»Die Knochen haben gesagt: ›Sorli wird euch den Weg weisen‹«, bemerkte sie. »Sorli ist nicht mehr hier.«
»Daran kann kein Zweifel bestehen«, erwiderte Mikmer trocken.
»In der Bibliothek hängt ein Bild von ihr«, meldete sich Yathyir mit ernster Stimme zu Wort. »Ich erinnere mich daran.«
Barmonia lächelte. Das war der Grund, warum er sich mit dem seltsamen Jungen abfand. Er mochte ein Spinner sein, aber sein Gedächtnis war beeindruckend gut.
»Beschreib sie uns«, befahl Barmonia.
Der Junge musterte den Stein eine Zeitlang, dann trat er zu Raynora.
»Hilf mir hinauf«, sagte er.
Ray hob Yathyir hoch. Der Junge bewegte sich zum Zentrum des Altars und hielt dort inne, um nachzudenken.
»Sie hält einen Becher in einer Hand und zeigt mit der anderen zu Boden«, erklärte er und ahmte die Haltung der Statue nach.
»Dann befindet sich der Eingang zu dem geheimen Tempel also unter diesem Stein?«, fragte Ray und betrachtete den großen Quader mit einem zweifelnden Blick.
»Wahrscheinlich.« Barmonia trat hinter den Stein und rieb mit dem Schuh über den Boden. »Hier sind Kratzer. Die Denker haben immer geglaubt, sie seien entstanden, als der Stein seinerzeit hierhergeschafft wurde, aber vielleicht ist er häufiger bewegt worden.«
»Wie?«, fragte Yathyir, bevor er heruntersprang, um die Kratzer in Augenschein zu nehmen.
»Mit Magie«, antwortete Barmonia. »Von den Priestern wird immer ein gewisses Maß an Befähigung erwartet.«
»Also, wie wollen wir ihn bewegen?«
»Mit unseren Fähigkeiten.« Barmonia wandte sich dem Eingang zu. »Was auch der Grund ist, warum ich so viel Ausrüstung mitgebracht habe.«
»Das wäre nicht nötig gewesen«, sagte die Frau leise.
Barmonia drehte sich zu ihr um. Sie wollte zweifellos mit ihren magischen Fähigkeiten angeben, worin diese auch immer bestehen mochten, aber er hatte nicht die Absicht, das zuzulassen. »Dieser Stein sollte vorsichtig und behutsam bewegt werden, sonst könntest du…«
»Oh, erspar mir den Vortrag«, fiel sie ihm ins Wort. »Du weißt offensichtlich nicht das Geringste über Magie, wenn du glaubst, sie sei weniger raffiniert als Hebel und Seile.«
Bei ihrem arroganten Tonfall loderte Ärger in ihm auf, dann unterdrückte er einen Fluch, als sie sich von ihm abund dem Altar zuwandte.
»Wage es nicht…« Er machte einen Schritt vorwärts, um sie an den Schultern zu packen, aber seine Hände glitten an einer unsichtbaren Barriere ab. Die anderen zogen sich zurück, und ihre Gesichter verrieten Neugier und Erregung.
»Ich werde den Stein zuerst anheben«, sagte sie zu Raynora. »Schau darunter und sag mir, was du siehst.«
Als der Altarstein sich langsam hob, lief Barmonia ein Schauer über den Rücken, und sein Magen krampfte sich zusammen. Magie hatte immer diese Wirkung auf ihn. Eine Frau sollte nicht in der Lage sein, einen riesigen Steinblock anzuheben. Es war unnatürlich.
Ray ließ sich auf die Knie nieder und untersuchte die Lücke zwischen dem Stein und dem Boden. Unglaublicherweise schob er die Hände darunter; er vertraute offenkundig darauf, dass sie den Stein nicht fallen lassen würde.
»Darunter befindet sich eine quadratische Öffnung. Es sieht so aus, als könne man den Altar an die Rückseite des Raums schieben, ohne etwas zu zerbrechen.«
Die Frau nickte, und der Stein glitt rückwärts. Eine Treppe, die in die Dunkelheit hinabführte, wurde sichtbar. Der Stein ließ sich lautlos auf dem Boden nieder.
Das Miststück schafft es, schlussfolgerte Barmonia. Dann kam ihm ein anderer Gedanke. Wenn sie so mächtig ist, wie sollen wir sie dann loswerden?
Sie würden sie überlisten müssen, was nicht weiter schwierig sein sollte. Sie war als Frau allein unterwegs in einem Land, das sie nicht kannte und in dem die Menschen eine Sprache sprachen, die sie nach eigenem Eingeständnis erst vor kurzem gelernt hatte. Vielleicht würden sie sich davonstehlen können, statt die Frau fortzuschicken. Was auch immer geschehen mochte, er würde nicht zulassen, dass eine fremdländische Zauberin die Anerkennung für die Entdeckung dieses Grabes erhielt.
