»Hoffen wir, dass das so bleibt.«
Es wurde Zeit, das Thema zu wechseln. »Ist Ihnen eigentlich bekannt, ob Caligo oder Kila zu der Gruppe gehören, die Badayas Vorschlag unterstützt, mich zum Diktator zu machen?«
Duellos grübelte darüber eine Weile nach. »Bei Caligo hätte ich das eigentlich bejahen wollen, aber ich kann mich an keine einzige Situation erinnern, die das rechtfertigen würde. Kila… also, ich glaube einfach nicht, dass Kila glücklich darüber wäre, irgendeinen anderen Offizier als Diktator zu akzeptieren. Das hat weniger damit zu tun, dass sie eine gewählte Regierung unterstützen würde, das ist mehr eine Frage ihres eigenen Egos. Ich werde sehen, was sich herausfinden lässt. Sie klingen besorgt, wenn ich das so sagen darf.«
Geary atmete langsam aus. »Ich vermute, es war kein Unfall, der Casia und Yin das Leben kostete. Einer von beiden hätte sich dazu durchringen können, die Namen anderer Offiziere zu nennen, aber das wurde durch die Explosion des Shuttles vereitelt.« Duellos' Gesichtszüge waren einen Moment lang wie erstarrt, dann nickte er bedächtig. »Und wenn die Leute, die gegen mich eingestellt sind und die einen anderen Flottenkommandanten oder einen anderen Diktator haben möchten, zu einer solchen Maßnahme bereit sind, dann werden sie beim nächsten Mal vielleicht noch brutaler vorgehen.«
»Ich werde sehen, was ich in Erfahrung bringen kann. Sie haben in dieser Flotte mehr Freunde und Befürworter als je zuvor. Vielleicht kann uns einer von ihnen etwas verraten.«
»Ich habe so ein Gefühl, dass es meine Feinde sind, die uns etwas verraten müssten«, erwiderte Geary.
Sie waren noch neun Stunden vom Sprungpunkt nach Wendig entfernt und an Bord der Dauntless war der Nachtzyklus zur Hälfte vorüber, als eine Nachricht einging, die mit einem Alarm verbunden war und Geary aus dem Schlaf riss. Er schlug mit der flachen Hand auf die Bestätigungstaste, dann wurde er stutzig, da er sah, dass die Nachricht von Commander Gaes vom Schweren Kreuzer Lorica kam. Warum sollte sie ihm eine Mitteilung senden, die mit höchster Priorität zugestellt wurde und die der höchsten Sicherheitsstufe unterlag?
Es gab kein Bild, nur Commander Gaes' Stimme war zu hören, sie klang angestrengt. »Antrieb Flottensprung in den Würmersystemen.« Dann war die Mitteilung auch schon beendet, und Geary legte die Stirn in Falten. Was zum Teufel sollte denn das heißen? Der Satz hörte sich an, als hätte jemand die einzelnen Wörter in der falschen Reihenfolge zusammen-gesetzt.
Was Sinn ergäbe, wenn jemand versuchte, die Software zu überlisten, die die Nachrichtenübermittlung der Flotte über-wachte und sie dabei nach bestimmten Wortkombinationen durchsuchte. Nichts und niemand sollte in der Lage sein, einen Blick in eine Nachricht mit der höchsten Geheim-haltungsstufe zu werfen, doch Geary vertraute den Sicher-heitssystemen längst nicht mehr so sehr wie noch vor ein paar Monaten.
Was gehörte eindeutig zusammen? Sprung und Antrieb.
Sprungantrieb. Sprungantriebssysteme.
Sprungantriebssysteme der Flotte. In Würmern? Dann auf einmal wurde ihm der Satz klar. »Würmer in den Sprungantriebssystemen der Flotte.«
Er rollte sich aus dem Bett, zog seine Uniform an und rief nach Desjani: »Captain, ich muss Sie und Ihren Offizier für die Systemsicherheit so schnell wie möglich sprechen!«
Keine zehn Minuten später durchschritt Desjani die Luke zu seinem Quartier, begleitet wurde sie von einem großen, schlanken Lieutenant Commander, dessen Blick die ganze Zeit über auf einen Punkt vor seiner Nase gerichtet zu sein schien, nicht auf die Welt um ihn herum.
Geary überzeugte sich davon, dass die Luke versiegelt war und die Sicherheitssysteme seines Quartiers arbeiteten, dann spielte er die Nachricht ab, die kurz zuvor eingegangen war.
