesen können.
Das ist wahr. Wahrscheinlich dulden sie deine Beteiligung an dem Ganzen nur, weil Ray die Schriftrolle mit deiner Hilfe schneller stehlen kann.
Wie kann ich ihn aufhalten?
Das ist einfach. Stiehl sie selbst.
Ich soll die Schriftrolle von den Denkern stehlen, den klügsten Menschen in ganz Südithania, während ihre Götter zusehen? Emerahl lachte erheitert. Nun, das dürfte eine Aufgabe für mich sein.
27
Nachdem Ton keuchend und schwitzend die Kuppe des Hügels erreicht hatte, blieb er stehen, um Atem zu schöpfen. Als er aufblickte, vergaß er seine Müdigkeit und riss voller Ehrfurcht die Augen auf. Das Land vor ihm wellte sich zu sanften Hügeln, die abrupt dort endeten, wo sich eine im Licht der tiefstehenden Sonne glänzende Fläche erstreckte, so weit das Auge reichte, bis sie schließlich mit dem Himmel verschmolz.
Das Meer, dachte er. So sieht es also aus.
Das Wasser schimmerte wie teurer Stoff oder wie ein gewaltiges, gekräuseltes Blatt aus Gold. Plötzlich wurde ihm klar, dass der eigenartige Geruch in der Luft vom Salz kam.
Ich muss mich der Zuflucht langsam nähern… Es sei denn, sie läge auf der anderen Seite des Meeres. Er ließ den Blick über die Hügel vor ihm wandern, und sein ganzer Körper zitterte vor Erregung und Erschöpfung. Er hatte das Gefühl, als sei er eine Ewigkeit gelaufen. Das Leben, das er hinter sich gelassen hatte, erschien ihm wie ein Traum. Ein böser Traum.
In der Nähe der Küste erhoben sich die winzigen Umrisse ungezählter Häuser. Ein dünner Faden schlängelte sich zwischen ihnen hindurch: ein Fluss. Er konnte Rauch ausmachen, der in der staubigen Luft aufstieg. War das die Zuflucht, von der Chemalya ihm erzählt hatte?