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Gleichzeitig hatte Danjin ein gewisses Verständnis für Grets Beteuerungen, und ein nagendes Unbehagen stieg in ihm auf. War Ella so erpicht darauf, an dem Dorf ein Exempel zu statuieren, dass sie alle mit gleicher Härte bestrafen würde, ob sie nun zum pentadrianischen Glauben übergetreten waren oder nicht, ob sie alt waren oder jung, erwachsen oder noch Kinder?

Ich nehme an, wir werden es bald herausfinden.

29

Während die Morgendämmerung durch den Dschungel kroch, wischte Mirar sich die Stirn ab und versuchte, den Schweiß zu ignorieren, der ihm bereits jetzt den Rücken hinunterlief. Schon bald würde Genza aus ihrer Kajüte kommen und die Barkasse wieder flussaufwärts steuern, und der Fahrtwind würde ein wenig Erleichterung bringen.

Mirar konnte sich gut vorstellen, wie unangenehm eine Flussreise durch Dekkar ohne eine Stimme an Bord sein würde. Jeden Abend, wenn Genza für eine Mahlzeit und einige Stunden Schlaf rastete, erstarb die Brise. Es gab nur wenig oder gar keinen Wind auf dem Fluss, und die Hitze war gnadenlos.

Mirar fand es in seiner Kajüte furchtbar schwül, daher schlüpfte er jeden Abend hinaus, um zusammen mit der Mannschaft auf Deck zu schlafen. Im Dschungel war es niemals still. Das Summen von Insekten und die Rufe der Vögel bildeten eine ständige Geräuschkulisse. Gelegentlich hallten auch andere Rufe durch die Bäume. Einige davon erregten mehr Aufmerksamkeit als andere. Einmal war dicht am Ufer ein tiefes Knurren erklungen, und alle Gespräche während des Essens hatten ein abruptes Ende gefunden. Ein Seemann hatte Mirar erklärt, dass dies der Ruf des legendären Roro sei, eines riesigen, schwarz bepelzten fleischfressenden Raubtiers mit gewaltigen, spitzen Zähnen. Die anderen Männer hatten Geschichten von Roros erzählt, die bei Nacht zu Schiffen hinausgeschwommen seien und Fahrgäste oder Seeleute davongeschleppt hätten.

Was erklärte, warum sie bei Nacht mehrere Lampen hell brennen ließen und warum sie mitten im Fluss festmachten, fernab überhängender Zweige, und Seile, an denen Glocken befestigt waren, um das Schiff banden.

Der Seemann war ein drahtiger Mann in mittleren Jahren namens Kevain. Jede Nacht lud er Mirar ein, auf dem überfüllten Deck an seiner Seite unter seinem Insektennetz zu schlafen, und als Gegenleistung dafür erbat er sich etwas von Tintels Öl. Kevain holte dann einen kleinen Schlauch mit einem starken Schnaps hervor, und sie tauschten Geschichten aus, bis das Getränk sie müde genug machte, um Schlaf zu finden.

Ein Geräusch in seiner Nähe lenkte Mirars Aufmerksamkeit auf Kevain. Der Mann rappelte sich hoch, rollte mit geschickten Griffen das Insektennetz auf und verstaute es. Dann grinste er Mirar an.

»Wir erreichen heute Unterstadt«, sagte er. Unterstadt war der Name des Ortes, auf den sie zusteuerten. »Du hast Angst vor Höhen?«, fragte er und zeigte auf die Steilwand, die über ihnen aufragte.

Mirar schüttelte den Kopf.

»Gut. Gut.« Der Mann ballte eine Hand zur Faust und schüttelte sie - eine Geste, die, wie Mirar vermutete, Zustimmung oder Ermutigung bedeutete. »Für jene, die es tun, ist es hart. Wenn du dich schlecht fühlst, schau nicht hinunter.«

»Das werde ich mir merken«, erwiderte Mirar.

Kevains Grinsen wurde breiter. »Danach reitest du die Winde. Du kannst dich glücklich schätzen. Ah, die Vierte Stimme ist wach, und ich mache mich am besten wieder an die Arbeit.«

Er gesellte sich zum Rest der Mannschaft und überließ es Mirar, Genza zu begrüßen. Man trug ein schnelles Morgenmahl auf, dann nahm Genza ihre Position am Bug ein.

Mirar suchte sich ein Plätzchen, wo er niemandem im Weg war, und sah zu, wie der Dschungel an ihnen vorüberglitt und die Steilwand mit ihren Felsen näher kam. Nach etwa einer Stunde verlangsamte die Barkasse ihr Tempo. Vor ihnen war ein kleiner Pier aufgetaucht. Genza überließ das Lenken des Bootes dem Stakenmann, der es geschickt zum Pier manövrierte und dort vertäute.

