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»Tut es dir wirklich leid? Oder diente dieser Ausflug dazu, mir zu zeigen, welche Auswirkungen meine angeblichen Verbrechen haben?«

»Nein. Ich hatte mit etwas Derartigem nicht gerechnet«, sagte er. »Ich vergesse manchmal, dass es den meisten Menschen schwerer fällt als mir zu verzeihen.«

»Dann warst du nicht im Krieg?«

»O doch.« Er wandte sich zu ihr um, und alle Zeichen von Schwäche waren verschwunden.

»Dann wirst du ihren Zorn gewiss verstehen«, sagte sie. »Es ist niemals einfach, jemandem zu vergeben, dass er Verwandte und Freunde getötet hat, und ihnen bleibt nichts anderes übrig, als zu glauben, euer Angriff gegen Nordithania sei gerechtfertigt gewesen, denn sonst würden sie das Vertrauen in ihre Götter und ihre Anführer verlieren. So geben sie dem Volk die Schuld, das sie angegriffen haben.«

»Dein Volk ist dieses Verbrechens jetzt ebenfalls schuldig«, rief er ihr ins Gedächtnis. »Es ist erheiternd zu hören, wie du uns tadelst, obwohl du selbst jene begleitet hast, die uns überfallen haben.«

»Der Angriff der Siyee auf die Vögel?« Sie schüttelte den Kopf. »Das war keine Invasion, sondern ein törichter Racheakt für die Taten deines Volkes in Jarime.« Veranlasst von Huan, fügte sie im Stillen hinzu.

»Interessant, dass du das denkst«, sagte er.

»Was sonst sollte es sein? Eure Abwehrmaßnahmen müssen wahrhaftig schwach sein, wenn etwa dreißig Siyee eine Bedrohung für Südithania darstellen können.«

»Dreiunddreißig Siyee und eine Zauberin«, korrigierte er sie. »Ah, aber deine Götter haben dir verboten, an Kampfhandlungen teilzunehmen, nicht wahr? Wie eigenartig.«

Sie zuckte die Achseln.

Er lächelte. »Ich vermute, deine Götter hatten andere Gründe, dich hierherzuschicken. Das Problem ist, ich komme nicht dahinter, um was es sich dabei handelt. Abgesehen davon vielleicht, dass du ein Spion bist.«

»Warum hast du mich dann durch deine Stadt geführt?«

»Weil ich weiß, dass du hier keine großen Geheimnisse oder Schwächen entdecken wirst. Wir planen keine weitere Invasion Nordithanias. Was den Frieden zwischen unseren Völkern betrifft, ist es mir ernst.«

Sie sah Nekaun an. »Aber ich habe hier durchaus eine Schwäche gefunden. Du verstehst dein eigenes Volk nicht wirklich. Du magst ihre Gedanken lesen, aber du willst nicht akzeptieren, dass inzwischen zu viel Hass zwischen unseren Völkern ist, als dass ein Friede so leicht zu bewerkstelligen wäre. Beide Seiten werden sich jedem Versuch widersetzen, sich mit jenen zu verbinden, die ihre Freunde und Verwandten getötet haben. Sie sinnen auf Rache, und wenn sie sie bekommen, wird die jeweils andere Seite Vergeltung üben. Es könnte so weitergehen, Jahr um Jahr, Jahrhundert um Jahrhundert. Warum? Weil deine Götter dein Volk gedrängt haben, meins zu überfallen.«

Er musterte sie, dann breitete sich langsam ein Lächeln auf seinen Zügen aus. »Ah, aber hast du dich jemals gefragt, warum sie das getan haben?«, hakte er nach. »Weil deine Götter nur die Anhänger des Zirkels dulden. Haben die Völker der Welt nicht die Freiheit verdient zu huldigen, wem sie wollen?«

Die Sänfte näherte sich jetzt der Treppe des Sanktuariums. Auraya hielt Nekauns Blick stand. »Vielleicht haben sie es verdient, aber wenn deine Götter glaubten, eine Invasion Nordithanias würde die Sterblichen von der Intoleranz der Zirkler befreien, haben sie einen ungeheuren Fehler gemacht. Sie haben lediglich dafür gesorgt, dass viele Menschen starben, Zirkler wie Pentadrianer gleichermaßen, und dass auch in Zukunft noch viele sterben werden.«

Die Sänfte hielt an. Nekaun gab keine Befehle, sondern erwog stattdessen ihre Worte.

