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Ich werde so tun müssen, als hasste ich ihn, dachte sie. Und er wird sich mir gegenüber genauso benehmen müssen. Was für ihn eine noch größere Herausforderung darstellen dürfte, wenn er immer noch glaubt, mich zu lieben.

Wenn die Stimmen Verdacht schöpften, dass sie und Mirar etwas füreinander empfanden, würden sie sich diesen Umstand zunutze machen. Nekaun hatte bereits bewiesen, dass er vor Erpressung nicht zurückschreckte.

Ich erwarte schon jetzt, dass er sich erbieten wird, Mirar als Gegenleistung für irgendeine Gefälligkeit zu töten. Wahrscheinlicher ist allerdings, dass er anbieten wird, mich zu töten, um einen Handel mit Mirar zu besiegeln.

Hoffentlich ist Mirar klar, dass sein kleiner Besuch zu keinem schlechteren Zeitpunkt stattfinden könnte.

Hoffentlich hat er die Gefahr erkannt, in die er uns beide bringen wird.

Hoffentlich weiß er, dass er so tun muss, als hasste er mich.

Hoffentlich hat er nicht die Absicht, Nekauns Angebot, mich zu töten, anzunehmen.

Hoffentlich… bah! Ich sollte mich einfach mit ihm vernetzen und ihn fragen.

Sie schloss die Augen und zwang sich, tief durchzuatmen. Obwohl sie versuchte, ihre Gedanken schweifen zu lassen, konnte sie nicht mehr erreichen als einen ängstlichen, halbbewussten Zustand.

Ein leiser Aufprall und eine schwache Vibration schreckten sie auf. Sie hob den Kopf und lächelte schief, als sie sah, dass Unfug auf das Bett gesprungen war und sich neben ihr zusammengerollt hatte. Obwohl er es bei den Wasserschalen kühler hatte, zog er es immer noch vor, in ihrer Nähe zu sein, wenn sie schlief.

Irgendwie fiel es ihr in seiner Anwesenheit leichter, sich zu entspannen. Sie verlor jedes Zeitgefühl. Ihre Gedanken splitterten sich auf und fügten sich dann wieder zusammen, so dass sie einen Zustand zwischen Bewusstsein und Schlaf erreichte. Es wurde Zeit, Mirar zu rufen.

Seine Antwort kam sofort.

Auraya!

Die Überraschung und die Freude, die seine Antwort begleiteten, sagten ihr, dass sie sich keine Sorgen zu machen brauchte: Er hatte nicht die Absicht, sie von Nekaun töten zu lassen. Sie brauchte sich lediglich zu sorgen, dass seine Vernarrtheit sie beide in Schwierigkeiten bringen würde.

Trotzdem war es schön, dass jemand sich freute, von ihr zu hören.

Mirar. Mir ist zu Ohren gekommen, dass du nach Glymma kommen wirst.

Ja. Ich fürchte, ich habe in dieser Hinsicht keine Wahl. Die Vierte Stimme Genza hat keinen Zweifel daran gelassen, dass ihre Einladung eher ein Befehl war als ein Vorschlag.

Wie haben die Pentadrianer herausgefunden, wer du bist und wo du warst?

Hast du von mir erwartet, dass ich meine Identität hier verborgen halten würde?, fragte er zurück.

Sie dachte über seine Frage nach. Die Pentadrianer duldeten die Traumweber. Warum sollte er sich verstecken? Ihr fiel nur ein Grund dafür ein, nämlich der, dass er auf diese Weise der Aufmerksamkeit der Stimmen entgangen wäre. Vielleicht hatte er genau das nicht gewollt. Vielleicht hatte er von Anfang an die Absicht gehabt, sich mit ihnen zu verbünden.

Aber wenn sie glaubte, dass jetzt ein schlechter Zeitpunkt für seinen Besuch in Glymma sei, musste sie sich doch eingestehen, dass sein Kommen in Wahrheit keineswegs unerwartet genannt werden konnte. Es war vermutlich einfach ein schlechter Zeitpunkt für sie, hier zu sein.

Nein, das habe ich wohl nicht erwartet, antwortete sie. Aber dass wir beide zur selben Zeit hier sein werden, dürfte peinlich werden. Die Stimmen werden von uns erwarten, dass wir uns wie eingeschworene Feinde benehmen.

