»Doch, ich«, sage ich. »Ich brauche dich.« Er wirkt erschrocken. Er atmet tief ein, als wollte er zu einer langen Erklärung ansetzen, und das ist nicht gut, ganz und gar nicht, denn dann spricht er wieder von Prim und meiner Mutter und allem, und das würde mich nur verwirren. Deshalb verschließe ich seine Lippen schnell mit einem Kuss.
Ich spüre es wieder. Was ich erst einmal gespürt habe. Letztes Jahr, in der Höhle, als ich Haymitch dazu bewegen wollte, uns Nahrung zu schicken. Während dieser Spiele und danach habe ich Peeta tausendmal geküsst. Aber nur bei einem Kuss hat sich in mir drin etwas gerührt. Nur bei diesem einen Kuss wollte ich mehr. Doch dann fing meine Kopfwunde wieder an zu bluten, und er meinte, ich solle mich hinlegen.
Diesmal unterbricht uns nichts. Und nach ein paar Ansätzen gibt Peeta auf. In mir wird es immer wärmer, und die Wärme strömt von meiner Brust durch den ganzen Körper, durch Arme und Beine bis in die Spitzen. Doch die Küsse stellen mich nicht zufrieden, im Gegenteil, ich will immer mehr. Ich dachte, in Sachen Hunger wüsste ich Bescheid, aber dies hier ist etwas ganz Neues.
Das erste Krachen des Gewitters - der Blitz, der um Mitternacht in den Baum einschlägt - bringt uns in die Wirklichkeit zurück. Auch Finnick wacht davon auf. Mit einem gellenden Schrei fährt er hoch. Er gräbt die Finger in den Sand und vergewissert sich, dass sein Albtraum nicht Wirklichkeit ist.
»Ich kann sowieso nicht mehr schlafen«, sagt er. »Einer von euch soll sich ausruhen.« Erst dann sieht er unsere Gesichter und dass wir eng umschlungen dasitzen. »Oder beide. Ich kann allein Wache halten.«
Doch das lässt Peeta nicht zu. »Zu gefährlich«, sagt er. »Ich bin nicht müde. Leg du dich hin, Katniss.« Ich protestiere nicht, denn wenn ich dafür sorgen soll, dass er am Leben bleibt, muss ich jetzt schlafen. Er begleitet mich zu den anderen. Dann legt er mir die Kette mit dem Medaillon um und hält seine Hand auf die Stelle, wo angeblich unser Baby heranwächst. »Du wirst bestimmt eine großartige Mutter«, sagt er. Er küsst mich ein letztes Mal und geht zurück zu Finnick.
Seine Bemerkung über das Baby zeigt mir, dass unsere Auszeit von den Spielen vorbei ist. Dass er weiß, dass die Zuschauer sich fragen, wieso er nicht das überzeugendste Argument eingesetzt hat, das ihm zur Verfügung steht. Dass die Sponsoren manipuliert werden müssen.
Oder steckt noch mehr dahinter?, frage ich mich, als ich mich in den Sand lege. Wollte er mich daran erinnern, dass ich eines Tages auch mit Gale Kinder haben könnte? Falls es das gewesen sein sollte, dann war es ein Fehler. Denn erstens hatte ich sowieso nie vor, Kinder zu bekommen. Und zweitens: Wenn einer von uns Kinder haben sollte, dann Peeta, das sieht jeder.
Während ich wegdämmere, versuche ich mir diese Welt vorzustellen, irgendwann in der Zukunft, ohne die Spiele, ohne das Kapitol. Ein Ort wie die Weide in dem Lied, das ich für Rue sang, als sie starb. Wo Peetas Kind in Sicherheit wäre.
25
Als ich aufwache, verspüre ich ein kurzes, köstliches Glücksgefühl, das irgendwie mit Peeta zusammenhängt. Ein absurdes Gefühl, natürlich, denn so, wie die Dinge stehen, werde ich innerhalb des nächsten Tages tot sein. Jedenfalls, wenn alles nach Plan läuft und ich die übrigen Mitspieler einschließlich meiner selbst eliminieren kann, damit Peeta zum Sieger des Jubel-Jubiläums gekürt wird. Trotzdem, dieses Gefühl kommt so unerwartet und ist so süß, dass ich es festhalte, wenn auch nur für wenige Augenblicke. Bis der grobe Sand, die heiße Sonne und meine juckende Haut mich zwingen, in die Wirklichkeit zurückzukehren.
Die anderen sind schon aufgestanden und beobachten einen Fallschirm, der gerade auf den Strand gesegelt kommt. Ich geselle mich zu ihnen. Wieder eine Lieferung Brot. Exakt das gleiche wie gestern Abend. Vierundzwanzig Brötchen aus Distrikt 3. Damit haben wir insgesamt dreiunddreißig. Jeder nimmt fünf, acht bleiben als Reserve. Nach dem nächsten Toten unter uns ließe sich acht prima teilen, aber das spricht keiner aus. Irgendwie ist der Scherz, wer noch da sein wird, um diese Brötchen zu essen, bei Tageslicht nicht mehr so witzig.
