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Er wandte sich der auf seinem Tisch ausgebreiteten Schreibarbeit zu, und ich ließ ihn allem, um in den Speisewagen zu gehen, hatte aber erst zwei Schritte getan, als mir der Hagere einfiel, und ich holte sein Foto und ging zu George zurück.

«Wer ist das?«fragte er, leicht die Stirn runzelnd.»Ja, könnte schon sein, daß er im Zug ist. Er war in Banff unten, bei den Rangiergleisen…«Er überlegte, versuchte sich zu erinnern.»Heute nachmittag, eh?«rief er plötzlich aus.»Genau. Als wir den Zug zusammengestellt haben. Die Pferde sind heute morgen als erster Wagen eines Güterzugs von Calgary raufgekommen, verstehen Sie? Der Pferdewaggon wurde auf ein Nebengleis gebracht. Dann hat unsere Lok den Pferdewaggon übernommen und anschließend die Wagen der Rennbahnbesucher. «Er konzentrierte sich.»Dieser Mann, der war da auf den Gleisen und klopfte mit einem Stock an die Tür des Pferdewaggons, und als die Drachenlady aufmachte und fragte, was er wolle, sagte er, er habe eine Nachricht für den Pfleger, der das graue Pferd versorgt. Also hieß die Drachenlady ihn warten und brachte einen Pfleger zu ihm an die Tür, aber da sagte er, das sei nicht der richtige, und er — der Pfleger, eh? — sagte, der andere Pfleger sei in Calgary ausgestiegen und er habe seine Stelle übernommen, worauf der Mann auf Ihrem Foto abmarschierte. Wo er hin ist, habe ich nicht gesehen. Ich meine, es war ja nicht wichtig.«

Ich seufzte.»Sah der Mann verärgert aus oder so etwas?«»Hab ich nicht drauf geachtet. Ich war da, um Miss Brown vor der Abfahrt noch mal zu fragen, ob im Pferdewaggon alles in Ordnung sei, und das bestätigte sie. Alle Pfleger seien schon den ganzen Tag bei ihren Pferden im Waggon und versorgten sie und würden dort bis nach der Abfahrt bleiben. Sie kümmert sich gut um die Pferde, eh? und um die Pfleger auch. Gibt nichts an ihr auszusetzen, eh?«

«Nein.«

Er wollte mir das Foto zurückgeben, doch ich sagte ihm, er solle es behalten, und fragte zögernd, ob er es bei Gelegenheit den Schlafwagenstewards im Rennbahnbesucherabschnitt zeigen könne, um festzustellen, ob der Hagere seit Toronto unter den Passagieren war oder nicht.

«Was hat er getan? Hat er schon was angestellt?«

«Einen Pfleger so verängstigt, daß er abgehauen ist.«

Er sah mich groß an.»Kein schweres Verbrechen, eh?«Seine Augen lachten.»Dafür wird er nicht lange einsitzen.«

Ich mußte ihm recht geben. Ich überließ ihn seiner Freude an den menschlichen Schwächen und kam, als ich in Richtung Speisewagen ging, an dem freundlichen Schlafwagensteward vorbei, der sich wieder auf dem Gang entspannte und die wechselnden Ansichten der schneebedeckten Riesen betrachtete.

«Das kriege ich sonst nicht zu sehen«, sagte er zur Begrüßung.

«Normalerweise komme ich nicht weiter westlich als Winnipeg. Großartig, was?«

Ich stimmte ihm zu. Das war es wirklich.

«Um welche Zeit lassen Sie die Betten runter?«fragte ich.

«Irgendwann nachdem die Fahrgäste alle in den Speisewagen gegangen sind. Jetzt ist die Hälfte von ihnen in ihrem Abteil beim Umkleiden. Zweien habe ich gerade noch zusätzliche Handtücher gebracht.«

«Wenn Sie möchten, helfe ich Ihnen nachher beim

Bettenmachen.«

«Wirklich?«Er war erstaunt und froh.»Das wäre prima.«

«Fangen Sie doch mit den Schlafräumen im Aussichtswagen an«, sagte ich,»und wenn Sie dann durch den Speisewagen kommen, gehe ich mit, und wir machen hier weiter.«

«Also, Sie müssen das aber nicht.«

«Ist mal was anderes als Servieren.«

«Und Ihre Szene«, sagte er, verständig lächelnd,»wie ist es denn damit?«

«Die kommt später«, versicherte ich ihm.

