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Es gibt nur eine Möglichkeit, das herauszufinden. Er zwang sich, seinen Weg fortzusetzen. Zumindest geht es von jetzt an hügelabwärts.

Während die Stunden verstrichen, lenkte er sich mit Gedanken an seine Frau Gli und ihre beiden Söhne ab. Es würde ihnen hier gefallen. Seine Söhne hatten das Meer noch nie gesehen. Er musste segeln lernen, um mit ihnen hinauszufahren. Vielleicht würden sie Fischer werden. Oder Bauern. Es würde harte Arbeit sein, aber in jedem Fall besser als eine Existenz, in der man wie ein Sklave behandelt wurde. Nicht dass Ton so gelitten hatte wie Gli in ihrer Jugend. Sie beide hassten Gim und seinen Clan. All dieses Gerede von Ehre und Stolz. Ihm war noch nie ein Krieger begegnet, der auch nur einen einzigen anständigen Gedanken im Kopf gehabt hätte. Je eher Ton seine Familie von dort wegbrachte, desto besser.

Mit Einbruch der Nacht wurde seine Stimmung düsterer. Er rastete am Straßenrand, bis der Mond aufging und er seinen Weg in seinem Licht fortsetzen konnte. Gerade als er sich zu fragen begann, ob die Straße gar nicht zu dem Dorf hinführte, bemerkte er Lichter in der Ferne. Sein Magen flatterte vor Aufregung, und der Hunger, der tagelang an ihm genagt hatte, regte sich mit Macht.

Aber als er das erste Haus erreichte, überkam ihn ein mächtiges Widerstreben, Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen oder die Dorfbewohner zu stören. Er verlangsamte seine Schritte und trottete leise weiter. Zuerst lagen die Häuser weit voneinander entfernt, aber schon bald wurde die Besiedlung dichter, bis ein Gebäude neben dem anderen stand. Aus einer Tür ein Stück vor ihm erschien ein Mann. Als er auf Ton zukam, runzelte er die Stirn und sah ihn unfreundlich an. Aber dann breitete sich plötzlich ein Lächeln auf seinen Zügen aus.

»Du bist ein Neuankömmling, wie? Sie werden schon auf dich warten. Das große Schankhaus ein paar Türen weiter unten auf der rechten Seite.«

Ton murmelte einige Worte des Dankes und eilte weiter. Er hätte das Schankhaus nicht übersehen können. Aus den Fenstern und der Tür drangen Licht und der Lärm vieler Stimmen. Ein hochgewachsener, schlaksiger Mann, der draußen auf einer Bank saß, lächelte, als er Ton sah, und stand auf.

»Ich bin Warwel. Und wer bist du?«, fragte er.

»Ton.«

»Ah. Willkommen in Dram. Komm herein. Du musst müde sein. Und hungrig.«

»Sehr«, gestand Ton.

Der Mann legte Ton eine Hand auf die Schulter und schob ihn durch die Tür. Es dauerte ein wenig, bis Tons Augen sich an das helle Lampenlicht gewöhnt hatten, aber die Pause im Gespräch entging ihm nicht. Er blickte sich um und sah, dass der Raum voller Männer und Frauen war. Einige betrachteten ihn mit einem freundlichen Lächeln, andere mit Neugier und einige wenige mit Argwohn.

»Das ist Ton«, erklärte Warwel laut. »Ein Neuankömmling aus…?« Er sah Ton an.

»Chon«, sagte Ton leise.

»Aus Chon«, donnerte Warwel. »Ton aus Chon. Er hat eine lange Reise hinter sich.«

Ein Murmeln ging durch den Raum, als die Gäste der Schankstube ihn begrüßten. Warwel deutete auf eine Frau. »Kit, würdest du ihm etwas zu essen bringen?« Bei der höflichen Bitte und angesichts der würdevollen Kleidung der Frau ging Ton das Herz auf. Die Frau musste eine Dienerin sein, sonst hätte Warwel sie nicht gebeten, etwas zu holen, und doch hatte er sie nicht wie eine Sklavin behandelt.

Vielleicht ist es wahr, was der Gewürzhändler gesagt hat. Natürlich ist es wahr. Ich hätte meine Familie nicht verlassen und eine so weite Reise gemacht, wenn ich ihm nicht geglaubt hätte.

Trotzdem war es eine solche Erleichterung zu wissen, dass er nicht getäuscht worden war.

Warwel führte Ton zu einer Bank an einem großen Tisch, an dem bereits mehrere andere Personen saßen. Sie tranken, aber keiner von ihnen wirkte betrunken.

»Chem hat mir von dir erzählt«, bemerkte Warwel.