Wie lange können wir dieses Bündnis aufrechterhalten? Es hat wohl keiner damit gerechnet, dass die Anzahl der Tribute so schnell zusammenschmelzen würde. Was, wenn ich mich geirrt habe und die anderen Peeta gar nicht beschützen wollten? Wenn alles nur Zufall war oder Strategie, um unser Vertrauen zu gewinnen, uns zur leichten Beute zu machen, oder wenn ich überhaupt nicht durchblicke, was hier eigentiich vor sich geht? Halt, da gibt es nichts zu deuteln. Ich blicke tatsächlich nicht durch. Und deshalb ist es höchste Zeit für Peeta und mich, von hier zu verschwinden.
Ich setze mich neben Peeta in den Sand und esse meine Brötchen. Aus irgendeinem Grund fällt es mir schwer, ihn anzuschauen. Vielleicht wegen der Küsserei gestern Abend, obwohl das Küssen ja eigentlich nichts Neues für uns ist. Für ihn hat es sich womöglich auch gar nicht anders angefühlt. Vielleicht liegt es auch an dem Wissen, dass uns nur noch so wenig Zeit bleibt. Und dass wir diametral entgegengesetzte Ziele verfolgen werden, sollten nur noch wir beide übrig bleiben.
Nach dem Essen nehme ich seine Hand und ziehe ihn zum Wasser. »Komm, ich bring dir Schwimmen bei.« Ich muss ihn von den anderen weglotsen, um in Ruhe zu besprechen, wie wir von hier verschwinden. Es wird nicht leicht werden, denn sobald die anderen mitbekommen, dass wir uns davonmachen wollen, werden wir umgehend von Verbündeten zu Gejagten.
Wenn ich ihm wirklich das Schwimmen beibringen wollte, müsste er den Gurt ausziehen, der ihn oben hält, aber was spielt das jetzt für eine Rolle? Ich zeige ihm also nur die grundlegenden Bewegungen und lasse ihn zur Übung in hüfthohem Wasser hin und her schwimmen. Anfangs, bemerke ich, lässt Johanna uns nicht aus den Augen, doch irgendwann verliert sie das Interesse und legt sich hin. Finnick knüpft aus Ranken ein neues Netz und Beetee spielt mit seinem Draht. Jetzt.
Während Peeta seine Schwimmübungen macht, fällt mir etwas auf. Der verbliebene Schorf beginnt sich zu lösen. Ich nehme etwas Sand und reibe damit vorsichtig über meinen Arm, bis ich die restliche Kruste abgerubbelt und die darunterliegende neue Haut freigelegt habe. Ich rufe Peeta und zeige ihm, wie auch er sich vom juckenden Schorf befreien kann, und als wir so schrubben, lenke ich das Gespräch auf die Flucht.
»Hör zu, jetzt sind wir nur noch zu acht. Ich denke, es ist Zeit abzuhauen«, flüstere ich, obwohl mich keiner der Tribute hören könnte.
Peeta nickt, und ich sehe, wie er über meinen Vorschlag nachdenkt. Abwägt, wie die Chancen für uns stehen. »Pass auf«, sagt er. »Lass uns hierbleiben, bis Brutus und Enobaria tot sind. Wenn ich richtigliege, tüftelt Beetee gerade an einer Falle für sie. Danach werden wir gehen, ich verspreche es.«
Ich bin nicht ganz überzeugt. Doch wenn wir jetzt gehen, sitzen uns zwei gegnerische Gruppen im Nacken. Vielleicht sogar drei, denn wer weiß, was Chaff im Schilde führt. Plus die Uhr, mit der wir zu kämpfen haben. Und dann ist da noch Beetee. Johanna hat ihn nur meinetwegen hergebracht, und wenn wir weg sind, wird sie ihn mit Sicherheit töten. Da fällt es mir wieder ein. Ich kann Beetee sowieso nicht beschützen. Es kann nur einen Sieger geben und das muss Peeta sein. Das muss ich akzeptieren. Alle Entscheidungen, die ich treffe, müssen auf sein Überleben ausgerichtet sein.
»In Ordnung«, sage ich. »Wir bleiben hier, bis die Karrieros tot sind. Aber dann ist Schluss.« Ich drehe mich um und winke Finnick zu. »He, Finnick, komm ins Wasser! Wir wissen jetzt, wie wir dich wieder schön machen können!«
Zu dritt scheuern wir uns die Krusten vom Körper, helfen einander mit dem Rücken, und als wir aus dem Wasser steigen, sind wir so rosig wie der Himmel. Noch einmal tragen wir die Salbe auf, weil die Haut so wirkt, als brauchte sie einen Sonnenschutz, doch auf weicher Haut sieht sie nicht halb so schlimm aus, und im Dschungel wird sie eine gute Tarnung sein.