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Als Danjin die Türlasche des Plattans anhob, sah er die Tore eines beeindruckenden Bauwerks vor sich. Die Festung des Correl-Clans umwand den Gipfel eines Hügels mit beinahe schlangenhafter Anmut. Man konnte nicht mehr von ihr sehen als hohe Mauern, aber diese Mauern erhoben sich wie natürliche Felsvorsprünge aus der Erde. Sie machten den Eindruck, als stünden sie schon seit Jahrtausenden dort, und trotz oder vielleicht wegen der unterschwelligen Anzeichen von Reparaturen hier und da konnte man sich gut vorstellen, dass sie für immer dort bestehen würden.

Im Innern lebte der kleine, von der Welt abgeschiedene Correl-Clan. Yem hatte ihnen erzählt, dass der Niedergang der Familie größtenteils darauf zurückzuführen sei, dass sie nur wenige männliche Erben hervorbrachte. Der gegenwärtige Clanführer war ein alter Mann, dessen einziger Sohn bei einem Unfall während seiner Ausbildung ums Leben gekommen war. Er hatte das Kind einer seiner Enkeltöchter zu seinem Nachfolger bestimmt.

Aber es gab genug Neffen und Vettern, um eine kleine Streitmacht von Kriegern zusammenzustellen.

Yem war vorausgeritten, um ihre Ankunft anzukündigen. Danjin konnte nicht umhin, sich um die Sicherheit des jungen Mannes zu sorgen. Wer wollte sagen, was geschehen würde, falls die Pentadrianer auch diese Krieger bekehrt hatten?

Danjin ließ die Türlasche sinken und sah Ella an. Sie lächelte.

»Mach dir keine Sorgen, Danjin. Yem ist in Sicherheit und hat bereits alles Notwendige veranlasst.«

Der Plattan verlangsamte das Tempo, als er den Hügel erreichte. Die Arems waren erschöpft. Plötzlich hallte das Geräusch ihrer Hufschläge von den engen Felsmauern wider, und der Plattan erreichte ebenen Boden. Der Wagen hielt an, und Ella zog sich die Kapuze ihres Umhangs über den Kopf. Danjin folgte ihr nach draußen, und Gillen stieg als Letzter aus.

Sie waren in einem Innenhof zwischen zwei Mauern der Festung angekommen. Der Hof lag verlassen bis auf zwei Krieger, die an einem zweiten Tor standen, und zwei Wachmänner, die Ella einen flüchtigen Blick zuwarfen. Einer der Krieger war Yem, der andere ein breitschultriger Mann mit grauen Strähnen im Haar.

»Sei mir gegrüßt, Ellareen von den Weißen. Willkommen in meinem Heim«, sagte der ältere Krieger leise.

Ella lächelte. »Sei mir gegrüßt, Gret, Talm von Correl. Dies sind Danjin Speer, mein Ratgeber, und Gillen Schildarm, Botschafter von Hania.«

»Willkommen. Begleitet mich hinein, wo wir es bequemer haben«, lud er sie ein.

Ella hatte Yem gebeten, dafür zu sorgen, dass diese Zusammenkunft in einem möglichst kleinen Kreis stattfand. Als sie durch das zweite Tor traten und durch einen schmalen Flur in eine Halle gingen, begegneten sie niemandem mehr. Ellas Blick war ein wenig geistesabwesend, und Danjin vermutete, dass sie nach den Gedanken unsichtbarer Zuschauer Ausschau hielt.

Gret führte sie durch die Halle zu einer Treppe, und sie stiegen in einen Flur hinauf. Kurze Zeit später blieb der Krieger vor einer Tür stehen und geleitete sie in einen höhlenartigen, mit großen Wandbehängen geschmückten Raum.

Ella nahm auf dem Stuhl Platz, den Gret ihr anbot. Der alte Mann ging zu einem Nebentisch und goss Fwa in fünf Becher, die er anschließend verteilte.

»Das ist ein beeindruckender Wandbehang«, murmelte Gillen, den Blick auf den größten der Behänge gerichtet. Er stellte eine prächtige Ansicht von Hügeln dar, die durch niedrige Mauern in Felder eingeteilt waren. In den Falten waren kleine Dörfer zu sehen. Das Meer war eine schimmernde Fläche dahinter, und am Himmel trieben riesige Wolken.

Es ist nur buntes Garn auf Stoff, dachte Danjin. Wie schaffen sie es, mit wenigen Stichen die Wirkung zu erzielen, als schimmere das Meer und als seien die Wolken vollkommen echt?

