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Als sie weiteres Erdreich wegblies, wurde eine glatte Steinfläche sichtbar. Sie verlagerte weiteren Schutt und legte etwas frei, das möglicherweise ein Kuppeldach war.

»Du hast es gefunden!«, rief Yathyir.

»Sieht so aus«, stimmte Emerahl ihm zu.

»Ich werde den anderen Bescheid geben.«

Sie öffnete den Mund, um ihm zu sagen, dass er warten solle, entschied sich dann aber dagegen. Es würde nicht schaden, wenn die Denker beobachteten, wie sie ihre Arbeit vollendete, und begriffen, mit wie viel Vorsicht sie zu Werke gegangen war. Nicht dass Barmonia ihr jemals dafür seine Anerkennung zollen würde.

Während sie weiteren Schutt beiseiteschaffte, kam immer mehr von der Kuppel zum Vorschein. Schon bald war das Geräusch von Schritten in der Halle zu hören. Sie drehte sich um und sah die fünf Denker die Wand hinuntersteigen.

Barmonia kam auf sie zu, blickte auf die Kuppel hinab und runzelte die Stirn.

»Yathyir war wahrscheinlich ein wenig voreilig«, sagte sie achselzuckend.

Er musterte sie mit hochgezogenen Augenbrauen, dann drehte er sich auf dem Absatz um.

»Mach weiter«, befahl er.

Sie verdrehte die Augen, wandte sich wieder dem Loch zu, das sie ausgehoben hatte, und setzte ihre Arbeit fort. Die Kuppel war groß, daher konzentrierte sie sich darauf, die Trümmer an der einen Seite zu entfernen. Eine Kante wurde sichtbar. Emerahl räumte weitere Steine beiseite und legte eine Wand frei. Schließlich erschien der obere Teil eines Bogengangs. An einer Angel hingen noch Reste einer Holztür, und Trümmer waren in das Gebäude gestürzt.

»Halt!«, blaffte Barmonia.

Sie verharrte. Er stieg zu der Öffnung hinab und schob seine Fackel hindurch. Nachdem er die inneren Wände ausgeleuchtet hatte, kletterte er wieder nach oben.

»Mach weiter.«

Emerahl unterdrückte einen Seufzer und legte die Öffnung frei. Als sie damit fertig war, befahl Barmonia ihr barsch, abermals innezuhalten. Er ging an ihr vorbei, blickte in das Gebäude und kehrte dann zurück.

»Wir werden den Rest von Hand erledigen.«

Die anderen Denker folgten ihm hinein. Raynora blieb neben ihr stehen und sah zu den steilen Geröllhalden zu beiden Seiten auf.

»Wir wissen deine harte Arbeit zu schätzen, Emmea«, murmelte er.

Sie lächelte. Sprichst du von dir oder von deinem heimlichen Wohltäter?

Er blickte auf. »Es ist beängstigend. Diese Felsspalte und die Risse im Tunnel verlaufen in derselben Richtung wie der Steilabbruch. Ich kann nicht umhin zu denken, dass die Stadt langsam ins Tiefland abstürzt.«

Emerahl sah ihn überrascht an, denn ihr wurde plötzlich klar, dass er wahrscheinlich recht hatte. Wenn er mit seiner Vermutung richtig liegt, wäre dies eine törichte Stelle, um einen Schatz zu verstecken. Aber um gerecht zu sein muss man wohl einräumen, dass der Priester der Sorli vermutlich nicht wusste, dass dies geschehen würde.

Raynora trat in das Gebäude. Emerahl folgte ihm und blieb im Eingang stehen, als sie sah, dass die Denker mit bloßen Händen Schutt von einer großen, steinernen Kiste räumten. Barmonia grinste breit, und sie konnte Vorfreude und Erregung bei ihm wahrnehmen. Sie ging einen Schritt weiter …

… und blieb abrupt stehen. Ein vertrautes Gefühl war in ihr aufgestiegen. Ihre Haut kribbelte, aber sie brauchte einige Sekunden, um den Grund dafür zu erkennen.

Dieses Gewölbe ist ein Leerer Raum!

Ein Leerer Raum. Ausgerechnet hier. War das einer der Gründe, warum kein Unsterblicher die Schriftrolle an sich nehmen konnte? Ohne Magie konnte sie sich nicht schützen oder heilen. Aber das Gleiche galt für jeden Sterblichen.

Yathyir hatte innegehalten, um sie anzusehen. Sie zwang sich, über die Schwelle zu treten, wobei sie die ganze Zeit über Ausschau nach einem tödlichen Mechanismus hielt, der in den Wänden, der Decke oder dem Boden versteckt sein könnte. Der Gedanke an den Steinbrocken, der über ihnen hing, war plötzlich weitaus beunruhigender als zuvor.

