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„Hat noch jemand Lust, sich zu verbrennen.“ fragte Thomas. „Na, wie sieht’s aus, meine tapferen Stammesbrüder? Übrigens bezeichneten die amerikanischen Indianer dieses Zeug als Feuerwasser.“

„Später ergaben sie sich dann dem Trunk und verkauften ihr Land für ein Spottgeld an die weißen Siedler“, erinnerte sich Oleg an seine Geschichtstunden.

„Das also ist der bewußte Branntwein?“

„Genau. Nur daß ihr Gesöff nicht diese Qualität, hatte.“

Thomas hängte sich die Flasche um. Dick bedachte sie mit einem langen Blick — er hätte den verdammten Kognak mit Vergnügen ausgekippt und stattdessen Wasser eingefüllt. Sie ließen sich auf Steinen nieder und machten Rast.

Marjana teilte jedem eine Handvoll getrockneter Pilze und ein Stück Dörrfleisch zu. Auch die Ziege bekam Pilze.

Dick quittierte das mit einem unzufriedenen Blick, schwieg aber. Das Tier schnurpste die Mahlzeit manierlich auf und schaute das Mädchen fragend an — vielleicht war eine Zugabe drin. Die Ziege hatte es in dieser Gegend schwer, Nahrung zu finden, deshalb war sie hungrig.

„Und euer ganzes Essen war in diesen Büchsen?“ fragte Oleg.

„Nicht nur“, antwortete Thomas. „Es befand sich auch in Kisten, Schachteln, Containern, Flaschen, Tuben, Ballons, Säcken und was weiß ich sonst. Zu essen hatten wir jede Menge, das kann ich euch versichern, meine Freunde. Und dann gab’s da noch Zigaretten, von denen ich oft träume.“

Oleg begriff schlagartig, daß die Flasche, die Konservendosen und die anderen Spuren, auf die sie gestoßen waren, nicht nur ihn und Dick beeindruckten. Am meisten wirkte das alles auf Thomas. So als hätte er bis zu diesem Augenblick selbst nicht recht daran geglaubt, irgendwann einmal jenseits des Passes gewesen zu sein, eine Beziehung zu jener anderen Welt besessen zu haben, wo aus glänzenden Konservendosen gegessen und Kognak aus der Flasche getrunken wurde. Und diese, fremde, von Oleg erwünschte, für Dick freilich unnütze Welt ließ Thomas ein wenig von ihnen abrücken. Denn in Wirklichkeit gehörte Thomas zu jenen Leuten, die bereits tot waren oder an ihrem Lebensende standen. Für sie symbolisierten der Wald und die Gletscher eine Sackgasse und Ausweglosigkeit, für Oleg hingegen, noch viel mehr aber für Dick, bedeuteten sie den einzigen angestammten Platz im ganzen Universum.

„Gehen wir“, sagte Thomas und erhob sich. „Jetzt bin ich fast überzeugt, daß wir’s schaffen, auch wenn die schwierigste Wegstrecke noch vor uns liegt.“

Sie marschierten weiter. Marjana hielt sich Dicks Nähe auf, denn sie fürchtete, ihm könnte noch schlecht sein. Sie hatte die Eigenschaft, alle und jeden zu bemitleiden.

Mitunter fand Oleg das rührend, diesmal jedoch ärgerte es ihn. Man sah schließlich auf den ersten Blick, daß Dick in bester Verfassung war. Lediglich seine Augen glänzten, und er sprach lauter als gewöhnlich.

„Das ist gewissermaßen eine Tür“, sagte Thomas, der neben Oleg ging. „Eine Tür, hinter der meine Erinnerungen beginnen. Verstehst du das?“

„Ja“, sagte Oleg.

„Bis jetzt existierte alles nur in meiner Vorstellung“, fuhr Thomas fort. „Ich hatte diesen Gebirgspaß völlig vergessen. Deine Mutter trug dich auf den Armen. Sie war schon ganz von Kräften, überließ dich aber keinem anderen. Du warst sehr still. Dick dagegen brüllte, wie es sich für einen hungrigen und unglücklichen Säugling gehörte. Wirklich, du hast keinen Laut von dir gegeben. Und Egli war ständig um deine Mutter herum, beide waren höchstens fünfundzwanzig, fast noch Mädchen und schon lange befreundet. Egli wollte immerzu überprüfen, ob du noch am Leben bist, doch deine Mutter ließ das nicht zu.

Ihr war nichts geblieben außer dir. Sie klammerte sich an dich.“

Thomas wurde plötzlich von heftigem Husten geschüttelt. Er klappte zusammen wie ein Taschenmesser, stützte sich mit der Hand gegen eine Stein, und Oleg bemerkte, wie gelb und dünn seine Finger waren. Dick und Marjana waren schon vorausgegangen und hinter einer Wegbiegung verschwunden.

