»Die Erste Stimme Nekaun lässt sich entschuldigen. Er wird nicht in der Lage sein, an der Zusammenkunft teilzunehmen«, sagte der Mann.
Die Stimmen und ihre Gefährten tauschten einen Blick.
»Vielen Dank, Götterdiener Ranrin«, erwiderte Imenja.
Der Mann neigte den Kopf, dann eilte er davon. Eine quälende Enttäuschung stieg in Reivan auf. Sie hatte Nekaun seit Wochen nicht mehr gesehen. Nicht mehr seit Aurayas Ankunft. Sie vermutete, dass er, wenn er am Abend mit seinem Gast fertig war, den gewohnten Aufgaben einer Ersten Stimme nachkam. Er hatte zu viel zu tun, um sie zu besuchen. Das konnte sie akzeptieren…doch je länger sich dieser Zustand hinzog, umso stärker wurde die Eifersucht, die immer wieder in ihr aufkeimte.
Aber… heute Abend hatte sie sich darauf gefreut, ihn einfach nur zu sehen. Seine Stimme zu hören. Sie hatte sich auf die Art gefreut, wie er sie anzulächeln pflegte, als sei sie sein ganz besonderes Geheimnis …
Als die Schritte des Götterdieners verklungen waren, drehten die drei Stimmen sich auf ihren Plätzen so um, dass sie einander anblickten. Vervel verzog das Gesicht, als habe er einen unangenehmen Geschmack im Mund.
»Wollen wir uns an die Arbeit machen?«, fragte er.
Imenja sah Shar an. »Ich wüsste nicht, was dagegen spräche.«
Die blonde Stimme nickte. »Ich auch nicht. Wo wollen wir anfangen?«
»Bei unseren eigenen Ländern, wie immer«, befand Imenja.
Reivan lauschte, während sie über Dinge in Glymma redeten und dann auf einige Probleme in Avven, Mur und Dekkar zu sprechen kamen.
»Die Idee des neuen Hohen Häuptlings hat ihre Vorteile«, sagte Imenja.
Vervel zog die Augenbrauen hoch. »Wirklich?«
»In anderen Städten ist es niederen Bürgern möglich, in die höheren Schichten der Gesellschaft aufzusteigen. Vom Bettler zum Domestiken zum Beispiel. Aber die Bedingungen, unter denen die Armen, die in Kave leben, ihr Dasein fristen, macht es für sie fast unmöglich, eine bessere Position zu erlangen.«
»Und wie soll die Idee des Hohen Häuptlings daran etwas ändern?«, fragte Shar.
»Sie schafft eine mittlere Schicht, die wie eine Stufe auf einer Leiter wirken könnte. Einer Leiter, die zu einem besseren persönlichen Los führt.«
»Eine ziemlich verstiegene Idee«, meinte Vervel. »Ich bezweifle, dass sich das durchführen lässt.«
»Aber einen Versuch ist es wert.« Imenja zog die Schultern hoch. »Für den Anfang vielleicht nur in einem kleinen Gebiet.«
Vervel zuckte die Achseln. »Vielleicht.«
Die beiden Stimmen musterten einander, dann lächelte Imenja.
»Setz dich mit Genza in Verbindung und frag sie nach ihrer Meinung. Sie war erst kürzlich in Kave.«
Vervel prustete leise und wandte den Blick ab. »Warum sollte ich ihre Zeit verschwenden?«
Imenja runzelte die Stirn. »Weil wir zumindest versuchen sollten, den Göttern zu dienen«, sagte sie energisch.
Ein peinliches, aber barmherzig kurzes Schweigen folgte. Reivan blickte auf ihr Wasserglas hinab. Dies war das erste Mal, dass die Stimmen zumindest ansatzweise die Veränderungen anerkannten, die Nekaun bewirkt hatte. Sie kannte die Frage, die Vervel auf der Zunge lag. Warum Genzas Zeit mit der Frage nach ihrer Meinung verschwenden, wenn Nekaun bei der endgültigen Entscheidung doch die Meinung aller anderen Stimmen übergeht?
Sie sog scharf die Luft ein, widerstand aber dem Drang zu seufzen. Die Art, wie Nekaun die anderen Stimmen behandelte, war gewiss unnötig - aber gleichzeitig glaubte ein Teil von ihr, dass er einen guten Grund dafür haben musste, selbst wenn sie diesen im Augenblick nicht erkennen konnte. Die Götter hatten ihn erwählt. Er war intelligent und klug.
Wie war es möglich, dass sie seine Mängel sah, aber nicht glaubte, was sie sah? Oder es nicht einmal erschreckend fand?
»Genza meint, wir sollten die Idee unterstützen.« Vervels Blick war in die Ferne gerichtet.