»Darauf gibt es zwei Antworten. Erstens, dass die Entscheidung nicht die der Götter war, da sie uns dergleichen Dinge überlassen. Zweitens, dass wir niemals Frieden finden werden, wenn wir uns nicht darum bemühen. Es mag viel Zeit und Anstrengung kosten.« Er lächelte. »Im Gegensatz zu dir habe ich alle Zeit der Welt.«

Seit ihrer Ankündigung, dass der Diener sein Ziel erreicht habe, und ihrem Befehl an Yem, Gillen und Danjin, wieder in den Plattan zu steigen, war Ella mit ihren Gedanken an einem weit entfernten Ort. Die Männer sprachen jetzt mit gedämpfter Stimme, um sie nicht abzulenken. Als Gillen ein Spiel gewann, machten seine komischen, erstickten Laute und seine triumphierenden Gesten Danjins Verlust einer Münze weit weniger schmerzlich.

Es half Danjin, dass er aus Spielen mit Gillen nur selten als Verlierer hervorging. Yem dagegen war überraschend geschickt in dem Spiel. Glücklicherweise verachtete Yem Wetten und Glücksspiel geradeso sehr, wie Gillen sie liebte. Wenn er an ihn verlor, kostete das Danjin nur ein wenig Stolz.

Gillen hatte das Spielbrett und die Figuren jetzt beiseitegeräumt und saß mit geschlossenen Augen da. Langsam kippte der Kopf des Mannes zur Seite, und sein Mund öffnete sich. Leises Schnarchen erfüllte den Wagen.

Yem schien nichts davon zu bemerken. Er saß mit der entspannten Haltung eines jüngeren Mannes da, die Augen fast geschlossen und den Blick ins Leere gerichtet. Wann immer das Gespräch verebbte, verfiel er in diesen meditativen Zustand, und es hätte Danjin nicht überrascht herauszufinden, dass dies eine Fähigkeit war, die man allen Kriegern beibrachte. Wann immer ein lautes Geräusch erklang oder jemand sprach, öffnete Yem die Augen und war auf der Stelle hellwach.

Diese Fähigkeit könnte ich ebenfalls gebrauchen, überlegte Danjin.

Er wandte sich zu Ella um und stellte zu seiner Überraschung fest, dass sie ihn musterte. Sie lächelte.

»Hast du viel herausfinden können?«, fragte er.

Sie nickte, dann sah sie Yem an, der sie jetzt erwartungsvoll beobachtete.

»Ich werde es euch erzählen«, sagte sie. »Danach müssen wir schlafen, so gut wir können. Wir werden bei Nacht reisen, um die Gefahr zu verringern, dass die Dorfbewohner von unserer Ankunft erfahren. Ein Plattan, der bei Nacht unterwegs ist, mag eine gewisse Neugier erregen, aber wenn wir tagsüber reisen, wird man uns mit Sicherheit bemerken.«

»Die Arems werden das nicht durchhalten«, warnte Yem sie.

»Dann werden wir weitere Tiere kaufen.«

Yem runzelte die Stirn, sagte jedoch nichts. Danjin hatte gesehen, wie der Krieger den Dienern half, die Tiere zu versorgen, und er hatte sogar gehört, wie er einem Arem beruhigende Worte ins Ohr murmelte, nachdem ein fernes Heulen aus dem Wald es erschreckt hatte. Nur wenige dunwegische Krieger besaßen Reynas, aber jene, die es taten, beteten die Tiere beinahe an. Danjin hatte zuvor noch nie gesehen, dass ein Krieger den langsamen, schwerfälligen Arems gegenüber auch nur die geringste Wertschätzung gezeigt hätte.

Danjin blickte zu Gillen auf, der immer noch schnarchte. Er tippte mit der Spitze seiner Sandale den Fuß des Mannes an. Er musste dies mehrmals wiederholen, bevor Gillen aufwachte.

»Was? Rasten wir jetzt?«, fragte Gillen blinzelnd.

»Nein. Ellareen wird uns mitteilen, was sie herausgefunden hat«, erwiderte Danjin.

Gillen rieb sich die Augen. »Oh.«

»Nimm dir einen Moment Zeit, um richtig wach zu werden«, sagte Ella sanft.

Der Botschafter schlug sich auf die Wangen. »Ich bin so weit. Erzähl nur.«

Ella lächelte und zuckte die Achseln. »Die Geschichte, die ich aus den Gedanken der Dorfbewohner zusammengesetzt habe, ist folgende: Vor fast einem Jahr ist in der Nähe eines Dorfes namens Dram ein pentadrianisches Schiff gesunken. Die Dorfbewohner haben von dem Schiff viele Menschen gerettet und in ihren Häusern willkommen geheißen. Die Überlebenden haben ihnen ihre Hilfe vergolten, indem sie auf den Feldern arbeiteten oder häusliche Pflichten versahen. Als sie den Wunsch äußerten zu bleiben, unterstützten die Dorfbewohner sie dabei, Häuser zu bauen und Arbeit zu finden, und das mit der Erlaubnis des Clans, dem dieses Land gehört.