„Geben Sie Ihren Sack her, ich trage ihn“, sagte Oleg schuldbewußt.

„Nicht nötig, es geht gleich vorüber. Warte, gleich …“

Thomas lächelte schuldbewußt. „Eigentlich müßte ich euch Jungen ja mit gutem Beispiel vorangehen, euch führen, statt dessen schleppe ich mich nur so dahin … Ich glaubte, es würde besser werden, wenn ich von dem Kognak trinke.

Wie naiv …“

„Nehmen Sie doch noch einen Schluck“, schlug Oleg vor.

„Das nützt nichts, ich bin’s nicht mehr gewöhnt.

Außerdem hab ich Temperatur. Ach, wenn wir den Gebirgspaß doch erreichen würden. Ich müßte ins Krankenhaus, brauchte Ruhe und Behandlung statt heldenhafter Bergbesteigungen.“ Nach zwei Stunden hatten sie die Schlucht hinter sich gebracht. Der Bach stürzte jetzt als kleiner Wasserfall von einem etwa zwei Meter hohen Felsen herab. Ihn zu erklimmen, war jedoch schwierig. Thomas war so von Kräften, daß sie ihn buchstäblich hinaufziehen mußten. Die Ziege wurde am Seil hochgezerrt, und es grenzte fast an ein Wunder, daß niemand verletzt wurde, als das verängstigte Tier mit den spitzen, hart gepanzerten Hufen dabei wild um sich schlug.

Es war schon eine seltsame Empfindung: Mehrere Stunden lang waren sie die enge, halbdunkle Schlucht emporgeklommen, hatten nur das Rauschen des Wassers vernommen, plötzlich jedoch standen sie im Banne von so viel Raum und Weite, wie es Oleg noch nie gesehen hatte.

Die schneebedeckte, hier und da das Gestein freigebende Hochebene erstreckte sich über mehrere Kilometer und stieß gegen eine Gebirgswand. Hinter ihnen dagegen fiel sie als endloser steiler Hang ab und verlor sich in einem breiten Tal, das zunächst kahl und steinig, danach aber von Gebüsch— und Baumtupfen bedeckt war. Erst zum Horizont hin ging das Grün ineinander über und verschmolz zu dichtem, unübersehbarem Wald. Dort, drei Tage Wegstrecke von ihnen entfernt, lag auch die Siedlung, die man von dieser Stelle aus freilich nicht sehen konnte.

„Hier“, sagte Thomas, noch immer nach Luft ringend, „hier begriffen wir, daß wir gerettet waren. Wir kamen von den Bergen, doch was heißt kamen, wir krochen, zogen, selber halb erfroren, die Kranken hinter uns her, glaubten schon an nichts mehr und gelangten urplötzlich an den Rand dieser Hochebene. Sie steigt, wie ihr sehen könnt, leicht bis zu uns an, deshalb wußten wir erst, als wir hier anlangten, daß es wieder Hoffnung für uns gab. Damals herrschte ein heftiges Schneetreiben … ja, wer war seinerzeit eigentlich der erste? Ich glaube, Boris. Aber natürlich, es war Boris. Er eilte etwas voraus und blieb plötzlich stehen. Ich weiß noch genau, wie unvermittelt er innehielt, war aber zu erschöpft, um zu begreifen, weshalb er das tat. Als ich dann ankam, sagte er kein Wort. Er weinte, und sein Gesicht war ganz vereist. Die Sicht war an diesem Tag schlecht, doch mitunter lichtete sich der Schneeschleier für eine Minute, und wir begriffen, daß dort unten ein Tal lag, in dem Bäume wuchsen. Das aber bedeutete Leben …“

Wind ging, zum Glück nicht sehr stark, die Ziege tobte ausgelassen umher, freute sich an der Weite, vollführte, das zottige Hinterteil hochwerfend und tiefe dreieckige Spuren auf dem Schneelaken hinterlassend, große Sprünge. Sie blieb an einer braunen Stelle stehen und begann die gefrorene Erde mit dem Hornhöcker auf der Nase aufzureißen. Dabei seufzte sie und meckerte begehrlich offenbar steckte etwas ungemein Schmackhaftes im Boden.

„Hier gibt’s kein Wild“, sagte Dick vorwurfsvoll zu Thomas, als sei der schuld. „Wenn alles normal verläuft, sind wir in drei oder vier Tagen am Ziel“, erwiderte Thomas.

„Ich denke, ihr habt zwei Wochen gebraucht.“

„Ja, dreizehn Tage. Damals herrschte starker Frost, wir hatten viele Kranke und Verletzte bei uns, jetzt dagegen sind wir fast ohne Gepäck. Erstaunlich, wirklich … Als wär’s erst gestern — Boris und ich stehen hier an dieser Stelle und schaun hinunter ins Tal. Und wir begreifen, daß es Hoffnung gibt.“