Ton blinzelte ihn verwirrt an. »Ach ja? Ich dachte, er wüsste nicht, wo du zu finden bist?«

Warwel tippte sich an die Stirn. »Wir setzen uns in Gedanken in Verbindung. Ich brauche ihm nicht mitzuteilen, wo ich bin.«

»Oh.« Magie. Ton musterte die anderen Gäste. Sie hatten große Ähnlichkeit mit Chem. Oder anders gesagt, Chem hatte große Ähnlichkeit mit ihnen. In dem Moment, als ihm die Wahrheit dämmerte, wurden eine große Schale Suppe und ein Teller mit Brot vor ihn hingestellt.

Sie sind alle Pentadrianer, ging es ihm durch den Kopf. Er blickte auf die Suppe hinab, und sein Magen knurrte. Der Feind. Eine Art Löffel lag in der Schale. Er griff danach. Wenn ich mich ihnen anschließe, werde ich zum Verräter an meinem Land. Es war ein Schöpflöffel, und darin lag ein Stück Fleisch. Er starrte es ungläubig an. Fleisch! Aber die Krieger werden mich und meine Familie töten, wenn sie es herausfinden. Als er den Schöpflöffel losließ, versank das Fleisch in der Suppe. Er blickte zu Warwel auf.

»Meine Familie…«, begann er und suchte dann nach den richtigen Worten, um zu erklären, was er meinte.

»Wir werden alle Anstrengungen unternehmen, um sie hierherzuholen«, versicherte ihm Warwel. »Obwohl ich ehrlich sein muss: Jetzt, da die Clans nach Spionen Ausschau halten, wird es schwieriger werden.«

Ton nickte. »Ist Chem…?«

»Du willst wissen, ob er noch lebt? Ja, anscheinend hat ihn bisher niemand bemerkt.«

Dann bestand noch eine Chance. Ton griff nach dem Schöpflöffel und führte ihn an die Lippen. Die Suppe war heiß und würzig, und sie roch wie Chems Laden. Das Fleisch war zart und genauso köstlich, wie er es immer vermutet hatte. Warum sonst hätten die Krieger alles Fleisch für sich beanspruchen sollen? Er aß, bis sowohl das Brot als auch die Suppe verzehrt waren, dann wandte er sich zu Warwel um.

»Also, wie kann ich zu eurem Glauben übertreten?«

Der Mann blinzelte überrascht, dann lachte er. »Das brauchst du nicht zu tun, Ton. Aber wenn du willst, werden wir dir alles über die Fünf beibringen.« Er zögerte. »Du würdest dich so leicht vom Zirkel abwenden?«

Ton zuckte die Achseln. »Was hat Lore je für mich oder meine Familie getan? Er kümmert sich nur um Krieger.«

»Und die anderen Götter?«

»Auch von denen hat mir keiner je etwas Gutes getan.« Ton gähnte. Die Erschöpfung, die Wärme im Raum und das Essen machten ihn schläfrig. Gli hatte ihn immer bezichtigt, übereilte Entscheidungen zu treffen, wenn er müde war. Er runzelte die Stirn. »Ich sollte wohl warten, bis Gli herkommt, aber in der Zwischenzeit kann es nichts schaden, mehr über eure Götter zu erfahren.«

Warwel lächelte breit. »Dann werden wir dich unterrichten. Aber fürs Erste denke ich, dass du dich vor allem einmal ausschlafen musst. Komm mit mir, dann werde ich zusehen, dass man dir ein Bett gibt.«

Der freigelassene Siyee war jetzt nur noch ein Tupfen am nebligen Morgenhimmel. Aus den Augenwinkeln sah Auraya, wie Nekaun die Arme sinken ließ, und sie wusste, dass das Spiel nun von neuem beginnen würde.

»Ich dachte, wir könnten heute zusammen die Stadt erkunden«, bemerkte er leichthin. »Ich würde dich gern mit meinem Volk bekannt machen.«

Sein Volk, überlegte sie. Als sei er der alleinige Herrscher dieses Kontinents. Ich frage mich, wie die anderen Stimmen das finden mögen.

»Das wäre interessant«, antwortete sie. »Ich habe inzwischen sicher alles im Sanktuarium gesehen und jeden kennengelernt - bis auf die anderen Stimmen natürlich.«

»Sie können es kaum erwarten, dir vorgestellt zu werden«, erwiderte er.

Sie lächelte dünn. »Das bezweifle ich.«

Er kicherte. »Du darfst nicht vergessen, dass sie dir im Gegensatz zu mir einmal auf dem Schlachtfeld gegenübergestanden haben. Möglicherweise hast du sie damals ziemlich eingeschüchtert.«