Ich kann diese Wendung der Ereignisse zu unserem Vorteil nutzen. Wenn wir den Menschen erzählen, dass sie Steine bewegen kann wie ein magisches Arbeitstier, wird das alles sein, wofür man sie im Gedächtnis behält.
Er machte einen Schritt nach vorn. Mit plötzlichem Respekt trat sie zurück und gestattete ihm, die anderen die Treppe hinunterzuführen. Zumindest kannte sie ihren Platz. Sie war in der Tat einfach ein magisches Arbeitstier. Er war der Führer dieser Unternehmung.
Auf den Wänden fanden sich Steinmetzarbeiten religiöser Szenen, aber sie waren zu staubig, um Einzelheiten erkennen zu können. Dafür würde später noch Zeit sein. Nach hundert Stufen gab er den Versuch auf mitzuzählen. Der Abstieg schien eine Ewigkeit zu dauern, daher überraschte es ihn, als er sich plötzlich am Fuß der Treppe wiederfand. Er blieb stehen.
Ein schmaler Korridor, der kaum breiter war als seine Schultern, führte in die Dunkelheit. Langsam ging er weiter. Zuerst war der Korridor frei von Trümmern, was sich jedoch bald änderte. An einer Stelle stieg er über einen Riss, der so breit war wie seine Hand und sich quer durch den Tunnel zog. Kurz darauf sah er vor sich ein schwaches Licht, und einige Schritte später hatte er das Ende des Gangs erreicht.
»Halt!«, rief er, weil er befürchtete, die anderen könnten mit ihm zusammenprallen und ihn über den Vorsprung stoßen.
»Was ist das?«, fragte Mikmer, dessen Stimme dicht hinter Barmonia erklang.
»Ein Spalt«, antwortete Barmonia. »Ein gewaltiger Spalt. Es müssen zweihundert Schritte sein bis zur anderen Seite.«
»Geht der Tunnel auf der anderen Seite weiter?«
»Das weiß ich nicht. Ich kann kaum etwas sehen.«
»Lass mich vortreten, dann werde ich ein Licht schaffen«, erbot sich die Frau.
Barmonia fühlte sich versucht, ihr Angebot aus reiner Gehässigkeit abzulehnen, aber ihm fiel keine andere Möglichkeit ein, wie sie die Ausmaße des Felsspalts in Erfahrung bringen konnten.
»Also schön, dann komm.«
Ein leises Scharren erklang hinter ihm, als die Männer ihr Platz machten. Einen Moment später flammte ein Licht auf, schwebte an seiner Schulter vorbei und bewegte sich langsam tiefer in das Gewölbe. Die gegenüberliegende Wand kam in Sicht. Es befand sich kein Durchgang darin.
»Nein«, sagte Barmonia. »Der Gang endet hier.«
Als das Licht heller wurde, blickte er hinab. Nicht weit unter ihm füllten etliche Felsbrocken den Spalt. Als er wieder aufsah, gefror ihm das Blut in den Adern.
Ein gewaltiger Brocken der Wand war abgestürzt und hatte sich zwischen den beiden Flanken des Spalts verkeilt.
Er sog scharf die Luft ein und betrachtete den Boden der Felsspalte. Einige der Trümmer dort waren größer als ein Haus.
»Hoffnungslos«, murmelte er. »Wenn dort unten etwas war, ist es jetzt fort.«
Er drehte sich um und schob sich an der Frau vorbei. Die anderen musterten ihn forschend und lasen die Enttäuschung aus seinen Zügen.
»Im Fels sind Handläufe.«
Barmonia drehte sich um und sah Yathyir am Rand der Felsspalte hocken.
Er spähte in den Abgrund und sah, dass der Junge recht hatte. In die Wand unter dem Tunnel waren Rillen eingemeißelt. Barmonia schaute genauer hin und stellte fest, dass die äußerste Kante des Gangs unmittelbar am Abbruch mit einer eingemeißelten Zierleiste versehen worden war. Der Gang sollte hier enden.
Nachdem er sich weiter vorgebeugt hatte, sah er, dass die Griffe bis auf den Boden hinabreichten.
»Wenn dort unten etwas ist, ist es begraben«, erklärte er.
»Aber man kann es ausgraben«, sagte die Frau.
»Das wird Monate dauern.«
»Nicht unbedingt.«
Barmonia funkelte sie wütend an.
»Aber es könnte natürlich Monate dauern.« Sie zuckte die Achseln. »Die Entscheidung liegt bei euch.«