Marjana biß in einen verdächtigen Pilz, quiekte, schleuderte ihn beiseite. Was soll’s, dachte Thomas, die Pilze hier sind alle miteinander das reinste Giftzeug.
Wieder tappte jemand schweren Schritts vorüber, wobei er fast den halbdurchsichtigen Vorhang streifte. Diese verdammten Nachtgespenster! Das müssen die Elefanten sein, überlegte Thomas, sollte mich nicht wundern, wenn auch sie giftig sind … Die jungen Leute waren müde “
obwohl, der Teufel mochte wissen, ob sie’s wirklich waren. Dick machte eher den Eindruck, als wäre er bereit, im nächsten Moment einem Schakal durchs Dickicht hinterherzujagen. Oleg war nicht ganz so stabil. Der Bursche ist nicht übel und auch nicht dumm, nur traktiert Boris ihn ganz umsonst mit seinen idealistischen Theorien. Die Siedlung muß überleben, darum geht es. Heute und auch morgen. Keine Ahnung, wann wir anfangen werden, Städte zu bauen und Satelliten hochzuschicken. In tausend Jahren? Aber auch für diesen Fall gilt es heute zu überleben.
Der Vorhang bewegte sich sacht, offenbar hatte der nächtliche Gast beschlossen, ihn herunterzureißen. Thomas kam Dick zuvor, er nahm ein schwelendes Holzscheit und schaute in die Dämmerung, in den Nebel hinaus. Ein dunkler Schatten glitt zurück, löste sich im grauen Dunst auf, als würde ein Spaßvogel einen Luftballon zu sich heranziehen.
„Ich weiß ja nicht“, sagte Thomas, „so was hab ich früher nicht bemerkt.“
„Wir müssen am Feuer Wache halten“, sagte Dick.
„Ich hab kein bißchen Lust zu schlafen“, sagte Oleg.
„Jetzt eine gute Pistole“, sagte Thomas, „eine wirklich gute, eine automatische.“
„In fünf Minuten ist das Essen fertig“, sagte Marjana.
„Eine schmackhafte Suppe. Tante Luisa hat lauter weiße Pilze für uns ausgesucht, wirklich nett.“
Ganz weit weg klatschte etwas zu Boden, dann war das leichte Getrappel zahlreicher Füße und Gemecker zu hören. Ein vielstimmiges, verzweifeltes Gemecker.
Marjana sprang auf die Beine. „Das sind Ziegenböcke!“
„Deinen haben sie schon gefressen“, sagte Dick. „Wer die wohl jagt?“ „Ein giftiger Elefant“, sagte, unerwartet für sich selbst, Thomas.
„Wer?“ fragte Marjana erstaunt.
Dick lachte. „Gut, so werden wir ihn nennen“, sagte er.
Das Gemecker ging in einen hohen Schrei über, einen Kinderschrei. Danach war alles still. Dann wieder Getrappel.
„Ich glaube, die kommen aus dem weißen Pilz“, sagte Oleg.
„Wer?“ fragte Dick.
„Die giftigen Elefanten.“
„Das sind böse Geister“, sagte Marjana, „Kristina hat immer davon erzählt.“
„Böse Geister gibt es nicht“, sagte Oleg.
„Geh nur ein Stück tiefer rein in den Wald“, sagte Dick.
„Ruhe jetzt“, befahl Thomas.
Ganz dicht jagten die Ziegenböcke vorbei, hinter ihnen, weich und selten auftretend, der Verfolger. Die kleine Menschengruppe verschanzte sich hinter dem Feuer, das sich jetzt zwischen ihnen und dem Zeltvorhang befand. Sie hielten die Waffen im Anschlag. Unbekannte Tiere flößten stets Furcht weil man ihr Verhalten nicht kannte.
Der Vorhang wurde zur Seite gerissen, in seiner ganzen Länge aufgeschlitzt, und in die Höhle stürmte ein grünes behaartes Wesen von der Größe eines Menschen, nur viel runder, vierbeinig und mit einem knochigen Rückenkamm, der aus dem Fell ragte wie eine Hügelkette aus dem Wald. Das Tier zitterte leise am ganzen Körper. Seine kleinen roten Augen blickten stumpfsinnig und verloren.
Dick legte schon die Armbrust an, es sollte ein Todesschuß werden. „Halt“, rief Marjana, „das ist doch ein Ziegenbock!“
„Genau“, flüsterte Dick, ohne sich von der Stelle zu rühren, nicht einmal die Lippen bewegte er dabei, „das da ist Fleisch.“
Aber Marjana ging bereits, einen Bogen um das Feuer machend, auf das Tier zu.
„So warte doch“, Thomas wollte sie zurückhalten, aber das Mädchen schüttelte seine Hand ab.
„Das ist mein Ziegenbock“, sagte sie.
