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Es war etwas wärmer geworden, der Schnee unter den Füßen begann zu tauen. Auch war es glatt, und da sie im Laufe des Tages an die zehn Mal den Bach überqueren mußten, der sich von Hang zu Hang durch das Tal schlängelte, fielen ihnen fast die Beine ab.

Das kleine Tal, durch das der Bach floß, wurde allmählich enger, die dunklen steinigen Wände ragten nun immer steiler auf, rückten näher zusammen, so daß sie den Bach in ewigen Schatten tauchten. Sein Murmeln wurde zu einem finsteren Murren, das von den Felsen wie in einem Faß zurückgeworfen wurde. Es war ungemütlich und furchterregend. Niemand außer Thomas war bisher in den Bergen gewesen, selbst Dick verlor seine Selbstsicherheit, er rannte nicht mehr voran, schaute nur immer nach oben, ob nicht etwa ein Stein herabstürzte, und erkundigte sich ein ums andere Mal bei Thomas: „Sind wir nicht bald da? Wie lange dauert es noch?“

„Gegen Abend sind wir am Ziel“, sagte Thomas.

Thomas war, wie auch den anderen, mittlerweile warm geworden, er geriet sogar in Schweiß. Er hustete fast nicht mehr und ging schneller als am Vortag. Nur griff er sich manchmal an die Seite.

„Erkennen Sie die Gegend wieder?“ fragte Marjana.

Sie ging am Schluß und trieb die Ziege vor sich her, der das ganze Unternehmen nun endgültig zuwider war. Das Tier blieb oft stehen und drehte sich zu Marjana um, als bitte es, wieder zurück in den Wald zu dürfen, in freies Gelände.

„Tja, wie soll ich sagen“, erwiderte Thomas. „Letztes Mal sind wir gar nicht erst bis hierher gelangt. Als wir aber vor fünfzehn Jahren vom Paß kamen, lag hier Schnee, die Tage waren kurz, und wir sahen uns kaum um. Wir hatten damals gerade etwas Hoffnung gefaßt, zum ersten Mal Hoffnung, waren aber auch sehr erschöpft. Der Weg von hier bis zur Siedlung nahm mehr als eine Woche in Anspruch.“

Dick, der voranschritt, blieb plötzlich wie erstarrt stehen und hob den Arm.

Alle machten halt, sogar die Ziege, als hätte sie den Befehl verstanden. Dick, die Armbrust im Anschlag, bewegte sich langsam vorwärts, dann bückte er sich. „Seht mal“, rief er, „ihr seid damals tatsächlich hier entlanggegangen!“

Hinter einem großen Stein lag, matt glänzend und sich in einer Bachwindung spiegelnd, ein faszinierender Gegenstand. Er war aus Aluminium und besaß Ähnlichkeit mit einer plattgedrückten Kugel, auf der eine weiße Kappe steckte. Er hatte auch einen Riemen, so daß man ihn über der Schulter tragen konnte.

Dick hob den Gegenstand auf und sagte: „Wahrscheinlich ist ein Stein draufgefallen.“

„Nein“, erwiderte Thomas, der herangetreten war und Dick den Gegenstand aus der Hand nahm, „das muß so sein. Wir machten an dieser Stelle Rast, und jemand … Aber ja, natürlich Waitkus! Es ist seine Feldflasche. Er wird sich freuen, wenn wir sie ihm bringen!“

„Eine Feldflasche ist das?“ fragte Marjana und betrachtete den glänzenden Gegenstand.

„Ja, man transportiert Wasser darin.“ Thomas schüttelte die Flasche, und alle hörten eine Flüssigkeit darin plätschern.

„Eine praktische Sache“, sagte Dick.

„Sie ist ganz bewußt so flach gearbeitet, damit man sie bequemer auf der Hüfte tragen kann.“ Thomas schraubte vorsichtig den Verschluß ab.

„Sie sieht hübsch aus“, sagte Marjana. „Ich werde sie zur Jagd mitnehmen“, sagte Dick.

„Waitkus braucht sie ja nicht mehr, er ist krank.“

Thomas führte die Flasche an die Nase und roch daran.

„Teufel noch mal“, rief er aus, „man könnte glatt den Verstand verlieren!“

„Was ist los?“ fragte Oleg, der die Flasche gern mal in die Hand genommen hätte.

„Da ist Kognak drin, Kinder! Begreift ihr denn nicht “

Kognak!“

Die Ziege war inzwischen ein Stück zur Seite gesprungen und hatte mit einem verwunderten Meckern auf sich aufmerksam gemacht.

