»Warum nicht?«, fragte Imenja.
»Ein Ratgeber braucht nur klug und gebildet zu sein und gute Beziehungen zu haben. Ein Priester oder eine Priesterin muss über Gaben verfügen. Wenn wir unsere Ratgeber ausschließlich aus der Priesterschaft wählten, würden wir möglicherweise wertvolle Kandidaten aus unserem Dienst ausschließen.«
»Das ist wahr«, pflichtete Imenja ihr bei. »Und das ist auch der Grund, warum wir nicht mehr von all unseren Götterdienern verlangen, dass sie über Befähigungen verfügen.«
Bitte, verrate ihr nicht, dass ich nicht über Magie gebiete, dachte Reivan und sah Imenja dabei an. Es wäre mir lieber, wenn eine ehemalige Weiße das nicht wüsste.
»Die meisten unserer Götterdiener verfügen über Befähigungen«, ergänzte Nekaun. »Die wenigen Ausnahmen besitzen herausragende Talente, die ihren Mangel an magischer Stärke mehr als wettmachen.«
»Habt ihr eine Gruppe, die den Denkern ähnelt?«, wollte Imenja wissen.
Auraya schüttelte den Kopf. »Es gibt wohlhabende, gebildete Männer und Frauen, die zum Vergnügen oder zu Zwecken des Handels akademischen Tätigkeiten nachgehen, aber soweit ich weiß, haben sie sich nie zu einer Gruppe zusammengeschlossen. Was haben eure Denker denn in letzter Zeit herausgefunden oder entwickelt?«
Nekaun beschrieb mehrere Konstruktionen, die die Denker entworfen hatten. Einige Diener brachten die ersten Speisen herein, und das Gespräch wandte sich anderen Themen zu, wobei es gelegentlich ins Stocken geriet, da Turaan immer wieder übersetzen musste. Er trank zwar eine Menge Wasser, aber seine Stimme wurde im Laufe des Abends heiser. Reivan brauchte kaum etwas zu sagen. Stattdessen konzentrierte sie sich darauf, alles in sich aufzunehmen, was Auraya betraf.
Nachdem der letzte Gang abgeräumt worden war, beugte Imenja sich vor. »Also, welchen Eindruck hast du bisher vom Sanktuarium und von Glymma gewonnen?«
Auraya lächelte. »Das Sanktuarium ist so schön wie ein Palast. Glymma ist offensichtlich mit Bedacht und gesundem Menschenverstand geplant und erbaut worden. Besonders beeindruckt bin ich von euren Aquädukten und den müllfreien Straßen.«
»Und von den Bewohnern der Stadt?«
»Sie sind nicht besser oder schlechter als die in den Städten des Nordens.«
Imenja lächelte. »Nicht schlechter?«
»Nein.«
»Ich hätte gedacht, dass wir einen Vorzug gegenüber den Menschen im Norden hätten.«
»Und der wäre?«
»Wir begegnen Traumwebern oder jenen, die toten Göttern folgen, nicht mit Verachtung, und wir misshandeln sie nicht.«
Auraya nickte. »Das ist wahr. Aber mein Volk verzichtet darauf, andere Länder zu überfallen. Ich denke, das ist ein Punkt zu unseren Gunsten, der euren Vorzug bei weitem überwiegt.« Sie hielt inne, um Imenja anzusehen, dann zuckte sie die Achseln und wandte sich zu Nekaun um. »Und die Einstellung den Traumwebern gegenüber verändert sich langsam zum Besseren, dank der Weißen.«
Imenja zog die Augenbrauen hoch. »Dank der Weißen? Haben sie nicht erst kürzlich Mirar aus Nordithania vertrieben?«
Aurayas Augen weiteten sich, dann wurden sie wieder schmal. »Das war nicht ihre Absicht«, sagte sie mit einem Anflug von Ironie.
»Nein? Dann kann er also zurückkehren, wann immer er es wünscht, und die Weißen werden ihn willkommen heißen?«
»Das bezweifle ich. Der Zirkel mag zwar bereit sein, auf die Duldung von Traumwebern hinzuwirken, aber was Mirar betrifft, werden sie wohl kaum ihre Meinung geändert haben.«
»Warum haben sie eigentlich eine so schlechte Meinung von ihm?«, hakte Nekaun nach.
Auraya dachte einen Moment lang über ihre Antwort nach. »Ihr Konflikt hat vor Jahrhunderten seinen Anfang genommen, und ich kann euch nicht sagen, was genau der Grund dafür war.«
»Es muss um mehr gegangen sein als um die Tatsache, dass die Traumweber keinen Göttern huldigen«, erwiderte Imenja.