Desjani hielt den Atem an. »Wer hat Ihnen das geschickt, Sir?«
»Das möchte ich momentan lieber nicht sagen. Können Sie bestätigen, ob daran etwas wahr ist?«
»An Bord der Dauntless? Ja, Sir«, versprach sie und wandte sich zu ihrem Offizier um. »Wie lange?«
Der Lieutenant Commander verzog die Mundwinkel, während seine Augen auf ein virtuelles Display gerichtet waren, das nur er sehen konnte. »Geben Sie mir eine halbe Stunde, Captain. Gehen wir davon aus, dass es sich um einen schädlichen Wurm handelt?«
»Solange sich nichts anderes ergibt, ja.«
Zwanzig Minuten später war Desjani zurück in Gearys Quartier, der Lieutenant Commander an ihrer Seite machte einen aufgewühlten Eindruck. »Ja, Sir. Er war da. Sehr gut versteckt.«
»Was hätte er bewirkt?«, wollte er wissen.
»Beim Sprung hätte er eine Serie von verheerenden Systemausfällen ausgelöst.« Der Lieutenant Commander wirkte in der fahlen Nachtbeleuchtung von Gearys Quartier noch blasser als zuvor. »Die Dauntless hätte den Sprungraum nicht wieder verlassen.«
Geary fragte sich, wie blass er selbst wohl aussah. »Wie ist es jemandem gelungen, so etwas einzuschleusen?«
»Derjenige muss unsere Sicherheitssysteme in- und auswen-dig kennen, Sir. Wer immer das war, er ist sehr gut darin. Es handelt sich um ein schönes Design für einen Wurm, der geschaffen wurde, so viel Schaden anzurichten.«
Geary sah zu Desjani, die den Eindruck machte, als überlege sie, wie viele Meter Seil sie benötigte, um jeden aufzuknüpfen, den sie im Verdacht hatte, ihr Schiff auf diese Weise in Gefahr zu bringen. Aber die Nachricht hatte besagt, dass die Flottensysteme befallen waren. Hatten die Unbekannten jedes Schiff sabotiert, um es zu zerstören, oder war er allein die Zielscheibe dieses Anschlags? Er würde ein besseres Ge-fühl für das Ausmaß der Bedrohung bekommen, wenn er sich bei den Offizieren erkundigte, die er als seine engsten Verbündeten ansah. »Captain Desjani, Sie und Ihr Sicherheitsoffizier müssen umgehend mit den Befehlshabern der Courageous, Leviathan und Furious Kontakt aufnehmen und dabei die höchste Sicherheitsstufe anwenden. Sagen Sie den Leuten, was Sie im Sprungantrieb der Dauntless gefunden haben, und fordern Sie sie auf, umgehend die eigenen Sprungsys-teme zu untersuchen. Und sie sollen mir sofort mitteilen, ob und was sie dabei entdeckt haben.«
»Ja, Sir.« Desjani salutierte zackig, dann zog sie sich mit ihrem Lieutenant Commander rasch zurück.
Eine halbe Stunde später saß Geary im Flottenbesprechungsraum und schaute in die wütenden und entschlossenen Gesichter von Desjani, Duellos, Tulev und Cresida, wobei die letz-teren drei im virtuellen Konferenzmodus anwesend waren. Der ungewöhnlich aufgewühlte Tulev ergriff als Erster das Wort.
»Ein Wurm, ganz genau. Wenn die Leviathan zum nächsten Sprung hätte ansetzen wollen, hätte der Wurm stattdessen das Sprungsystem abgeschaltet.«
Duellos nickte bestätigend. »Auf der Courageous ebenfalls.
Wir konnten keine zerstörerischen Komponenten finden, lediglich einen Wurm, der so aufgebaut ist, dass er das System abschaltet.«
Cresida sprach ungewöhnlich ruhig, so als versuche sie ganz bewusst, keine Aufregung zu verbreiten. »Auf der Furious findet sich eine ähnlich schädliche Software wie auf der Dauntless. Wenn wir gesprungen wären, hätte es für uns kein Zurück mehr aus dem Sprung gegeben.«
Desjanis Gesicht war vor Wut rot angelaufen. »Dann wollte der Verursacher also, dass zumindest die Dauntless und die Furious zerstört werden und dass einige Schiffe im System zurückbleiben, wenn die Flotte in den Sprungraum wechselt.«
»Diejenigen, die Captain Gearys Kommando ein Ende setzen wollen, haben mit diesem Akt ihren Kameraden in der Allianz-Flotte den Krieg erklärt«, stellte Duellos fest, dessen schroffer Tonfall in einem sonderbaren Widerspruch zu seiner zurückhaltenden Wortwahl stand. »Das hat nichts mehr mit politischem Taktieren zu tun, das ist Sabotage und Verrat!