Eine Glocke läutete. Die Kiste setzte sich ruckelnd in Bewegung. Als sie aus dem Dach auftauchte, sah Mirar auf ein Meer von Bäumen hinab. Der Dschungel erstreckte sich unter ihnen, nur durchbrochen von den zahlreichen Windungen des Flusses. Je höher sie kamen, umso besser wurde die Aussicht, die sich ihnen bot. Mirar stellte fest, dass er in der Ferne das Meer sehen konnte. Das also ist es, was Auraya sieht, wenn sie fliegt, dachte er plötzlich. Ein unerwarteter Stich des Neids durchzuckte ihn. Emerahl hat das Fliegen nicht gelernt, aber das bedeutet nicht, dass es mir genauso gehen würde. Ich frage mich, ob ich wohl je eine Chance bekommen werde, Auraya zu bitten, mich zu unterrichten. Und ob sie dazu bereit wäre. Schließlich habe ich sie in der Heilkunst unterwiesen. Sie schuldet mir eine Gegenleistung…
»Was hältst du von dieser kleinen Vorrichtung?«, fragte Genza.
Mirar wandte sich zu ihr um. »Beeindruckend. Hat es schon viele Unfälle gegeben?«
»Einige.« Sie zuckte die Achseln. »Meistens aufgrund der Torheit der Fahrgäste. Das Seil wird jedes Jahr erneuert und gründlich auf Mängel untersucht.« Sie schaute sich um und stieß einen leisen Seufzer aus. »Ich werde dieses Anblicks niemals müde, ganz gleich, wie oft er sich mir bietet.«
Auch Mirar sah sich noch einmal um. Die Aussicht war in der Tat phantastisch. Nur allzu bald verlangsamte die Kiste ihre Fahrt und kam schließlich ruckartig zum Stehen. Sie hatte auf gleicher Ebene mit einer Plattform angehalten, die vom oberen Ende der Felswand aus über den Abgrund vorragte und mit einem stabilen Geländer versehen war. Mirar stieg hinter Genza aus und folgte ihr in eine weitere Siedlung.
Dieser Ort war ebenso weitläufig, wie Unterstadt gedrängt in seiner Anlage schien. Zwischen den weit auseinanderstehenden Häusern aus gestampftem Lehm verlief eine breite Straße. Alles schien im selben ausgebleichten sandfarbenen Ton gehalten zu sein - selbst die Kleider der Einheimischen -, obwohl dieser Eindruck vielleicht von der hellen Sonne hervorgerufen wurde. Es war hier sowohl heißer als auch trockener, und an die Stelle des unablässigen Sirrens von Insekten und des Zwitscherns der Vögel war das stete Heulen des Windes getreten.
»Dies ist Oberstadt«, sagte Genza. »Ich weiß, es sind keine sehr einfallsreichen Namen.«
Die Kisten und Truhen aus der Barkasse wurden auf einen Tarn geladen, und für die Götterdiener standen zwei Plattans bereit. Genza versicherte sich, dass alles zu ihrer Zufriedenheit geregelt war, dann wünschte sie den Götterdienern eine gute Reise. Mirar sah sie fragend an. Sie lächelte.
»Von hier aus werden wir allein weiterfahren. Es wird viel schneller gehen.«
»Wie?«
Ihr Lächeln wurde breiter. »Wir fahren mit einem Windboot. Folg mir.«
Sie gingen durch die Siedlung. Am Rand des Ortes sah Mirar eine ebene Wüste, die sich eintönig bis zum Horizont erstreckte. Genza führte ihn zu einem von mehreren fensterlosen, zwei Stockwerke hohen Holzhäusern und trat durch eine Tür. Nach dem grellen Sonnenlicht musste Mirar sich erst an die Dunkelheit im Innern gewöhnen, bis er erkannte, dass es darin weder eine Decke noch Innenwände gab, sondern nur die Außenmauern und das Dach. In einer der Außenwände befanden sich mehrere große Holztüren. Eine stand offen und ließ gerade genug Licht herein, um die seltsamen, in dem Haus gelagerten Gegenstände erkennen zu können.
Boote. Eigenartige, schmale Boote mit übergroßen Segeln. Mirar besah sich die verschiedenen Gefährte. Alle hatten flache, schmale hölzerne Rümpfe und helle Segel, die fest an schlanke Masten gebunden waren. Genza blickte mit einem Grinsen zu ihm auf.
»Das wird dir gefallen.« Als ein Einheimischer auf sie zugeeilt kam, wandte sie sich ab. Der Mann geleitete sie nach draußen.
»Die beiden Windsegler dort drüben warten auf euch«, sagte er und zeigte auf zwei Gestalten in der Ferne, die neben zweien der eigenartigen Boote standen.