Auraya nickte. »Ich glaube, er hat sich törichterweise gegen sie gestellt. Ich denke nicht, dass er denselben Fehler zweimal machen wird.«
Wirklich nicht?, fragte sich Reivan. Die Stimmen müssen wissen, ob Mirar gefährlich ist. Wenn er so gefährlich ist, dass die zirklischen Götter versucht haben, ihn zu töten, ist er dann auch für uns gefährlich? Er hat einen Angriff des mächtigsten Weißen überlebt, daher muss er über starke Magie verfügen… Und Genza bringt ihn hierher!
Auraya sah kurz zu Reivan hinüber, dann wandte sie den Blick hastig wieder ab.
»Würdest du gern wissen, wo er ist?«, fragte Nekaun.
»Ich habe kein Interesse an Mirar«, antwortete Auraya. »Wenn er in Südithania ist, kannst du ihn gern haben.«
»Kann ich das?« Nekaun kicherte. »Wie großzügig von dir.« Er lehnte sich zurück und sagte dann: »Es ist spät. Morgen will ich Auraya noch mehr von der Stadt zeigen, und dann haben wir ein Essen mit der Dritten Stimme Vervel. Ich werde Auraya zu ihren Räumen begleiten.«
Reivan hörte ihm kaum zu. Sie war sich sicher, dass soeben etwas Eigenartiges passiert war, obwohl sie keine Ahnung hatte, was es war. Und jetzt schien Nekaun es kaum erwarten zu können, sich zu verabschieden. Als die anderen sich erhoben und ihre Stühle zurückschoben, folgte Reivan ihrem Beispiel. Sie wechselten einige höfliche Worte, dann verließen Nekaun, Auraya und Turaan den Raum durch die Tür, durch die sie gekommen waren.
Als Imenja in die Halle hinaustrat, ging Reivan im Geiste noch einmal das Gespräch über Mirar durch. Sie hat mich so eigenartig angesehen, aber ich hatte nichts gesagt. Das kann doch nur bedeuten…
»Sie hat wahrscheinlich deine Gedanken gelesen«, sagte Imenja. »Ich glaube, wir haben sie endlich ertappt. Ich möchte jedoch nicht, dass sie davon erfährt. Sobald sie es weiß, werden wir diesen kleinen Vorteil verlieren.«
»Also werde ich ihr nicht noch einmal begegnen?«
»Nicht, bis wir ihr offenbaren, dass wir um ihre Fähigkeit wissen.« Imenja lächelte entschuldigend. Sie verließen die Halle und gingen in den Flur. »Was hältst du von ihr?«
Reivan überlegte. »Ich stufe die Chancen, dass sie sich mit uns verbünden wird, als nicht besonders hoch ein.«
»Nicht einmal dann, wenn Nekaun sich erböte, ihr Mirar auszuliefern oder ihn zu töten?«
»Nein«, antwortete Reivan langsam. »Wenn sie ihren Göttern treu ergeben ist, wird sie sich nicht von ihnen abwenden, ganz gleich, was Nekaun ihr anbietet.«
»Das hängt ganz davon ab, was ihren Göttern mehr gefallen würde. Würden sie sie im Austausch für Mirars Tod opfern? Sie ist keine Weiße mehr, daher wäre ihr Verlust für ihre Götter vielleicht nicht wichtig.«
»Sie ist eine mächtige Zauberin. Sie würden sie nicht verlieren wollen - zumindest nicht an uns.«
Imenja nickte. »Ich stimme dir zu. Aber wir dürfen die Möglichkeit nicht außer Acht lassen, dass sie sich uns zum Schein anschließen wird, um Mirars Tod zu erwirken.«
»Das wäre ein gefährliches Spiel. Würde sie eine Entdeckung und ihren eigenen Tod riskieren, nur um Mirars Ermordung zu sichern?«
»Das hängt davon ab, wie sehr ihre Götter Mirars Tod wollen.«
»Und ob Nekaun es will«, fügte Reivan hinzu. »Mirar ist ein mächtiger, unsterblicher Zauberer. Wenn er sich mit uns verbündet, wird es keine Rolle spielen, ob Auraya sich uns anschließt oder den Zirklern treu bleibt.«
»Das wäre für alle Beteiligten besser, denke ich«, pflichtete Imenja ihr bei. »Genza mag ihn und denkt, dass wir ihn ebenfalls mögen werden.«
»Es gibt jedoch ein entscheidendes Problem.«
»Welches?«
»Traumweber töten nicht. Im Kampf gegen Auraya wäre er uns als Verbündeter nicht von großem Nutzen.«
»Ah. Das ist wahr.«
»Noch besser wäre es, sie beide auf unserer Seite zu haben.« Reivan kicherte. »Obwohl das problematisch wäre, wenn die beiden einander ständig an die Kehle gingen.«
Imenja lachte düster. »Ja, allerdings könnte es auch recht unterhaltsam sein.«