»Und was ist mit Captain Faresa? Hat sich irgendetwas zu ihr zurückverfolgen lassen, bevor die Majestic zerstört wurde?«
»Es war nichts zu finden. Faresa ist immer Numos' Beispiel gefolgt, während Captain Falco gelegentlich unge-schickte Versuche unternahm, eine Nachricht nach draußen zu schmuggeln. Aber selbst wenn er noch lebte, könnte er jetzt nicht als Galionsfigur dienen.« Duellos legte die Stirn in tiefe Falten. »Ihre Feinde benötigen jemanden, den sie aufbauen können, einen Offizier, der angesehen genug ist, um als Alternative zu Ihnen akzeptiert zu werden. Bislang bin ich nicht dahintergekommen, wer das sein könnte, und das macht mir Sorgen.«
»Wir können doch sicher ein paar Kandidaten auflisten«, meinte Geary und war froh darüber, dass sich die Unterhaltung endlich nicht mehr um sein Privatleben drehte.
»Da bin ich mir nicht so sicher. Diese Galionsfigur, die Sie ersetzen soll, muss ja zumindest auch diejenigen ansprechen, die an Sie glauben. Das kann nur jemand sein, von dem nicht bekannt ist, dass er zu Ihren Widersachern gehört. Und er muss ein halbwegs brauchbarer Befehlshaber sein.«
Geary ging im Geist die Liste der Offiziere durch, die er kannte. »Also jemand, dem wir bislang vertraut haben?«
»Auf keinen Fall Tulev oder Cresida. Auch nicht Armus, obwohl wir ihm nicht trauen. Aber er ist wie eine stumpfe Waffe, er redet drauflos und handelt schnörkellos. Er könnte Sie nicht über einen längeren Zeitraum hinweg so gut täuschen. Badaya hat sich in letzter Zeit verstärkt zu Wort gemeldet, doch er ist Ihnen treu ergeben, solange er daran glaubt, dass Sie nach der Rückkehr ins Allianz-Gebiet die Macht an sich reißen werden.«
»Damit bleibt immer noch eine Menge möglicher Kandidaten übrig.«
»Richtig«, stimmte Duellos ihm zu. »Ich arbeite daran und kann nur hoffen, dass wir etwas erfahren, was uns weiter-hilft.«
»Danke. Und ich werde Co-Präsidentin Rione fragen, was ihre Spione herausfinden können.« Als er Duellos Reaktion bemerkte, fragte er: »Vertrauen Sie ihr nicht?«
»Oh, ich vertraue ihr, dass sie das tut, was für die Allianz das Beste ist. Allerdings bin ich mir nicht so sicher, ob das auch wirklich das Beste für die Allianz ist.«
Das war eine berechtigte Sorge. Geary nickte, dann auf einmal kam ihm etwas ins Gedächtnis. »Was ist mit Caligo auf der Brilliant und mit Kila auf Inspire?«
Duellos dachte über die Frage nach. »Darf ich fragen, wie Sie ausgerechnet auf diese beiden kommen?«
»Die Erkenntnis, dass keiner von ihnen bislang nennens-wert in Erscheinung getreten ist. Bei der letzten Konferenz hat Kila zum ersten Mal etwas zur Diskussion beigetragen. Und Caligo hat noch gar nichts gesagt.«
»Das liegt in Caligos Art«, erklärte Duellos. »Er und ich, wir beide haben noch nie viel geredet. Meistens sitzt er da und beobachtet das Geschehen. Er hält sich gern im Hintergrund.«
Duellos' nachdenkliche Miene nahm einen besorgten Zug an.
»Interessant, wenn man bedenkt, was für ein Typ von Offizier unserer Meinung nach infrage kommen dürfte.«
Unwillkürlich musste Geary das Gleiche denken. »Aber wie ist er so?«
»Ich habe nichts Schlechtes über ihn gehört, andererseits aber auch nicht viel Gutes«, betonte Duellos. »Er macht seine Arbeit und veranstaltet kein großes Theater, aber er hat die Vorgesetzten genügend beeindrucken können, um sich das Kommando über einen Schlachtkreuzer zu sichern.«
Unter anderen Umständen hätte sich das genau nach der Sorte Offizier angehört, wie Geary sie bevorzugte. Jetzt brachte ihn das ins Grübeln, und es ärgerte ihn, dass solche vage Andeutungen genügten, um ihn an der Loyalität eines Offiziers zweifeln zu lassen. »Und Kila?«
»Kila. Sie war bislang ungewöhnlich ruhig, wie mir gerade auffällt.« Duellos schaute etwas verlegen drein. »Bei ihr bin ich ein wenig voreingenommen. Wir beiden hatten mal was miteinander, als wir noch Ensigns waren. Das hat unsere Ausbildung aber nicht überlebt, und nachdem sich unsere Wege getrennt hatten, machte sie mir klar, dass wir in mehr als nur einer Hinsicht geschiedene Leute waren.«
»Oha«, machte Geary in mitfühlendem Tonfall.