»Meine verstorbene Frau hat ihn gemacht«, sagte Gret. »Sie besaß großes Talent in dieser Kunst. Der Wandbehang zeigt den Blick vom Dach dieser Festung.«

»Sie war tatsächlich begabt«, erwiderte Gillen. »Es ist ein ungewöhnliches Thema für einen dunwegischen Wandbehang.«

»Ungewöhnlich bei einem so großen Stück«, pflichtete Gret ihm bei. »Frauen fertigen oft kleinere Wandbehänge dieser Art und hängen sie in ihren privaten Räumen auf - was der Grund ist, warum ihr noch nichts Derartiges gesehen habt.« Er lächelte. »Tia war ehrgeiziger. Mir gefallen ihre Arbeiten, daher habe ich sie nach ihrem Tod hierherbringen lassen.«

Er wandte sich ab und nahm Ella gegenüber Platz. Gillen und Danjin setzten sich links und rechts neben die Weiße. Danjin blickte abermals zu dem Wandbehang hinauf und fragte sich, ob eins der Dörfer, die darauf abgebildet waren, dasjenige war, in dem die Pentadrianer sich niedergelassen hatten.

»Yem meinte, es sei eine drängende und wichtige Angelegenheit, die euch herführt«, sagte Gret. »Wie kann ich euch helfen?«

»Ich brauche die Unterstützung deiner Krieger«, begann Ella. Als sie ihm von den Pentadrianern erzählte, die sich in Dram angesiedelt hatten, zeichnete sich Entsetzen auf den Zügen des alten Mannes ab.

»Bist du dir dessen sicher - dass ihre Absichten böse sind?«

»Ich habe es aus ihren Gedanken gelesen«, erwiderte Ella.

»Man hat mir erzählt, dass sie hart arbeiten und nicht versuchen, irgendjemanden zu beeinflussen.«

»Du bist der Sache nicht selbst nachgegangen?«

Er schüttelte den Kopf. »Ich vertraue dem Anführer von Dram. Wenn es Probleme gegeben hätte, hätte er mir Meldung erstattet. Die Pentadrianer zahlen ihren Zehnten. Einige haben sogar Einheimische geheiratet.«

»Du hast Ehen zwischen Zirklern und Pentadrianern gestattet?«

Er zuckte die Achseln. »Natürlich.«

Ella schüttelte ungläubig den Kopf. »Wurden die Trauungen nach pentadrianischem oder nach zirklischem Ritus vollzogen?«

Gret hob die Hände. »Ich habe nicht danach gefragt.«

»Sind die Pentadrianer, die Mischehen eingegangen sind, Zirkler geworden, oder sind die Zirkler zum pentadrianischen Glauben übergetreten?«

Er zog die Schultern hoch.

»Was werden ihre Kinder sein, Pentadrianer oder Zirkler?«

»Ich weiß es nicht.« Zwischen seinen Brauen stand jetzt eine steile Falte. »Ich ziehe es vor, mich nicht in das Leben der Menschen einzumischen.«

»Eine bewundernswert großzügige Politik, wenn diese Neuankömmlinge aus Sennon oder Hania stammten. Aber diese Menschen sind unsere Feinde. Sie folgen Göttern, die uns vernichten würden, wenn sie könnten. Wir können ihnen nicht trauen - wie es uns hier deutlich gemacht worden ist.« Sie beugte sich vor, um Gret durchdringend zu mustern. »I-Portak pflichtet mir bei. Die Pentadrianer und die Bewohner von Dram müssen nach Chon gebracht und vor Gericht gestellt werden.«

Gret klappte der Unterkiefer herunter, aber dann schloss er den Mund hastig wieder. Sein Gesicht rötete sich. »Nach Chon? Ist das notwendig? Wir könnten die Verhandlungen auch hier abhalten.«

Ella schüttelte den Kopf. »Es ist unmöglich, etwas von solchem Ausmaß verborgen zu halten, Gret. Die Menschen werden es herausfinden.«

»Aber wollen wir den Pentadrianern die Befriedigung geben, dass die Welt von ihrem Erfolg erfährt - und sei er auch von noch so kurzer Dauer gewesen?«

»Die Menschen müssen sehen, was die Pentadrianer getan haben, um in Zukunft auf der Hut vor solchen Intrigen zu sein. Und sie müssen sehen, dass jenen, die Pentadrianer beherbergen, eine prompte und dem Vergehen entsprechende Strafe auferlegt wird.«

»Aber müssen alle Dorfbewohner nach Norden gehen? Was ist mit den Alten? Den Frauen? Den Kindern? Es ist eine weite Reise und eine grausame Härte für die Unschuldigen.«

Ella verzog das Gesicht. »Sie müssen alle gehen, oder es werden in Zukunft Unschuldige zu Opfern gemacht werden. Wirst du mich unterstützen?«

Gret ließ die Schultern sinken. »Natürlich.«

Während Ella die Zahl der erforderlichen Männer und eine Strategie erörterte, wie sie sich dem Dorf nähern und mit den Menschen dort verfahren wollten, dachte Danjin über den alten Krieger nach. Selbstverständlich würde sein Stolz leiden, wenn andere erführen, dass der Feind ihn hintergangen hatte. Auch sein Einkommen würde leiden. Ein Dorf, aus dem man die Bewohner entfernte, bedeutete, dass niemand sich um die Ernten, die Tiere und die Fischerei kümmerte. Danjin musste sich fragen, wie viel von Grets Entsetzen auf den Verlust von Ehre und Gewinn zurückzuführen war und wie viel auf die anstrengende Reise und die Strafe, die seine Untertanen erwartete.