Oleg ging zu ihr. In einer Vertiefung hinter Steinen lag ein kleiner Haufen Blechdosen und Kasserollen — einen solchen Schatz hatte Oleg noch nie zu Gesicht bekommen.

„Thomas“, rief er, „sieh mal, was ihr noch vergessen habt!“

„Nein, nicht vergessen“, erwiderte Thomas. „Wir waren zu diesem Zeitpunkt sicher, den Wald zu erreichen und machten ein letztes Picknick. Das sind Konservendosen, verstehst du? Unnütze Konservendosen.“

„Wieso unnütz?“

„Damals jedenfalls erschienen sie uns unnütz.“ Thomas führte erneut die Flasche an die Nase und roch daran. „Ich werd verrückt, das muß ein Traum sein.“ „Also stimmt es doch, daß ihr hier entlanggekommen seid“, sagte Dick. „Ich hab manchmal daran gezweifelt, dachte, die Siedlung existiere schon immer.“

„Weißt du, das dachte ich manchmal fast selber“, gestand Thomas lächelnd. Er nahm einen Schluck der Flasche, blinzelte. „Ich werde am Leben bleiben“, sagte er und fing an zu husten. Er lächelte, trotzdem weiter.

Marjana sammelte die Konservendosen ein und packte sie in den Sack. Die Ziege seufzte ein ums andre Mal und jammerte — ihr behagten die Büchsen nicht, sie waren etwas Fremdes.

„Du brauchst sie nicht mitzuschleppen“, sagte Thomas lachend, „wirklich nicht. Sie sind doch leer. Du kannst dir bei Bedarf tausend andere nehmen, verstehst du?“

„Na, ich weiß nicht“, sagte Marjana sachlich. „Wenn wir keine mehr finden, kommen uns auch die zupaß. Dann kehren wir wenigstens nicht mit leeren Händen heim. Vater kann aus diesen Büchsen alles mögliche herstellen.“

„Dann nimmst du sie auf dem Rückweg mit“, sagte Oleg. Er wollte gern von dem Kognak kosten, der Thomas so froh stimmte.

„Und wenn andere sie mitnehmen?“ fragte Marjana.

„Wer denn?“ antwortete Thomas. „Volle sechzehn Jahre hat niemand sie angerührt. Ziegenböcke aber können nichts damit anfangen.“

Marjana sammelte dennoch alle Büchsen ein, sogar die löchrigen. „Laß mich mal einen Schluck nehmen, Thomas“, sagte Dick. „Aus der Flasche.“

„Es wird dir nicht schmecken“, erwiderte Thomas. „Für Kinder und Wilde ist Kognak nicht gut.“ Er reichte Dick dennoch die Flasche.

Man muß nur darum bitten, dachte Oleg. Während ich mir alles immer bloß wünsche, greift Dick einfach zu.

„Aber vorsichtig“, warnte Thomas. „Nur kleinen Schluck.“

„Keine Angst“, sagte Dick, „wenn’s dir nicht schadet, dann mir um so weniger. Ich bin kräftiger als du.“

Thomas gab keine Antwort. Oleg hatte den Eindruck, daß er lächelte. Dick setzte die Flasche an und nahm einen Zug. Offenbar war dieser Kognak sehr bitter, denn Dick ließ das Gefäß fallen und fing, die Hand am Hals, fürchterlich an zu husten. Thomas konnte die Flasche gerade noch auffangen.

„Ich habe dich gewarnt“, sagte er vorwurfsvoll, ohne jede Spur von Mitleid.

Marjana stürzte zu Dick, der hochrot und unglücklich dastand.

„Das brennt ja scheußlich!“ brachte er schließlich heraus.

„Warum haben Sie das zugelassen?“ sagte Marjana ärgerlich zu Thomas. Sie rannte zu ihrem Sack und begann darin zu wühlen. Oleg wußte, daß sie nach einem Mittel gegen Verbrennungen suchte. „Es geht gleich vorbei“, sagte Thomas. „Du bist doch ein Wilder, Dick. Folglich mußt du eine dir unbekannte Flüssigkeit kosten, als wäre es Gift. Mit der Zungenspitze …“

Dick winkte wütend ab. „Ich hab dir vertraut“, sagte er, „eben einfach vertraut. Du hast doch auch davon getrunken.“

Dick fühlte sich erniedrigt, das vertrug er nicht.

„Hier“, sagte Marjana, „kau dieses Kraut. Es hilft.“

„Nicht nötig“, knurrte Dick.

„Es ist schon vorbei“, sagte Thomas. „Jetzt ist es ihm angenehm.“

„Stimmt nicht“, erwiderte Dick, aber das war geschwindelt.