„Deiner hat schon längst das Zeitliche gesegnet“, erwiderte Dick, ließ jedoch die Hand mit der Armbrust sinken. Sie hatten noch Fleischvorräte, und einfach so zu töten widerstrebte ihm. Die Jäger erlegten nur das, was sie forttragen konnten.
Der Ziegenbock begann langsam zurückzuweichen.
Dann erstarrte er reglos. Offenbar war das, was ihn draußen erwartete, schlimmer als Marjana. Das Mädchen bückte sich, holte schnell einen schmackhaften Trockenpilz aus dem Sack und hielt ihn dem Ziegenbock hin. Das Tier seufzte, schnupperte, riß seinen nilpferdartigen Rachen auf und schnurpste das Geschenk gehorsam auf.
Die erste Wache übernahm Oleg. Der Ziegenbock machte keine Anstalten, seinen Zufluchtsort zu verlassen. Er quetschte sich an die Wand, als wollte er eins werden mit ihr, sah Oleg unverwandt mit einem Auge an und seufzte von Zeit zu Zeit geräuschvoll auf. Dann begann er sich an der Wand zu reiben.
„Du setzt uns noch Flöhe her“, sagte Oleg. „Steh still, oder ich jag dich raus.“
Der aufmerksame, reglose Blick des Tieres erweckte den Eindruck, als höre es zu und verstehe ihn, in Wirklichkeit jedoch lauschte es nur nach draußen.
Oleg, das niederbrennende Feuer beobachtend, nickte unmerklich ein. Er glaubte eindeutig wach zu sein, die blauen Funken über den Holzscheiten aufsteigen zu sehn, die einen Reigen bildeten und tanzten. Doch plötzlich stieß der Ziegenbock ein erschrockenes Meckern aus und begann mit den Hufen zu scharren. Oleg fuhr hoch, begriff nicht gleich, wo er sich befand, und brauchte ein, zwei Sekunden, ehe ihm bewußt wurde, daß der Bock nicht mehr an seinem früheren Platz stand, sondern ins Innere der Höhle gesprungen war. Durch das Loch im Vorhang aber kroch langsam eine graue, blasenschlagende Masse, ergoß sich wie Teig in die Höhle. Möglicherweise war sie aber auch nicht grau, sondern, angestrahlt vom letzten Widerschein des Feuers, rosafarben; auf jeden Fall schien ihr eine stumpfe Neugier, eine gelassene Beharrlichkeit innezuwohnen. Der Ziegenbock meckerte verzweifelt, flehte um Hilfe, er nahm wohl an, das Gebilde sei eigens seinetwegen hergekommen. Oleg überlegte sich flüchtig, daß diese teigige Masse für eine nächtliche Vision reichlich häßlich war. Er tastete mit den Händen das Gestein um sich her ab, konnte aber die Armbrust nicht finden. Er war allerdings auch nicht in der Lage, den Blick von dem immer näher kommenden Gebilde zu lösen, das einen säuerlichen, geradezu betäubenden Geruch ausströmte. Plötzlich nahm er wahr, daß sich ein federbesetzter Pfeil in die Flanke des teigigen Gebildes bohrte, fast bis zur Hälfte darin verschwand, um dann gänzlich hineinzutauchen. Der Teig straffte sich leicht und behende, zog sich zusammen und löste sich in Nichts auf, die Ränder des Vorhangs schlossen sich wieder, und er bauschte sich träge.
Da erst wagte Oleg, den Blick abzuwenden. Die Armbrust, die er suchte, lag zwei Zentimeter von seinen gespreizten Fingern entfernt. Neben ihm saß Dick, stramm, kräftig und frisch, als hätte er sich gar nicht erst schlafen gelegt. Er ließ die Armbrust sinken und sagte: „Vielleicht hätte ich nicht schießen, sondern erst mal abwarten sollen.“
„Weshalb hast du's dann getan?“ fragte Marjana, die mit ausgestreckter Hand, ohne aufzustehen, die dünnen, mit einem Panzer bedeckten Beine des Ziegenbocks streichelte.
Das Tier schluchzte leise vor sich hin, wie ein Kind, klagte Marjana seine Angst. „Weil Oleg wie versteinert dasaß“, erwiderte Dick, „und dieses Zeug schon ganz dicht an ihn heran war.“ Er wollte Oleg weder kränken noch ihm einen Vorwurf machen, er sagte einfach das, was er dachte. „Ich hatte keine Zeit mehr, nach einem Holzscheit zu greifen.“
„Warst du eingeschlafen?“ fragte Thomas Oleg.
Thomas lag, unterm Kopf den Sack mit dem Dörrfleisch, in eine Decke gewickelt da. Er fror mehr als die anderen, konnte sich einfach nicht an die Kälte gewöhnen. Wenn erst der richtige Frost kommt, dachte Oleg, wird er’s am allerschwersten haben.