»Ich werde keinen Segler benötigen«, erwiderte sie, »aber mein Begleiter wird sich über Hilfe freuen. Sind die Winde günstig?«
Der Mann nickte. »Wenn es so bleibt, werden sie euch bis nach Glymma tragen.«
Sie dankte ihm und schritt auf die fernen Gestalten zu. Mirar folgte ihr.
»Können sie uns wirklich den ganzen Weg bis nach Glymma bringen?«
»Solange der Wind weht«, antwortete sie. »Wir sollten in vier Tagen dort sein.«
Vier Tage? Mirar schüttelte den Kopf. Jetzt weiß ich, warum sie sich nicht die Mühe gemacht hat, um die Küste herumzusegeln. Ein Schiff hätte es niemals so schnell bis nach Dekkar und zurück geschafft.
Die beiden Segler waren junge Männer. Als Genza an sie herantrat, lächelten sie und machten das Zeichen des Sterns. Sie nahm die Windboote in Augenschein und wählte dann eines aus. Der Segler ließ es widerstrebend los. Mirar vermutete, dass die Boote ihren Seglern gehörten, und er fragte sich, wie der junge Mann seines zurückbekommen würde.
Ein Windstoß erfasste sie, und der zweite Windsegler hatte offenkundig Mühe, sein Boot stillzuhalten. Als die Bö sich gelegt hatte, deutete Genza auf den vorderen Teil des Rumpfs.
»Du wirst dort sitzen, mit dem Gesicht nach vorn«, erklärte sie. »Beweg dich nicht. Man braucht Gleichgewicht ebenso wie Windsinn und Magie, um diese Boote zu segeln.«
Mirar nahm Platz und stellte seinen Beutel zwischen die Knie. Als er sich wieder umdrehte, sah er, dass der Windsegler sich einen Schal um das Gesicht gebunden hatte und jetzt am Heck saß. Genza nahm im selben Teil ihres eigenen Windbootes Platz, und als ein weiterer Windstoß aufkam, entfaltete sich das Segel, und Genza schnellte nach vorn.
Als das Boot unter Mirar sich neigte, hielt er sich mit beiden Händen am Rand fest. Als er hinabblickte, entdeckte er Griffe. Außerdem befanden sich zwei Hohlräume auf dem Boden, in die er die Fersen stemmen konnte. Während er von beidem Gebrauch machte, stieß der junge Mann einen lang gezogenen Ruf aus, und das Boot setzte sich in Bewegung.
Es flog nicht vorwärts, wie Genzas Boot es getan hatte, sondern gewann langsam an Schwung. Über ihm entfaltete sich nach und nach das Segel.
Sie nahmen Tempo auf, und das Boot entfernte sich von Oberstadt. Ein weiterer Windstoß traf Mirar von der Seite, dann erklang hinter ihm ein weiterer Ruf, und er hörte das Schlagen von Stoff, als das Segel sich zur Gänze entfaltete. Das Boot drehte sich abrupt und schoss über den Sand davon.
Es war ein berauschendes Gefühl, und Mirar stimmte unwillkürlich in das Triumphgeschrei des Windseglers ein. Sie jagten auf den Horizont zu. Aber schon bald verstummte der Segler, obwohl das Boot keineswegs an Fahrt verlor. Gelegentlich wehte ein Seitenwind Mirar Staub ins Gesicht. Die Luft war trocken, und die Sonne brannte unbarmherzig auf sie herab.
Stunden verstrichen. Schließlich erreichten sie eine Abfolge flacher Dünen. Mirar spürte jede Bewegung des Seglers, während dieser gegen die Seitenwinde ankämpfte. Er empfand mehr und mehr Respekt vor dem Geschick des jungen Mannes.
Dann fiel ihm Genza wieder ein, und er hielt im Sand vor ihnen nach ihr Ausschau. Er konnte keine Spur von ihr entdecken, aber ihr Boot brauchte nur eine Person zu tragen, daher würde es sich schneller bewegen als seines. Wahrscheinlich würde er sie in den nächsten Stunden überhaupt nicht sehen - nicht bevor sie für die Nacht Rast machten.
Eine Sandfontäne und ein freudiger Aufschrei sagten ihm jedoch, dass er sich geirrt hatte. Genza schoss lachend an ihnen vorbei. Mirar konnte ein Kichern nicht unterdrücken, als sie ihr Boot sachkundig über die Dünen schnellen ließ und dabei ein erstaunliches Geschick bewies. Sie musste diese Fähigkeit über eine Zeitspanne hinweg erworben haben, wie sie keinem Sterblichen zu Gebote stand, um diese Kunst zu meistern.