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Shar schüttelte den Kopf. »Aber wir müssen auch andere Möglichkeiten in Erwägung ziehen. Vielleicht will er Aurayas Abreise lediglich hinauszögern, um sie daran zu hindern, den Weißen beizuspringen. Oder aber er möchte, dass sie hier ist, wenn Mirar eintrifft.«

»Vielleicht haben Genria und Toren ihre Armeen entlassen, weil Aurayas Anwesenheit hier einen größeren Plan durchkreuzt hat«, sagte Vervel.

»Wie eine Invasion Südithanias?«, hakte Imenja nach.

»Keins der anderen nordithanischen Länder rüstet zum Krieg, soweit wir wissen.«

»Soweit wir wissen«, wiederholte Shar lächelnd. »Es ist schwer zu beurteilen, da sie beschlossen haben, ihre Armeen regelmäßig exerzieren zu lassen und außerdem neue Soldaten anwerben, aber es ist ihnen noch nicht gelungen, sich richtig zu organisieren.«

»Wenn Nekaun verhindern will, dass sie den Weißen zur Seite steht, warum tötet er sie dann nicht einfach?«, fragte sie.

»Er ist sich vielleicht nicht sicher, ob eine Invasion geplant ist«, erwiderte Vervel langsam. »Wenn das nicht der Fall ist und er Auraya tötet, könnte das der Auslöser für einen Krieg sein.«

»Aber er wird sie doch gewiss nicht gehen lassen«, sagte Shar. »Er wird sie töten, wenn der letzte Siyee fortfliegt.« Er wandte sich zu Imenja um, die Augenbrauen fragend hochgezogen.

Imenja sagte nichts. Reivan sah die Zweite Stimme an und bemerkte, dass ihre Herrin geistesabwesend die Stirn runzelte.

»Was ist los?«, murmelte sie.

Imenja blickte in die Runde. »Ich habe einen Verdacht. Ich habe ihn bisher für mich behalten, weil es nach Kuars Tod keinen Sinn hatte, darüber zu sprechen. Es ist schwer, gegen das scheinbar Offenkundige anzugehen, und wenn ich es getan hätte, hätten manche vielleicht geglaubt, ich versuchte, die Schuld auf Kuar abzuwälzen. Das wäre verabscheuenswert gewesen.« Sie hielt inne, und einen Moment lang trat ein leerer Ausdruck in ihre Augen, während sie an vergangene Ereignisse zurückdachte. »Während der Schlacht mit den Zirklern haben wir bis an die Grenze unserer Fähigkeiten Magie in uns hineingezogen. An diesem Punkt ist es verführerisch, Risiken einzugehen, und ich habe mich törichterweise darauf verlassen, dass die Götterdiener mir Rückendeckung geben würden. Ein Siyee hat mich mit einem vergifteten Pfeil getroffen.«

Alle nickten. Reivan konnte sich lebhaft an diesen Moment erinnern.

»Ich musste Magie benutzen, um das Gift aus meinem Körper auszutreiben«, fuhr Imenja fort. »Das hat mich einiges an Kraft gekostet. Und in diesem Augenblick hat Auraya Kuar angegriffen.«

Und ihn getötet, dachte Reivan. Bei der Erinnerung daran schnürte sich ihre Brust zu. Sie hatte den Leichnam gesehen. All seine Knochen waren von dem Angriff zerschmettert worden.

Imenja schüttelte den Kopf. »Meine Macht war zu diesem Zeitpunkt kaum merklich verringert. Nicht genug, um zu erklären, dass Kuar gescheitert ist.«

»Also… argwöhnst du, dass die Weißen stärker sind als wir?«, fragte Vervel stirnrunzelnd.

»Ich vermute es«, sagte Imenja. »Aber wichtiger ist, dass es Auraya war, die Kuar besiegt hat. Die anderen haben in der Wucht ihres Angriffs nicht nachgelassen. Sie muss diejenige gewesen sein, die über zusätzliche Kraftreserven verfügte.«

Die anderen tauschten einen Blick.

»Bedeutet das, dass sie mächtiger ist als eine Erste Stimme?«, hakte Shar nach.

»Es wäre möglich.«

»Dann kann Nekaun Auraya also vielleicht nicht töten.«

»Nicht ohne Hilfe.«

»Und ihm ist dieser Umstand nicht bewusst.«

Imenja zuckte die Achseln. »Ich habe versucht, ihn darauf hinzuweisen.«

Vervel seufzte und verdrehte die Augen. »Wie kommt jetzt Mirar ins Spiel?«

Imenja lächelte schief. »Das hängt davon ab, wie groß Aurayas Wunsch ist, ihn tot zu sehen. Ich bezweifle, dass sie sich als Gegenleistung für seine Ermordung auf unsere Seite schlagen würde, aber sie würde vielleicht länger hierbleiben, wenn das bedeutete, dass er getötet wird.«

»Du glaubst nicht, dass Nekaun versuchen wird, Mirar für unsere Sache zu gewinnen?«, fragte Shar.