Imenja nickte. »Jetzt sollten wir über unsere Länder hinausschauen«, sagte sie. »Hat Sennon auch nur die geringste Neigung gezeigt, sich von den Weißen abzuwenden und sich wieder uns anzuschließen?«
Shar schüttelte den Kopf. »Nein. Der Kaiser weigert sich, unsere Boten zu empfangen, und schickt unsere Geschenke zurück.«
Imenja verzog das Gesicht. »Ich erwarte nicht, dass sich daran etwas ändern wird.« Die anderen Stimmen nickten beifällig. Sie seufzte. »Unsere Leute in Jarime sind hingerichtet worden.«
Ein Schock durchlief Reivan. Sie wusste nicht, was bei der Mission schiefgegangen war, die die Götterdiener in Jarime vorangetrieben hatten, aber ein Stich des Mitgefühls für jene, die gestorben waren, durchzuckte sie.
»Ist die neue Weiße in letzter Zeit in Dunwegen gesehen worden?«, fragte Imenja.
»Nicht mehr, seit sie verschwunden ist«, erwiderte Vervel.
»Sind unsere Leute dort gewarnt worden?«
Vervel wandte den Blick ab. »Nein. Er dachte, sie würden in Panik verfallen und so nur Aufmerksamkeit auf sich lenken.« Reivan vermutete, dass »er« Nekaun war.
Imenjas Augen wurden für einen Moment schmal. »Ich verstehe. Nun, ich habe eigenartige Neuigkeiten aus Genria und Toren. Die beiden Länder haben abrupt ihre Armeen zu den Fahnen gerufen; sie haben sie außerhalb der Hauptstädte ihr Lager aufschlagen lassen und sie dann ohne Erklärung wieder entlassen.«
»Die beiden Monarchen verstehen sich nicht gut, und die Völker haben in der Vergangenheit oft Krieg gegeneinander geführt«, warf Shar ein.
»Aber seit der Schlacht sind sie die besten Freunde gewesen.« Imenja schüttelte den Kopf. »Es hat keine Berichte über Konflikte zwischen den beiden Ländern gegeben. Tatsächlich rechneten beide Armeen damit, sich zu irgendeinem Ziel zusammenzuschließen, obwohl niemand den Grund dafür kannte.«
»Vielleicht war es ein Wettstreit, um herauszufinden, wessen Armee die stärkere ist«, sagte Shars Gefährtin Bavalla.
Imenja lächelte und breitete die Hände aus. »Wer weiß? Ich finde, dass die Torener und die Genrianer manchmal die unverständlichsten der nördlichen Völker sind.«
Vervel räusperte sich. »Ich habe Neuigkeiten der weniger willkommenen Art. Unsere Leute haben Befehl erhalten, Somrey zu verlassen.«
Imenja runzelte die Stirn. »Warum?«
»Eine Entscheidung des Ältestenrats. Es geht das Gerücht, dass die Traumweber und die Zirklerältesten zum ersten Mal in der Geschichte zu einem einstimmigen Ergebnis gekommen sind.«
»Von allen nördlichen Ländern mit Ausnahme Sennons war Somrey anderen Religionen und Kulten gegenüber stets das aufgeschlossenste«, sagte Imenja. »Unser Volk hat die Gesetze Somreys studiert. Es war keines darunter, das angewandt werden konnte, um uns des Landes zu verweisen, sobald wir dort erst einmal Aufnahme gefunden hatten.«
»Der Rat hat ein neues Gesetz erlassen, das es ihnen ermöglicht, ihr Ziel zu erreichen«, erwiderte Vervel.
Imenja zog die Augenbrauen hoch. »Wir sollten uns dieses Gesetz ansehen, um festzustellen, ob es sich irgendwie umgehen lässt.«
»Ich habe bereits Anweisung dazu erteilt.«
»Gut. Und jetzt zu Genza.« Die drei Stimmen blickten einen Moment lang ins Leere, dann lächelten sie und wandten sich wieder einander zu. »Es ist alles in Ordnung«, erklärte Imenja den Gefährten. »Gibt es noch weitere eigenartige, unangenehme Neuigkeiten aus dem Norden? Oder vielleicht gute Neuigkeiten?«
Die anderen schüttelten den Kopf.
»Also schön. Die beiden nächsten Themen hätte ich gern mit Nekaun zusammen erörtert, aber ich würde sie lieber gleich jetzt und ohne ihn in Angriff nehmen, als sie überhaupt nicht anzuschneiden. Erstens wäre da die Anwesenheit der Priesterin Auraya. Zweitens der bevorstehende Besuch des Traumwebers Mirar. Nekaun scheint die Absicht zu verfolgen, Auraya auf unsere Seite zu ziehen«, erklärte Imenja. »Wir sollten nichts tun, was dieses Ziel gefährden könnte.«
»Bist du sicher, dass das sein Ziel ist?«, fragte Shar.
Imenja sah ihn an. »Hat er etwas Gegenteiliges angedeutet?«