Und das sind wir nicht?

Ich habe nicht die Absicht, dich zu töten.

Selbst wenn die Götter es befehlen?

Sie kennen die Grenzen meines Gehorsams. Wohlgemerkt, ich würde noch einmal darüber nachdenken, solltest du mir einen Grund dafür liefern.

Dann sollte ich dir besser versichern, dass ich nicht die Absicht habe, dich zu töten oder irgendein Angebot der Stimmen anzunehmen, dies für mich zu tun, sagte er.

Das ist eine Erleichterung. Wie gut sind deine schauspielerischen Fähigkeiten?

Ich denke, ich kann sie davon überzeugen, dass ich dich verabscheue. Das ist es doch, was du im Sinn hast, oder?

Wir könnten kaum so tun, als seien wir die besten Freunde. Nekaun hat mich bereits erpresst. Ich glaube nicht, dass er zögern würde, es noch einmal zu tun. Falls er einem von uns oder uns beiden vorschlägt, den anderen zu töten, können wir zumindest Zeit schinden, während wir uns entscheiden. Falls er auf die Idee kommen sollte, dass er einen von uns manipulieren könne, indem er den anderen bedroht, wird er es ohne zu zögern tun.

Und indem wir so tun, als hassten wir einander, verschaffen wir den Siyee mehr Zeit.

Ja. Eine unerwartete Dankbarkeit und Zuneigung stiegen in Auraya auf. Danke, dass du das tust. Es wird doch weder dich noch die Traumweber im Süden in Gefahr bringen, oder?

Nein. Sobald du fort bist, kann ich behaupten, ich sei an mein Traumwebergelübde gebunden gewesen, niemals einem anderen Schaden zuzufügen - nicht einmal meinem Feind.

Ein Gelübde, das dich in ihren Augen zu einem weniger wertvollen Verbündeten macht.

Aber es sagt ihnen hoffentlich auch, dass ich keine Bedrohung für sie darstelle. Ich bin davon überzeugt, dass die Stimmen und ich zu einer Einigung kommen können.

Ich bin froh, dass wir das geklärt haben. Wann wirst du hier eintreffen?

Morgen oder übermorgen. Das hängt vom Wind ab.

Vom Wind?

Ich werde es dir erklären, wenn ich da bin.

Vergiss nur nicht, es in einem wütenden, anklagenden Tonfall zu tun.

Sie spürte eine Welle der Erheiterung.

Ich werde es dir in einer Traumvernetzung erklären, erwiderte er. Wir sollten uns jede Nacht vernetzen, um sicherzugehen, dass wir beide wissen, was der andere gesagt oder getan hat - und was die Stimmen gesagt oder getan haben. Ich frage mich, welcher von uns beiden das beste Angebot erhalten wird, falls er sich ihnen anschließt. Wir sollten eine Art Trefferliste führen.

Das ist kein Spiel, Mirar.

Nein, natürlich nicht. Aber wir könnten ein wenig Spaß auf ihre Kosten haben, solange dabei kein Schaden entsteht.

Die Idee war verführerisch, aber …

Ich würde dieses Risiko lieber nicht eingehen. Nicht solange das Leben von Siyee auf dem Spiel steht.

Du hast recht. Nun, ich sollte wohl zusehen, dass ich ein wenig Schlaf bekomme. Es könnte morgen eine lange Fahrt werden.

Sie wünschte ihm eine gute Nacht, und während sie langsam dem Schlaf entgegendämmerte, musste sie widerwillig erkennen, wie viel besser sie sich fühlte. Als sei eine Last von ihr genommen worden. Es war mehr als nur Erleichterung, dass Mirar ihre Meinung darüber teilte, wie sie sich verhalten sollten.

Ich werde hier nicht länger allein sein, dachte sie schläfrig. Ich werde einen… einen Verbündeten haben? Nein, vielleicht nur einen Freund.

30

Das Gespräch auf dem Balkon verebbte, als im Flur dahinter Schritte laut wurden. In einem der Bogengänge erschien ein Götterdiener und machte das Zeichen des Sterns.