»Ich denke, Mirar weiß, dass seine Zukunft in Südithania davon abhängt, dass er mit uns zu einer Einigung kommt, aber ich bezweifle, dass er im Krieg einen nützlichen Verbündeten abgeben würde, da Traumweber nicht töten. Er wird uns keinen Vorteil verschaffen, wenn die Zirkler Auraya auf ihrer Seite haben.«

»Es sei denn, wir töten Auraya«, warf Shar ein.

Imenja verzog grimmig das Gesicht. »Das ist wahr.«

»Sollen wir dafür sorgen, dass Auraya und Mirar nicht aufeinandertreffen?«, fragte Vervel.

Imenja dachte nach. »Nur wenn Nekaun es für notwendig erachtet. Ich würde die beiden gern bei ihrer ersten Begegnung beobachten.«

Vervel lachte leise. »Ich denke, das würden wir alle gern tun. Es dürfte sehr interessant werden.«

»Dann wollen wir sehen, was wir arrangieren können.« Imenja richtete sich auf ihrem Stuhl auf. »Gibt es noch andere Fragen? Andere Themen, die erörtert werden müssen?«

Als eine der Stimmen begann, von einer Fehde zwischen Kaufleuten in der Stadt zu reden, ließ Reivan ihre Gedanken schweifen.

Ob Auraya wohl weiß, dass Nekaun nicht die Absicht hat, sie gehen zu lassen? Ob sie weiß, dass sie stärker ist als Nekaun, und darauf setzt, dass er versuchen wird, sie ohne die Hilfe der anderen Stimmen zu töten? Ihr wurde schwindlig, als ihr plötzlich eine furchtbare Möglichkeit in den Sinn kam.

Sie wird ihn töten! Er wird nicht auf Imenja hören, daher hat er keine Ahnung, in welcher Gefahr er sich befindet. Ich muss ihn warnen!

Es dauerte lange, bis ihr Herz zu hämmern aufhörte und sie dem Gespräch wieder folgen konnte. Zu diesem Zeitpunkt hatte sie nur noch den Wunsch, dass die Stimmen zum Ende kommen würden, obwohl sie wusste, dass sie nicht zu Nekaun stürmen und ihm von ihrem Verdacht erzählen konnte. Nicht solange Auraya bei ihm war, Auraya, die Reivans Gedanken lesen konnte.

Es wird ein sehr langer Tag werden.

Emerahl hatte mehrere Stunden gebraucht, um die Trümmer und die Erde an die Ränder des Felsspalts zu schaffen. Sie hätte schneller arbeiten können, wollte aber das Risiko nicht eingehen, dass die Vibrationen den Steinbrocken lösten, der in so wackliger Position über ihr eingekeilt war. Obwohl die Barriere, die sie ständig über ihrem Kopf aufrechterhielt, stark genug sein sollte, um sie zu schützen, gefiel ihr der Gedanke, bei lebendigem Leib begraben zu werden, überhaupt nicht.

Außerdem wollte sie nichts von dem, was sie freilegte, zerstören. Mithilfe von Magie blies sie zuerst Erde und Staub weg, dann hob sie die Steinbrocken an, die sie freigelegt hatte, bis sie innehalten und neues Erdreich beiseiteschaffen musste.

Inzwischen hatte sie vom Ende des Handlaufs bis zur gegenüberliegenden Felswand einen freien Gang geschaffen. Die meisten Tempel waren streng symmetrisch angelegt - wenn hier also etwas vergraben lag, dann vermutlich in der Flucht der Handläufe und des Ganges darüber.

Während sie arbeitete, war ihr die Schrift auf den Knochen ständig gegenwärtig. Wenn nur ein Sterblicher die Schriftrolle an sich nehmen konnte, dann musste es irgendetwas geben, das einen Unsterblichen daran hinderte. Was es auch war, es musste mächtig sein. Und gefährlich.

Als sie einige Zeit zuvor Rast gemacht hatte, hatte sie ihr Licht höher steigen lassen, um den Steinbrocken über ihr zu untersuchen, und dabei hatte sie noch etwas anderes entdeckt. Sie konnte an einer Ecke daran vorbeiblicken. Die Reste des Gewölbes darüber waren von Rissen durchzogen. Im Gegensatz zu den Rissen im Tunnel, die in gleicher Richtung verliefen wie der Felsspalt, bildeten diese Risse strahlenförmige Muster. In der Mitte eines dieser Muster befand sich ein kleiner Krater.

Emerahl war davon überzeugt, dass es sich dabei um die Folgen eines magischen Angriffs handeln musste. Es gab jedoch keine derartigen Muster an den Wänden. Wer auch immer sie geschaffen hatte, hatte zielgerichtet das Dach attackiert, vielleicht um den Einsturz zu bewirken, der den Boden des Felsspalts mit Geröll gefüllt hatte.