»Letztlich war ich sogar sehr dankbar«, gab Duellos zurück.
»Sandra Kila ist ehrgeizig und aggressiv. Und dazu auch noch intelligent.«
»Klingt ein wenig nach Cresida.«
»Hmmm. Mehr nach Cresidas böser Zwillingsschwester.
Kila neigt dazu, bei ihren Vorgesetzten Eindruck zu schinden, aber von ihresgleichen und ihren Untergebenen wird sie nicht besonders gemocht, weil ihre aggressive Art zu schnell in Rücksichtslosigkeit umschlägt, auch wenn es um das Wettei-fern für einen Auftrag oder um das Abschneiden bei einer Bewertung geht.«
Das passte nicht. Geary schüttelte den Kopf. »Das hört sich nicht nach jemandem an, der still dasitzt und keine Anstalten macht, die Aufmerksamkeit des Flottenbefehlshabers auf sich zu lenken. So kann sie nicht punkten. Warum rückt sie sich bei Diskussionen nicht in den Mittelpunkt? Warum versucht sie nicht, sich bei mir beliebt zu machen? Was sie bei der letzten Konferenz von sich gegeben hat, wurde nicht mit Nachdruck vorgetragen, und es war eher dazu geeignet, mich unter Druck zu setzen. Das war nichts, womit sie mich hätte beeindrucken können.«
»Vielleicht verfolgt sie ja weitreichendere Absichten«, gab Duellos zu bedenken und fügte dann an: »Aber sie ist sehr unbeliebt bei den anderen Offizieren. Einigen von ihnen genügt der Ruf, der ihr vorauseilt, andere haben persönliche Erfahrungen mit ihr gemacht. In der Tierwelt würde man Kila als eine Tiermutter kennen, die ihre Jungen auffrisst.«
Geary zog eine Augenbraue hoch. »Sagten Sie nicht, Sie sind ein wenig voreingenommen?«
»Nur ein wenig«, bestätigte Duellos. »Aber mit meiner Meinung stehe ich nicht allein da. Kila würde man als Flottenkom-mandantin niemals akzeptieren, und sie ist klug genug, das selbst einzusehen.«
»Warum sollte ein so ehrgeiziger Offizier auf einmal einsehen, dass er an seine Grenzen gestoßen ist? Ich habe solche Offiziere gekannt. Die wollen bis an die Spitze kommen. Die nehmen sich nicht vor, es bloß bis zu einer bestimmten Höhe zu schaffen und sich damit zu begnügen. Sie merken nicht, dass sie sich oftmals mit ihren eigenen Taktiken den Weg ver-bauen, sodass sie letzten Endes nicht weiter aufsteigen können.«
»Ja, aber…« Duellos machte eine aufgebrachte Geste. »Das ist nicht mehr die Flotte, wie Sie sie kannten. Wenn Kila weiterhin Vorgesetzte hätte, die sie beeindrucken könnte, dann hätte sie Grund zu der Hoffnung, bis zur Kommandoebene befördert zu werden, auch wenn die, die unter ihr dienen, das nicht wollen. Wer bis ganz nach oben kommen will, für den ist es viel wichtiger, diplomatisches Geschick zu besitzen.«
»Meinen Sie nicht vielmehr politisches Geschick?«, fragte Geary sarkastisch.
»Sie müssen nicht ausfallend werden.« Einen Moment lang saß Duellos schweigend da, dann nickte er. »So sehr wir uns auch weigern, dieses Thema anzusprechen, haben Sie doch völlig recht. Admiral Bloch war ein viel besserer Politiker als Offizier, und das genügte, um befördert zu werden und schließlich das Kommando über diese Flotte zu erlangen. Der Flotte oder der Allianz hat er damit keinen Gefällen getan.
Vielleicht begegnen wir Leuten wie Co-Präsidentin Rione deshalb immer feindseliger, weil wir das Gefühl haben, bei ihrem Anblick in einen Spiegel zu schauen und das zu sehen, was aus uns geworden ist.«
»Rione ist nicht so schlecht«, widersprach Geary fast reflexartig. Duellos musterte ihn eine Zeit lang, bis Geary schließlich nickte. »Vielleicht ist sie das manchmal. Aber sie ist auf unserer Seite.«