Emerahl blickte auf die Kiste hinab. Sie hatte die Form eines Sarges. Barmonia beugte sich vor, blies den Staub von der Oberfläche und legte einige Glyphen frei.

»Was steht da geschrieben, Emmea?«, fragte Ray.

Sie trat vor und strich mit den Fingern über die Schrift. »Hier steht: ›Selbst was kein Fleisch hat, kann sterben.‹«

»Ein Grab für eine Göttin«, bemerkte Kereon.

»Nun, zumindest werden wir diesmal keinen Leichnam stören«, sagte Barmonia leichthin. Dann legte er die Hände auf den Rand der Kiste und drückte. Nichts geschah. Ray half ihm, und der Deckel glitt mit einem trockenen, scharrenden Geräusch langsam beiseite.

Die Männer sogen einstimmig die Luft ein, ein Ausdruck der Ehrfurcht wie auch der Habgier.

Das Licht der Fackeln wurde von kostbaren Metallen und Edelsteinen zurückgeworfen. Die Kiste war mit einem Gewirr von Ketten, Kelchen, Schnallen und Waffen gefüllt, aber es war der goldene Gegenstand in der Mitte, der ihre Aufmerksamkeit auf sich zog.

Eine goldene Schriftrolle, dachte Emerahl. Pergament wäre inzwischen wohl verrottet.

Die Schriftrolle lag offen da, das »Pergament« kunstvoll gewellt, auf eine Art und Weise, wie echte Haut es nicht vermocht hätte. Auch die Runen waren reich verziert, einige davon in solchem Maße, dass ihre Form verzerrt wurde.

»Sie ist wunderschön«, flüsterte Kereon.

Nein, das ist sie nicht, dachte Emerahl. Sie ist protzig und übertrieben.

»Was steht da, Emmea?«, wollte Yathyir wissen.

Emerahl zwang sich, die ungeheure Hässlichkeit des Gegenstands zu ignorieren, und konzentrierte sich auf die Schrift. Um ein Haar hätte sie laut aufgestöhnt.

»Die Worte reimen sich. Es ist Poesie. Sehr schlechte Poesie.«

»Aber was steht dort?«

Emerahl hielt inne, um zu lesen. »Es ist eine Geschichte. Sie erzählt, dass die Göttin den Tod anderer Götter betrauert habe und… das ist interessant. Hier steht, sie habe mitgeholfen, sie zu töten, und unter schrecklichen Schuldgefühlen gelitten.« Sie las weiter. »Sie vertraute ihrem Priester alle Geheimnisse der Götter an. Hier steht, sie habe ihn gebeten, diese Geheimnisse in einer unzerstörbaren Form festzuhalten. Dann… wahrhaftig!«

»Was?«, fragte Barmonia scharf.

Emerahl blickte zu ihm auf und lächelte. »Dann hat sie sich selbst getötet. Hier. An genau dieser Stelle. Ich frage mich, ob die Götter Geister werden.«

Yathyir sah sich nervös um, und die anderen lächelten.

»Und die Geheimnisse?«, fragte Ray.

»Die Schriftrolle beschreibt sie nicht«, antwortete sie und runzelte die Stirn, als ihr bewusst wurde, dass dies die Wahrheit war.

Die Zwillinge werden enttäuscht sein, dachte sie mit unerwarteter Verbitterung. Und ich habe mich ganz umsonst mit den Denkern abgegeben. Zumindest wird es keine Rolle spielen, wenn Ray die Schriftrolle zerstört. Sie hat nur den Wert des Geldes, das man für das Gold erhalten würde, wenn man es einschmelzt.

»Lasst uns all das nach draußen schaffen«, sagte Barmonia. Die anderen verfielen in Schweigen, während er sich vorbeugte, um die Schriftrolle anzuheben. Er stöhnte vor Anstrengung.

»Sie ist schwer«, erklärte er. »Yathyir?«

Die Augen des jungen Mannes weiteten sich, und er streckte die Hände nach der Schriftrolle aus. »Ja?«

»Nicht das hier, du Narr«, knurrte Barmonia. »Kletter wieder nach oben und hol uns etwas, um all das zu transportieren. Taschen wären das Beste. Leere Taschen.«

Als Yathyir gehorsam aus dem Gebäude eilte, folgte Emerahl ihm. Sie trat hinaus und stieß einen Seufzer der Erleichterung aus, als sie wieder vertraute Magie um sich spürte. Nichts Schlimmes war ihr zugestoßen. Welche Falle man auch immer für Unsterbliche aufgestellt hatte, sie war vielleicht schon vor langer Zeit wirkungslos geworden.