Domestiken trugen Vorräte von Bord. Mirar holte seinen Beutel aus seiner Kajüte, nickte dann zum Abschied Kevain zu und wartete in Genzas Nähe, bis sie ihm bedeutete, sich zu ihr zu gesellen. Schließlich traten sie gemeinsam auf den Pier und gingen, gefolgt von Götterdienern und Domestiken, an Land.

Am Ende des Piers führte eine schmale Straße zwischen dicht an dicht gebauten Holzhäusern hindurch. Die leuchtend bunt gestrichenen Mauern befanden sich in verschiedenen Stadien des Verfalls. Die Straße war mit Sand bedeckt, was seltsam wirkte. Mirar hatte bisher keinen Sand im Dschungel gesehen. Über jeder Tür hing ein Schild, das das Gewerbe des jeweiligen Hauses beschrieb. Die Einheimischen verkauften Essen und Wein und boten Transportmittel an oder vermieteten Betten und Frauen.

Letztere standen in Hauseingängen bereit, mit einem wenig überzeugenden Lächeln auf dem Gesicht und leuchtend bunten Kleidern am Leib, die ihre Reize deutlich erkennen ließen. Sie wirkten krank und unglücklich und zogen sich beim Anblick Genzas und der Götterdiener hastig in die Häuser zurück. Ein Stich des Mitgefühls durchzuckte Mirar, und er beschloss, eines Tages hierher zurückzukehren und festzustellen, ob er ihnen helfen konnte. Genza sah die Frauen kaum an, während sie auf das Ende der Straße zuschritt.

Dort stand ein großes Gebäude. Direkt dahinter erhob sich die Steilwand. Genza blieb stehen, um zu beobachten, wie eine hölzerne Kiste vom Dach aufstieg. Mirar bemerkte die dicken Seile, die nach oben gezogen wurden. Er blickte auf. Die Steilwand überragte das ganze Dorf. Ein winziger Gegenstand bewegte sich an dem dunklen Fels entlang: eine weitere Kiste.

»Die Vorräte sind bereits auf dem Weg nach oben«, sagte Genza. »Wir werden eine der Kisten nehmen, wenn sie wieder heruntergelassen werden.«

Mirar bemerkte eine kleine Gruppe, die sich vor dem Gebäude zusammengefunden hatte. Er spürte Ärger, der jedoch bereits einem widerwilligen Respekt Platz machte, während diese Männer und Frauen den Grund dafür erkannten, warum ihr Aufstieg verzögert worden war.

Genza führte ihn in das Gebäude. Der größte Teil des Raums wurde von einem massigen Eisenrad beansprucht. Seile, so dick wie Mirars Arme, zogen sich durch eine Öffnung im Dach in die Höhe.

»Die Männer, die den Seilzug bedienen, müssen darauf achten, dass die hinauf- und hinabfahrenden Lasten immer gleich schwer sind. Da aber mehr Waren nach oben befördert werden als nach unten, weil Dekkar mehr Erzeugnisse nach Avven verkauft als umgekehrt, werden oben Sandsäcke als Ballast zugeladen.«

Mirar nickte. Das würde die sandigen Straßen des Dorfes erklären. Es hätte keinen Sinn gehabt, den Sand zurückzuschicken.

Als die Kiste, die gerade auf dem Weg nach unten war, langsam durch das Dach herabgelassen wurde, führte Genza Mirar eine Holztreppe zu einer Plattform hinauf. Ein Mann stand dort bereit, und als er Genza sah, machte er respektvoll das Zeichen des Sterns.

Die Kiste hielt auf gleicher Höhe mit der Plattform an. Die obere Hälfte der Kiste war offen, und Mirar konnte mehrere Menschen darin sehen. Er spürte Furcht und Erleichterung, aber auch Jubel und Langeweile. Mirar erkannte den Geruch einer Wurzel, die die Dekkarener wegen ihrer beruhigenden Wirkung gern benutzten. Mehrere der Fahrgäste kauten an einer solchen Wurzel.

Als die Fahrgäste Genza bemerkten, weiteten sich ihre Augen. Alle machten das Zeichen des Sterns. Der Führer der Kiste öffnete eine Tür darin. Sobald die Insassen ausgestiegen waren und die Plattform über eine zweite Treppe verlassen hatten, lud der Mann einige Beutel Sand aus der Kiste. Er trat beiseite, und ließ Genza mit gesenktem Blick einsteigen. Als Mirar folgte, bemerkte er, wie der Mann die Götterdienerin einer schnellen, neugierigen Musterung unterzog.