«Na gut. Dann herzlichen Dank.«

«Keine Ursache«, sagte ich und ging weiter, an Filmers geschlossener Tür vorbei, durch die massiven Türen des kalten, zugigen Verbindungsgangs, in die Wärme des Flurs neben der Küche und kam schließlich in den kleinen Bereich zwischen Küche und Speiseraum, wo Emil, Oliver und Cathy damit beschäftigt waren, die Flötengläser auszupacken.

Ich griff mir ein Handtuch und fing an zu polieren. Die drei anderen lächelten.

In der dampfenden Hitze der Küche stritten sich Angus und Simone — er hatte sie gebeten, eine Schüssel voll hartgekochter Eier zu schälen, aber Simone weigerte sich und sagte, er müsse es selbst tun.

Emil zog belustigt die Brauen hoch.»Sie wird von Tag zu Tag ärgerlicher. Angus ist ein Genie, und das paßt ihr nicht.«

Angus, der wie üblich mit sechs Händen gleichzeitig zu arbeiten schien, bereitete Backbleche mit Dutzenden frischer Appetithappen vor, die zehn Minuten in den glühendheißen Ofen kommen sollten. Ein Schub Krabben und Brie in dünnen Teiglagen, erklärte er, einer mit Huhn und Estragon, ein dritter mit Käse und Speck. Simone stemmte die Hände in die Hüften und reckte hochmütig das Kinn. Angus war dazu übergegangen,sie gänzlich zu ignorieren, was die Lage verschärfte.

Die Fahrgäste kamen wie gewohnt lange vor der festgesetzten Zeit in den Speisewagen, waren es anscheinend aber völlig zufrieden, einfach dazusitzen und zu warten. Das Schauspiel vor den Fenstern nahm ohnehin alle Augen und Münder in Anspruch, bis die Schatten in den Tälern lang wurden und nur die Gipfel noch mit langsam nachlassender Stärke leuchteten, um schließlich auch in Dunkelheit zu versinken. Der Abend kam schnell und früh im Gebirge, die Dämmerung war ein heller Schein, der sich am Himmel hielt, während die Nacht von der Erde heraufzog.

Wirklich ein Jammer, so beklagten die meisten Passagiere sich bei Nell, daß der Zug im Dunkeln durch die schönste Landschaft Kanadas fuhr. In der Zeitung, sagten sie, als ich die Sektgläser verteilte, hatte jemand geschrieben, das wäre so, wie wenn die Franzosen im Louvre in Paris das Licht ausließen. Nell sagte, es tue ihr aufrichtig leid, sie schreibe die Fahrpläne nicht und sie hoffe, alle hätten in Lake Louise einen oder zwei Berge sehen können, und das hatten sie natürlich. Die meisten waren in viersitzigen, an Drahtseilen hängenden Glaskabinen auf einen hinaufgefahren, nämlich den windigen Gipfel des Sulphur Mountain. Andere hatten gesagt, ohne uns, und waren unten geblieben. Filmer, der jetzt bei den steinreichen Besitzern von Redi-Hot saß, sagte gerade freundlich, nein, er habe an der Bustour nicht teilgenommen, sondern sich damit begnügt, in der Turnhalle in Lake Louise zu trainieren.

Filmer war vom Aussichtswagen, nicht von seinem Abteil her in den Speiseraum gekommen und hatte dabei ein verstohlensüffisantes Grinsen im Gesicht gehabt, das mir unangenehme Schauer über die Haut jagte. Wenn Julius Apollo so selbstzufrieden aussah, bedeutete das mit Sicherheit nichts Gutes.

Die Lorrimores trafen als Gruppe ein und belegten zusammen einen Tisch, wobei die zwei Sprößlinge aufsässig dreinschauten und die Eltern bedrückt. Xanthe hatte Mercer offensichtlich noch nicht zum Lachen gebracht. Rose und Cumber Young saßen bei den Upper-Gumtree-Unwins und die Flokati-Leute bei den Besitzern von Wordmaster. Ich fand es interessant, wie die Besitzer der Pferde sich zueinander hingezogen fühlten, fast als gehörten sie zu einer Bruderschaft, die von Natur aus zusammenhielt.

Vielleicht hatte Filmer das erkannt. Vielleicht hatte er deshalb solche Anstrengungen unternommen, als Besitzer in den Zug zu kommen, denn Besitzer eines der Pferde zu sein verlieh ihm

Ansehen, verlieh ihm Glaubwürdigkeit, gab ihm eine

Machtbasis. Wenn es ihm darum zu tun war, dann hatte er es erreicht. Jeder im Zug kannte Mr. Julius Filmer.